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Immer wenn die Frau an meiner Seite ihren Platz an meiner Seite verlässt, zur Mitte des Raumes schlendert und sinnenden Blickes stehen bleibt, dann hat sie eine Idee. Meistens handelt es sich dabei um eine Idee, die ich in die Tat umsetzen soll.
“Schreib doch mal was über uns”, sagte sie diesmal. “Was soll ich denn schreiben?”
“Nun, die Wahrheit, was wir so alles erlebt haben bis heute.”
 “Das glaubt uns ja doch keiner!”
 “Wenn du es schreibst, schon”. “Du meinst, ich soll schreiben, wir leben hier in  einem wunderschönen alten Bauerngut  hoch über dem Meer zusammen mit fünfzig Pferden, neun Hunden, dreiKatzen,  einer Schildkrötenfamilie, diversen freifliegenden Nachtigallen,  Fledermäusen und Glühwürmchen, mit freilaufenden Enten, ungezählten  freikriechenden Lurchen und anderem Getier. Ganz zu schweigen  von den beiden Haushaltshilfen, dem Stallmeister, dem Schabbesgoi und seinem Sohn, dem Gärtner,  ...” “Das wäre zwar die Wahrheit, aber nicht die Wirklichkeit.”
 “Und was wäre die Wirklichkeit?”
 “Die Wirklichkeit ist, daß wir Tag und Nacht arbeiten müssen, damit wir all die Leute bezahlen können, die   wir   nur deswegen eingestellt haben, damit wir etwas weniger arbeiten müssen, um endlich  hier im Süden unser Leben  zu geniessen.”
“Jetzt verstehe ich: Du möchtest, daß ich all das aufschreibe, um es anschließend an einen Verlag zu verkaufen, der uns dafür so viel bezahlt, damit wir endlich sorgenfrei leben können und weniger arbeiten müssen. Mal abgesehen von den Film- und Fernsehrechten, die uns dann endlich reich machen.”
 “... !”
 Immer, wenn sie
 “...!” macht, dann weiß ich, daß sie keinen wesentlichen Widerspruch mehr erwartet, denn
sie ist die einzige Frau, die ich kenne, die  “...”!
 mit einem Ausrufezeichen versehen kann.

Also setzte ich mich an den PC und begann darüber nachzudenken, ob all das die logische Konsequenz dessen ist, was damals in München so normal begann.
Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: Konsequenz ist nicht etwa eine gerade Strecke, deren Ende man bereits sehen kann, wenn man noch am Anfang steht. Konsequenz kann sich ohne weiteres in gewundenen Linien vollziehen. So gesehen ist “all das” schon irgendwie konsequent, und es bleibt  mir nichts anderes übrig, als ganz am Anfang zu beginnen. Doch beim weiteren Nachdenken  fällt mir auf: Soo  normal, wie es mir im Nachhinein erscheint,  war es dann auch wieder nicht. Oder doch?

Ort: München und weitere Umgebung

Zeit: jederzeit möglich

Szene: Zwei Menschen beginnen, sich kennenzulernen.

Problem: Sie ist ein gebranntes Kind, und ich bin

Der Mann danach
Ich gebe zu, es ist ein wenig „out“, der Dame des Herzens zum Zeichen der Zuneigung eine einzelne Rose zu überreichen. Heute bringt man schon eher ein Sträußchen Wiesenblumen zum Selbertrocknen aus dem alternativen Blumenladen mit.
Aber ich gebe ja auch zu, daß ich da eher ein bißchen altmodisch bin, und daß mir die rote Rose, die einzelne, ein Herzensbedürfnis ist. Und schließlich - meine Freundin ist ja doch auch in einer Zeit geprägt worden, als die rote Rose noch eine Bedeutung hatte. Also dachte ich mir nichts Schlimmes, als ich - einfach so, weil ich sie sehr lieb habe - meiner Freundin besagte Rose (einzeln) mit nach Hause brachte. Und das hätte ich lieber bleiben lassen sollen.
 „So! Eine Rose“, sagte sie spitz.
„Da möchte ich bloß wissen, was das nun schon wieder zu bedeuten hat?“ Der Abend war hin, ehe er begonnen hatte.
Ich zermarterte mir das Hirn, was ich denn „nun schon wieder“ angestellt hatte, und sie war zu keinen Erläuterungen bereit, sondern verbreitete jenes Unbehagen, das die eindeutige Botschaft aussendet: „Sei froh, daß ich überhaupt noch mit dir rede.“
 Wie hätte ich denn auch wissen können, daß Claus ihr immer eine rote Rose mitbrachte, wenn er ein schlechtes Gewissen hatte. Claus ist mein direkter Vorgänger und ein Schlitzohr. Aber irgendwann hat er wohl überzogen. Sie hatte gemerkt, daß er sie mit der Rose wiederholt hinters Licht geführt hatte, und war seither auf das „Imponiergemüse“, wie sie es nannte, schlecht zu sprechen. Und ich armes Würstchen bekam es ab - und mit mir jene meine unschuldige Rose.
Aber dieser verpatzte Abend war nicht der einzige, an dem ich mir leid tat und nicht wußte, wie mir geschah. Nur weil Claus ein Schlitzohr war. Ich bin der Mann „danach“. Alles, was mein Vorgänger an meinem Mädchen verbrochen hat, das habe ich geerbt. „Schau, ich bin doch ganz anders als Claus“, höre ich mich immer wieder sagen. Aber das nützt nichts, denn sie gibt es nicht einmal zu, daß sie mich vergleicht.
Da ist zum Beispiel die Sache mit der Eifersucht. Ich bin rasend eifersüchtig. Aber ehe ich das zugäbe, würde ich mich lieber von feurigen Rossen vierteilen lassen. Und so pflege ich - zur eigenen Beruhigung - den Satz zu sagen: „Ich vertraue dir. Und wenn ich Grund zur Eifersucht hätte, dann wäre ohnehin alles zu spät.“ Dabei komme ich mir natürlich ungemein edel vor.
 Lange Zeit habe ich nicht begriffen, daß ich sie damit bitter enttäuschte. Erst, als sie mir eines Abends - solche Gespräche finden bei uns leider immer abends statt - tränenüberströmt entgegenhielt: „Wenn du mich liebst, dann bist du auch eifersüchtig. Du bist nicht eifersüchtig, also liebst du mich nicht. Ist doch logisch!“ dämmerte mir, daß ich den Salat hatte.
Ich hatte den Salat.
Mangelnde Eifersucht gleich mangelnde Liebe. Verflixt nochmal. „Vermute ich richtig, daß Claus rasend eifersüchtig war?“ fragte ich tastend. Sie entschloß sich zu einem Teilgeständnis: „Eifersüchtig war er schon...“
Als ich fortan, wenn auch verfrüht, wie man sehen wird, meinen eifersüchtigen Gefühlen etwas freien Lauf ließ, zog ich mir bereits wieder einen Tadel zu, und ich mußte zerknirscht einsehen, daß das nun auch wieder nicht richtig war.
„Hör auf mit dieser lächerlichen, gespielten Eifersucht“, lautete ihr strenger Verweis, als ich einmal richtig in Fahrt war.
„Dieses Affentheater ist ja ekelhaft.“
Sie vermuten richtig: Claus, das Schlitzohr, hatte nämlich seine Eifersucht nur gespielt, weil er eben von Hause aus nicht mit diesem Charaktermangel behaftet war. Er spielte den rasend Eifersüchtigen, um seine rasende Verliebtheit zu beweisen. Und als diese nachließ, da ließ auch die - gespielte - Eifersucht nach. Dummerweise hatte er das eines Tages im Zorn gestanden und sie damit bis auf meine Tage verletzt.
Verstehen Sie jetzt mein Dilemma? Ich nicht. Ich vermute nämlich, daß Claus, das Schlitzohr, in Wahrheit rasend eifersüchtig  war und nur so tat, als ob er seine Eifersucht nur spielte, um...
Aber es stimmt schon, daß ich in der letzten Zeit etwas ins Grübeln geraten bin. Nun soll man nicht glauben, wir hätten ein gespanntes Verhältnis. Im Gegenteil. Es ist nur etwas schwierig, wenn man die Fehler des Vorgängers vermeiden will und sie dann gerade macht. Schwierig ist es auch dann, wenn man sich ganz normal gibt und gerade das mißverstanden wird.
Ich bin zum Beispiel ein mäßig begabter Lügner. Wenn es sein muß, dilettiere ich in dieser hohen Kunst. Im Privatleben jedoch versuche ich, nicht zu lügen. Das gelingt natürlich nicht immer, aber oft.
Ich würde auch niemals einem Partner gestatten, mich zur Lüge zu zwingen, wie das so oft vorkommt - und ganz abgesehen davon finde ich es einfach bequemer, die Wahrheit zu sagen. Wer hat schon das glänzende Gedächtnis, das ein notorischer Lügner unbedingt braucht...
Aber wie kann ich wissen, daß meine Freundin  in Gedanken bei allem, was ich sage, immer das Quantum an Lüge abzieht, das sie aus ihrer früheren Beziehung gewohnt ist. Das läuft dann etwa so:
„Du, heute ging mir alles schief. Ich haben den ganzen Tag nur Mist gebaut“, sage ich etwa. Und sie:
 „Und wovon wirst du leben?“
Sie hält mein Eingeständnis für eine maßlose Untertreibung und rechnet fest damit, daß ich fristlos entlassen worden bin. Sie könnte aber auch sagen: „Ich weiß ein gutes Versteck bei meiner Tante Berta im Westerwald. Dort bist du erstmal sicher.“ Oder: „Wir sind geschiedene Leute. Mit einem solchen verkommenen Subjekt will ich nichts zu tun haben.“
Daß ich wieder einmal einen Fehler gemacht habe, merke ich immer daran, daß sie ohne erkennbaren Anlaß einschnappt. Wie zum Beispiel dann, wenn ich einen Witz erzähle.
Das liegt nicht daran, daß sie alle meine Witze bereits kennt, oder daß ich ein todlangweiliger Witze Erzähler bin. Wenigstens liegt es nicht n u r daran. Es hat auch nichts damit zu tun, daß sie keine Witze mag. Im Gegenteil - sie hat ein ansteckendes Lachen und kann sich über einen guten Witz gar nicht beruhigen. Falls er nicht von mir erzählt wird.
Claus?.... Claus!
Der hat nämlich in einer Phase der abkühlenden Beziehung nur noch Witze gerissen, damit er die Probleme nicht zu konfrontieren brauchte. Vor allem hat er harte Männerwitze gerissen. Nun reiße ich keine harten Männerwitze - solange es besseren Gesprächsstoff und bessere Witze gibt. Aber sie hat Angst, ich könnte es tun, wenn ich einmal in Fahrt gerate.
Mein Hinweis: „Selbst, wenn ich in deiner Gegenwart einen harten Männerwitz erzählen sollte, würde das nicht bedeuten, daß mit unserer Beziehung etwas nicht stimmt, höchstens, daß ich kein besonders gutes Benehmen habe“, wird von ihr gekontert. „Siehst du, es ist dir ein Bedürfnis. Ich hatte doch recht.“ Und  dann weint sie, und das Witze Erzählen findet ein natürliches Ende.
Er ist, so höre ich, ein Autodidakt, der sich schwer nach oben gekämpft hat und im Grunde genau weiß, daß weder seine Bildung noch seine Manieren ganz abgerundet sind. Gebildete Frauen sind ihm unheimlich. Vor allem dann, wenn er neben ihnen etwas verblaßt. Die Folge ist, daß er mit dem, was er weiß, auftrumpft und vor allem weibliche Gesprächspartner niedermacht.
Es hat ihr sehr an mir gefallen, daß ich das nicht tue. Das ist kein besonderes Verdienst von mir. Ich bin so. Basta. Und ich sehe auch nicht ein, daß ich das, was ich weiß, besonders herausstellen soll.
Und jetzt wirds etwas kompliziert. „Du hast mir verheimlicht, daß du eine abgeschlossene Ausbildung hast“, sagte sie eines Abendessens betont beiläufig. Etwas zu betont beiläufig. Ich suchte nach Ausflüchten, weil mir Unheil schwante: „Ach, die paar Semester...“ „Schweig, ich habe dein Diplom gefunden!“ herrschte sie mich an.
Es war hoffnungslos. Ihre Enttäuschung war echt und tief.  Das soll nun um Himmels Willen nicht so klingen, als wäre sie ein kleines Schaf. Sie ist zwar manchmal eines - aber doch eher ein Lämmchen, das mich sehr rührt.
Sie ist aber die meiste Zeit des Tages eine gebildete, ausgeglichene, beherrschte Frau, fast eine Dame (fast!), die mitten im Leben steht und allen Leuten imponiert. Auch mir.
Claus konnte all das schlecht ertragen.  Sie hatte gedacht, ich sei einfach ein anständiger Mann, der aus Herzensbildung kein Chauvi ist. Daß ich nur deswegen keiner bin, weil ich es gar nicht nötig habe, war ein harter Schlag für sie.
Ich bin der Mann danach - und was ich auch anstelle - es ist immer falsch, wenn ich´s genauso mache wie er es getan hat. Auch wenn ich aus einem völlig anderen Grund handle.
Es ist aber auch falsch, wenn ich genau das Gegenteil tue, wenn ich dafür kein zufriedenstellendes Motiv habe. Nur ein einziges Mal  ist es mir gelungen, mit einer originalen Handlungsweise ungeteilte Bewunderung und Zustimmung zu erringen.
Das war nach unserer ersten Nacht, als ich mich morgens noch ein bißchen verschlafen räkelte und mit Entzücken hörte, wie sie draußen mit dem Frühstücksgeschirr klapperte.
Dieses Geräusch der Zweisamkeit hatte ich lange vermißt. Normalerweise würde ich das Frühstück selber machen. Aber ich war echt verschlafen und genoß meine Faulheit. „Schön, daß du zum Frühstück bei mir geblieben bist“, sagte sie einfach und küßte mich auf die Nase, nachdem sie das Tablett abgestellt hatte. Ich war glücklich.
Erst später erfuhr ich, daß Claus verheiratet war, und in jeder Nacht, die er mit ihr verbrachte, lange vor Morgengrauen verschwand...

Es ist manchmal nicht einfach, der Mann danach zu sein.

Und so bemühte ich mich fortan, tiefer in die Mentalität meiner Freundin einzusteigen. Tief genug, um wenigestens den Fährnissen  des Alltags gewachsen zu sein.
Da ist zum Beispiel die Sache mit der Reputation. Sie hat es gern, wenn man von ihr denkt, daß es ihr nicht wichtig ist, was man von ihr denkt, damit man von ihr denkt, daß sie über den Dingen steht. Sogar beim Einkaufen. Und so ist es mir gelungen, ihr einen Zugang zum inneren Feinkostkreis  zu verschaffen. Und das will in München was heißen

Der innere Feinkostkreis
Unser Viertel hat ein Feinkostgeschäft. Das Viertel war früher mal fein. Das Feinkostgeschäft ist es immer noch. Es ist beileibe nicht eines jener  eher lauten Etablissements, vor denen die Luxusautos in Zweierreihen parken und grau livrierte Chauffeure beflissen Wagenschläge aufreißen.
Es gehört auch nicht zu den Geheimtips der Gourmets, die bereits ab neun Uhr morgens Champagner und Austern in einer verschwiegenen Kellerbar schlürfen. Es geht eher dezent zu. Nicht, daß es hier keine Austern und keinen Champagner gäbe!
Es gibt sogar vier Sorten Kaviar und die erlesensten Wildpasteten. Ganz abgesehen von den gepflegten und edlen Weinen.
Vorausgesetzt, all die schönen Dinge sind gerade vorrätig..... Oft heißt es nämlich bedauernd: „Leider gerade ausgegangen. Aber morgen bekommen wir´s garantiert wieder frisch rein.... Wollen Sie vielleicht vorbestellen?“ Denn der feine Mann bestellt vor. Die feine Dame auch. Nur wer vorbestellt, gehört sozusagen zum inneren Kreis und wird mit Namen angesprochen. Alle übrigen sind „Laufkundschaft“. Man braucht sie nicht weiter zu beachten.
So trennt unser Feinkostgeschäft die Spreu vom Weizen. „Ist dir schon einmal aufgefallen, daß hier nur Akademiker und ganz feine Leute verkehren?“ fragte meine Freundin, die es gelegentlich unvorbestellt  in den Laden zieht. Vor allem wegen der hübschen Dekoration in ihren Lieblingsfarben. Aber auch wegen des wirklich vorzüglichen Bündner Fleisches, von dem sie ab und zu fünfzig Gramm ergattern kann.
Tatsächlich, nur ganz feine Leute! „Nehmen Sie doch für Ihre Kanapees noch etwas von der Foie Gras, Frau Doktor Häberle!“ Oder: „Ach, wissen Sie, Herr Doktor Klöbner, die Petits fours beziehen wir von der Confiserie Larousse in Lyon - die liefern täglich frisch“, sind so die Standardsätze des Personals. „Dieser Schillerwein, Herr Doktor Cornelius, kommt von den besten Lößlagen des schwäbischen Unterlandes - ganz aus der Nähe von Schillers Geburtsort, gelle.“
Solche profunden Sätze spricht natürlich der Herr Feinkost persönlich. Es gibt unter den Kunden auch einige Professoren, einen „Herrn Professor Doktor“ und sogar eine „Frau Professor“. Die wenigen Nichtpromovierten, die hier verkehren, scheinen - von einigen Ausnahmen abgesehen - in der Mehrzahl immerhin Akademiker zu sein, zumindest Menschen mit Hochschulreife. Und wer noch nicht einmal Abitur hat, kann doch wenigstens einen Bindestrich im Namen vorweisen. „Ach, Frau Müller-Lüdenscheidt, da habe ich Ihnen doch noch eine Baguette reserviert. Ist leider ein wenig angestoßen.“ Strafe muß sein.

Die Crème de la crème bildet natürlich der promovierte Adel. Er wird herzlich, jovial und laut begrüßt, daß alle Kunden im Laden es hören müssen: „Hallo, Frau Doktor von Tunketief. Nett, daß Sie uns mal wieder beehren!“
Etwas devoter - und mit gedämpfterer Stimme, aber doch unüberhörbar - wird der Hochadel behandelt. Selbst dann, wenn er nichtakademisch sein sollte, was offenbar häufiger vorkommt: „Meine Empfehlung an die Frau Gemahlin, verehrter Graf Stenz!“ Oder: „Liebe Prinzessin, gestern habe ich Ihren Herrn Vetter in der Oper getroffen. Nein, nicht den mit dem Antiquitätengeschäft - den Herrn Rechtsanwalt!“
Eine Sonderklasse bilden die seit Jahrzehnten ansässigen Ausländer, vorausgesetzt, es handelt sich um Engländer, Franzosen oder zumindest Amerikaner, obwohl letztere nicht so gern gesehen sind, weil sie so viel fragen. Jeder bekommt ein aufmunterndes Wort in seinem Heimatidiom mit. Etwa: „Hello, Mister Goldstein, I have here what really good for you.“ Und: „Oh, Madame Lapoitrine...“  Französisch ist indes nicht direkt die Spezialität des Hauses.
„Wie machen die Leute das bloß, daß sie jeden Kunden mit Namen anreden?“ grübelte meine Freundin. „Jeden wohl nicht“, überlegte ich, „wir zum Beispiel haben weder Rang noch Titel - nicht einmal den kleinsten Bindestrich. Und sogar das Initial hinter meinem Vornamen habe ich als Jugendsünde abgelegt - uns läßt man folglich in Ruhe.“ „Was heißt: in Ruhe?! Auch ich möchte gefälligst wie eine Dame behandelt werden“, protestierte meine Freundin, der offenbar viel daran liegt, zum inneren Feinkostkreis zu gehören.
„Stell dich doch vor, wenn`s so wichtig für dich ist“, riet ich. „Das ist popelig. Oder glaubst  du, die Frau Doktor Häberle hat gesagt: „Guten Tag, ich bin die Frau Doktor Häberle ? Nie! Dafür ist die Frau viel zu distinguiert.“ „Sie ist eben eine Dame“, gab ich zu bedenken. „Wie meinst du das?“ fragte meine Freundin.
Ich zerbrach mir den Kopf, woher die Feinköstler wohl die Namen all ihrer vielen Kunden kennen könnten. Viele, so überlegte ich, scheinen wohl Ärzte, Anwälte, Notare und Apotheker aus der unmittelbaren Umgebung zu sein - nebst Gattinnen, denn in Süddeutschland ist ja auch die Frau eines Doktors eine „Frau Doktor“. Doch von denen allein konnte das Unternehmen wohl nicht existieren, selbst wenn sich das ganze Personal aus hilfsbereiten und nicht sehr lohnintensiven Söhnen, Töchtern und Schwiegerkindern von Herrn und Frau Feinkost zusammensetzte.
Dann fiel mir ein, wie meine Freundin zu ihrer Spezialbehandlung als Dame kommen könnte. Natürlich!  Die Vorbestellung! Ich hatte es die ganze Zeit über gewußt.

 Als sie das nächste Mal sagte: „Wir brauchen wieder Bündner Fleisch, mal sehen, wieviel ich diesmal ergattern kann“, griff ich zum Telefon, kaum daß sie das Haus in Richtung Feinkostladen verlassen hatte:
„Hier ist der Haushalt von Doktor von Lewiandowski-Ostertag“, näselte ich. „Haben Sie noch dieses köstliche Bündner Fleisch? Fein, dann reservieren Sie doch zweihundert Gramm. Die gnädige Frau wird gleich selbst vorbeikommen. Ach ja, sie ist leicht zu erkennen. Sie trägt einen dieser weißen Overalls mit Mickymaus vorn und hinten drauf. Sie wissen schon.“
„Ich versteh´ die Welt nicht mehr“, sagte meine Freundin verwirrt, als sie von ihrem Einkauf zurückkam. „Kaum betrete ich den Laden, schon ruft mir die Chefin zu: ,Ach, Frau Doktor von Lewiandowski-Ostertag! Ihr Bündner Fleisch! Kleines Momentchen - ich bin gerade am Aufschneiden!` Und nötigt mir doch tatsächlich dreihundert Gramm auf... Stell dir vor, dreihundert Gramm!“ „Aber was mir nicht aus dem Kopf geht - wieso Lewiandowski-Ostertag? Und dann noch Doktor von.... So heiße ich doch gar nicht!“
 „Seit heute schon, meine Liebe,  seit heute schon, sagte ich mit näselnder  Butlerstimme.
Nachdem sich das Problem meiner Freundin so leicht lösen ließ, frage ich mich, wie viele der feinen Leute in dem feinen Laden wohl durch den gleichen Trick geadelt und betitelt wurden...Und im Falle meiner Freundin trotz- oder womöglich sogar wegen äusserer Nonkonformismen, wie zum Beispiel ein Mickmouse-Outifit, mit dem sie allen möglichen Modeströmungen standhaft trotzte. Und das schon seit geraumer Zeit:

Mickymouse -
oder
Snoopy ist unheimlich krank
Das Mädchen, in das ich mich verliebte, besaß - unter anderem natürlich - ein winziges weißes Köfferchen. Auf diesem Köfferchen waren Minimouse und Mickymouse abgebildet, und sie trug das Köfferchen mit sichtlichem Vergnügen auch bei ziemlich offiziellen Anlässen.
Als ich das Köfferchen zum ersten Mal sah, gab mir sein Anblick einen kleinen freudigen Stich. Es war wie ein Wiedersehen nach langer Zeit. Früher als Bub hatte ich alles verschlungen, was mit Mickymouse zu tun hatte. Natürlich auch mit Donald und seinen Neffen und der übrigen Verwandtschaft.
„Meinst du nicht, du seist ein bißchen groß für Mickymouse“, fragte mich dann später meine Frau. Zuerst fragte sie es freundlich neckend. Später dann aber mit immer schärfer werdendem Unterton. Und als eines Tages alle Heftchen meiner Knabenzeit spurlos verschwunden waren, wagte ich nicht einmal, danach zu fragen.
Vielleicht ist meine Ehe nicht gerade daran gescheitert - aber irgendwie daran auch. „Magst du Mickymouse?“ fragte mich das Mädchen mit dem Köfferchen, als ich beide einghend betrachtete. Ich will nicht sagen, daß ich mich deswegen in sie verliebte - aber irgendwie deswegen auch.
Mein Nachholbedarf in Sachen Mickymouse wurde seither reichlich befriedigt. Sie besitzt nämlich nicht nur das besagte Köfferchen. Sondern auch zwei Tassen. Eine mit Micky und eine mit Mini. Und nicht nur die beiden Tassen - auch ein Telefon.
Das Telefon ist ein stehender Micky, der einen Arm ausstreckt. Das ist die Gabel. Und darauf liegt der Hörer. Außer dem Köfferchen, den Tassen und dem Telefon hat sie auch noch ein T-Shirt. Vorne ist Micky von vorne drauf und hinten von hinten.
Ich möchte nun nicht den Eindruck erwecken, daß sie einen Mickymouse-Fimmel hat, sondern sie benutzt diese Gegenstände genauso selbstver-ständlich wie übrige auch. Wie ihre Mickymouse-Zahnbürste, ihre Mickymouse-Umhängetasche, ihre Mickymouse-Armbanduhr und die Mickymouse-Blechdose, die sie sogar als Geldbörse benutzt.
„Du sollst nicht denken, daß ich einen Mickymouse-Fimmel habe“, sagte sie daher, als ich all diese Gegenstände eingehend betrachtete. „Das denke ich auch gar nicht - ich mag Mickymouse“, beeilte ich mich zu bemerken. „Ich finde es niedlich“, fügte ich verstärkend hinzu. Sie war nicht ganz beruhigt. „ Du glaubst, daß ich spinne“, sagte sie skeptisch. „I wo, kein bißchen. Ich mag ...“ aber das sagte ich ja bereits.
Zum Glück hatte sie ziemlich zu Beginn unserer Freundschaft Geburtstag. Und so fiel es mir gar nicht schwer, ein sinniges Geschenk für sie zu finden. „Wo kriegt man denn alle diese Mickymouse-Dinger?“ fragte ich aus diesem Grund eine Kollegin, die ein T-Shirt trug mit einem reliefartig gestalteten Micky darauf. Wenn man dem auf die Nasenspitze drückte. dann quiekte es.
„Du bist mir aber einer“, sagte sie, und es kam mir für einen Moment vor, als ob sie errötete. Dabei hatte ich es ganz anders gemeint. Als das Mißverständnis aufgeklärt war, sagte die Kollegin lachend: „Ich bring dir morgen was mit - für deine Süße.“
Das tat sie dann auch. Es war eine allerliebste Minimouse. Besser, der Kopf von Minimouse. Ganz aus durchscheinendem Plastik. Obendrauf eine blaue Haarschleife und innen drin eine Glühlampe.
„Das ist schön krank“, sagte die Kollegin. Und ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß „krank“ für höchstes Lob in Sachen ausgeflippte Gegenstände steht, und daß die Mickymouse-Mode eben „schön krank“ ist. Man lernt immer noch was dazu.
„Au Klasse, sowas hat mir gerade noch fürs Klo gefehlt“, sagte meine Freundin, als sie die Minimouse aus dem zähen Gebilde von Geschenkpapier und Klebeband befreit hatte- ich bin ein schlechter Einpacker.
Ich nahm an, daß Geschenke fürs Klo besonders krank sind und freute mich mir ihr. Mit geschärftem Blick bin ich seither durch die Stadt München gegangen. Zu meiner großen Freude entdeckte ich, daß Mickymouse - ohne, daß ich darauf geachtet hatte - einen bedeutenden Teil der Großstadtjugend erobert hat.
Was für uns damals - mein Gott, wie das klingt „damals“ - die Mickymouse-Heftchen waren, das ist für die heutige Jugend - ich will sie deswegen nicht weniger literat nennen - das absolut kranke „Durchgestyl-Sein“ mit freundlich grinsenden Gestalten aus Entenhausen.
Ich darf gar nicht daran denken, daß meine Eltern - und später meine Frau- das bloße Lesen von Mickymouse-Heften für den Beginn des absoluten Untergangs der abendländischen Kultur hielten. Ich mag Mickymouse.
„Bernd Eichinger hat auch ein Mickymouse-Telefon, widersprach meine Freundin, als ich ihr meine These von der durchgestylten Mickymouse-Jugend erläuterte. „Aha, und wer ist Bernd Eichinger?“ „Na, der Typ von der Neuen Constantine.“ „Soso“. Ich nahm an, daß Bernd Eichinger ein gebrechlicher älterer Herr sei und stellte mir vor, wie er mit schwacher Hand die Drucktasten seines Micky-Telefons bediente.
Inzwischen habe ich ihn kennengelernt. Das ist ein total durchgestylter Typ mit superkurzen Haaren und Turnschuhen an den Füßen. Gut zehn Jahre jünger als ich.
Das Phänomen hat demnach alle Altersstufen erfaßt. Und ich ertappe mich selbst, wie ich beim Bedienen unseres Mickymouse-Telefons unwillkürlich die Stimme eine Oktave höher schraube und auch viel schneller spreche. Genau wie Mickymouse.
Für meine Notizen habe ich mir einen Mickymouse-Schreibblock zugelegt. Mein Schreibgerät ist ein entsprechend gestalteter Kugelschreiber.
Übrigens bin ich froh, daß mir mein Einkommen die Erfüllung von ein paar Sonderwünschen erlaubt, denn billig ist es nicht, sich dem Trend anzuschließen. Allein die Anschaffung des dringend benötigten Telefons beläuft sich auf 475 Mark im Schatten. Rechnet man all die übrigen nicht minder dringend benötigten Utensilien dazu, so kommt man spielend auf zweitausend Mark. Spielend sage ich.
So klingelte zum Beispiel jedesmal in einem der schätzungsweise drei Dutzend Münchner Geschäfte, die  seinerzeit ganz vom Vertrieb von Mickymouse leben, die Kasse, wenn meine Freundin „Ui“ sagt. -
Ui sagte sie das letzte Mal, als sie eines Andy-Warhol-Bildes ansichtig wurde. Es stellte -Sie haben richtig vermutet - Mickymouse dar. Nicht einmal sonderlich verfremdet. Lediglich mit einer Art Gloriole um den Kopf, die ihm vermutlich der Groß- und Einzelhandel verliehen hat zum Dank für vorzügliche Umsätze.
Da es sich bei dem Warhol-Bild um ein Geschenk von mir an sie handelte - nämlich um das unabdingbare Bild über unserem Bett, werde ich an dieser Stelle den Preis nicht verraten. Mit Rahmen war er jedenfalls gesalzen.
Jetzt sind auch wir total durchgestylt. Mickymouse-mässig. Deshalb hat mich der neuerliche Besuch in einer kranken Münchner Boutique   auch besonders hart getroffen.
Keine Spur von Mickymouse! Fast keine. Nur ein schäbiger Radiergummi und ein plastiküberkuppeltes Micky-Mini-Hochzeitspaar, bei dem es schneite, wenn man es auf den Kopf stellte. „Micky-Klamotten?“ fragte das Mädchen an der Kasse und bekam einen grünlichen Schimmer um die Nase. „Mickymouse ist out. Ich habe drei Jahre lang jeden Tag Mickymouse verkauft. Ich kann nichts mehr sehen.“
Ich war erschüttert. Sie sah die Tränen in meinen Augen und versuchte mich zu trösten: „Nehmen Sie Snoopy. Snoopy ist unheimlich krank. Snoopy kommt.“

Da half es auch wenig, daß wir neuerdings das lebende Vorbild von Mickymouse zu Gast hatten:
 
 
 

Mus musculus, die gemeine Hausmaus
Zum ersten Mal erblickten wir unsere ungebetene Besucherin beim Fernsehen. Sie saß auf der Lehne eines Sessels und schaute angestrengt in Richtung Bildröhre.
„Was sitzt denn da Komisches auf der Sessellehne?“ fragte meine Freundin beiläufig. „Das ist eine gemeine Hausmaus, Mus musculus“, klärte ich sie auf. „Möchtest du damit im Ernst behaupten, daß sich in unserem Haus eine Maus aufhält?!“ rief sie ungeachtet ihrer Vorliebe für zweidimensionale Mickymäuse im Weglaufen von der Tür her. „Schaff sie gefälligst hinaus!“ Als hätte ich das Untier persönlich hereingebeten.
Inzwischen hatte sich Mus musculus hinter den Bücherschrank verkrümelt. Von Hinausschaffen konnte keine Rede mehr sein.
Und da der Fernsehabend ohnehin geplatzt war, nahm ich „Knaurs Tierreich in Farbe“ aus dem Bücherschrank, hinter dem die Maus saß, und las: „Die Hausmaus folgt dem Menschen nahezu überallhin. Sie ist einfarbig grau, wiegt 26 Gramm und mißt 20 cm bei 10 cm langem Schwanz.“
Das hatten wir gesehen. Aber das wußten wir noch nicht: „Das Weibchen wird mit zwei bis drei Monaten geschlechtsreif, es wirft nach 20 Tagen Trächtigkeit drei- bis achtmal im Jahr neun Junge...“
Klarer Fall: Wir hatten die Vorhut einer Mäuseplage im Haus. „Sie fressen alles, was sich zerbeißen läßt“, hieß es weiter. Meine Manuskripte zum Beispiel. Da mußte ein Kammerjäger her. Schluß mit der Mäuseplage!
Am nächsten Abend saß Mus musculus wieder auf der Sessellehne, machte Männchen, putzte sich und beäugte uns ernsthaft. „Eigentlich ist sie ja ganz niedlich“, meinte meine Freundin, die ihren Schreck vom Vorabend überwunden hatte.
„Nein, sie ist nicht niedlich, sondern der Beginn einer Mäuseplage, die meine Manuskripte vernichten wird“, widersprach ich. „Heute habe ich den Kammerjäger angerufen. Er kommt morgen.“ „Was macht ein Kammerjäger?“ wollte die Frau an meiner Seite wissen. „Er vernichtet Ungeziefer.“ - „Und wie, bitte schön, gedenkt er in unserem Haus Ungeziefer zu vernichten?“
Sie war hellwach und sehr mißtrauisch. Auch die Maus hatte sich wieder hinter den Bücherschrank verzogen. Vermutlich baute sie bereits an ihrem Nest oder legte ein Gängesystem an.
 „Er wird Gift legen.“ - „Gift!“ „Genau, Gift.“ „Dieser entmenschte Typ wird also dieser unschuldigen Maus Gift einflößen, an dem sie qualvoll zugrunde gehen wird.“ Und in den Augen meiner Freundin konnte ich lesen: „Mörder!“
Es war klar, daß sie damit mich meinte, als Helfershelfer eines finsteren Mordgesellen. Die Maus blieb. Sie sah jeden Abend mit uns fern. Mir schien, daß sie „Tom und Jerry“ besonders schätzte, wo immer die Maus gewinnt. Aber das konnte auch Einbildung sein.
„Es ist nicht nötig, daß du die Maus fütterst“, sagte ich nach einer Woche, als ich sah, daß meine Liebste ein Schälchen Milch hinter den Sessel stellte. „Sie ernährt sich von meinen Manuskripten!“ Das tat sie wirklich. Vom Deckkblatt einer Kurzgeschichte hatte sie eine große Ecke abgefressen.
Meine Freundin fand das komisch. Ich nicht. Nach einer weiteren Woche hatte sich die Maus halbwegs durch ein Interview mit Ephraim Kishon durchgefressen. Immerhin schien sie einen gewissen Sinn für Humor zu haben
 „Du mußt deine Sachen eben einschließen“, sagte meine Freundin tadelnd. Von jetzt an fütterte ich die Maus selber. Aber sie verschmähte Speck und Käse. Sie bestand auf Papier. Auf Schreibmaschi-nenpapier. Auf meinen Manuskripten!
Meine schlimmsten Befürchtungen hatten sich bestätigt. Zwar blieb unsere Maus Single, aber sie entwickelte einen unglaublichen Appetit auf Literatur. „Vielleicht übt sie auf diese Weise Literaturkritik“, meinte meine Freundin mit dem ihr eigenen Humor.
Am nächsten Tag kaufte ich eine Falle. Eine sogenannte Schlagfalle. „Schnell und schmerzlos“, hatte der Verkäufer gesagt. Heimlich stellte ich sie hinter einem Stapel Manuskripten auf.
Es war nicht heimlich genug. Die Dame des Hauses hatte mich beobachtet. Sie hatte sich hinter mich geschlichen. Wortlos ließ sie die Falle mit einem Brieföffner zuschnappen. Wortlos ging sie zu Bett und schloß die Tür hinter sich. Eine Woche lang sprach sie kein Wort mit mir. Eine Woche lang brachte ich kein Wort zu Papier. Indes fraß die Maus einen Zettelkasten nebst Inhalt. Das Ergebnis jahrelanger Recherchen.
„Ich sehe ein, daß wir die Maus loswerden müssen“, sagte meine Freundin, als sie wieder mit mir sprach. „Wir kaufen eine Falle, in der man Mäuse lebend fangen kann.“
Sie hatte sich bereits erkundigt. Es gab noch einen alten Fallenbauer, der humane Mäusefallen herstellte. Er lebte weit draußen vor der Stadt auf einem alternativen Bauernhof, wo er seinem human Handwerk nachging. Die Falle, handgemacht, versteht sich, hatte den Preis einer raren Antiquität. Den Köder bildete ein Gedicht von mir, das ich besonders schätzte. Natürlich hatte ich es vorher kopiert, ohne daß die Maus es bemerkt hatte.
In der Nacht fraß die Maus den Köder aus der Falle nebst der im Schreibtisch versteckten Kopie. Die Falle blieb leer. Ich bog die Stäbe des Einschlupflochs enger zusammen und versuchte es noch einmal mit Lyrik sowie mit einer kleinen Menge feinsten Champagners. In jener Nacht fraß die Maus die Lyrik, trank den Champagner und schlief an Ort und Stelle ein. Ich hoffe über dem Champagner. Jedenfalls saß sie am Morgen etwas beduselt in der Falle und blickte mich aus ihren schwarzen Knopfaugen haßerfüllt an. Ein Blick, der mich an irgend etwas erinnerte.
 „Sie ist einfach süß. Schau mal, wie sie sich putzt!“ sagte meine Freundin, die alle natürliche Scheu verloren hatte, die Frauen beim Anblick von Mäusen zu empfinden haben. Die Maus saß in ihrer Falle auf dem Frühstückstisch und wurde mit Käsekrümeln gefüttert, die sie gnädig annahm. „Hausmäuse können in der freien Natur nicht überleben. Sie sind quasi domestiziert“, dozierte mein Gegenüber. “Wir können sie aslso nicht einfach aussetzen”.
Sie hatte sich inzwischen mit einschlägiger Lektüre eingedeckt und auch ein passendes Terrarium besorgt. Es stand in der Garage und mußte nur noch an die Maus übergeben werden.
Inzwischen stehen Maus nebst Mausehaus im Regal. Ich schreibe ihr täglich zwei Gedichte, um sie bei Laune zu halten. Aber es passiert mir trotzdem noch, daß mir aus einem aktuellen Manuskript zum Beispiel plötzlich das letzte Blatt fehlt. Ich habe meine Freundin im Verdacht, daß sie hinter meinem Rück....

Tiere, solange sie die Größe unserer Mus Musculus haben, die wir inzwischen “Mausepaul” getauft haben, weil wir annehmen, daß es sich um einen Mauseherrn handelt, kleine Tiere, wie gesagt vermögen mich nicht zu schrecken. Anders sieht die Sache bei Lebewesen aus, die größer sind als ich selbst. So groß, wie zum Beispiel ein Untier namens “Genua”.
Tiere die Namen tragen wie “Genua”, “Weltmeister”, “Abendröte” “Bettgestell”  oder “Appartementhaus” sind - der Kundige hat es längst erraten der Gattung Equs zuzuordnen - zu deutsch: Pferd.
Pferde sind nicht nur furchterregend groß, sie sind vor allem hoch. Und ich hatte zwar schon früh begriffen, daß man von ihnen sehr leicht herunterfallen kann  nicht aber, wie man erst hinaufkommt.
Beide Erfahrungen standen mir unmittelbar bevor, auch wenn ich davon noch nichts ahnte...
 
 
 
 

Wie man Genua um den inneren Schenkel biegt...
Von allen Sportarten interessiert mich der Reitsport wegen der erwähnten Übergröße des Sportgeräts am zweitwenigsten. Doch aus lauter Gemeinheit  hat mir das Schicksal eine Freundin beschert, die den Reitsport am zweitliebsten mag. Die erste Stelle nehme - zum Glück - immer noch ich und die einzige von mir aktiv ausgeübten Sportart ein.
Ein geringer Trost für mich, denn eingedenk meiner equestrischen Abneigung schlich sie sich jeden Morgen, den Gott schenkte, allein aus unserem warmen Bett und in einen weit entfernten Reitstall. Sie besaß nicht nur besagte Vorliebe, sondern auch noch ein Reitpferd namens Genua, das bewegt zu werden begehrte.
Dann kam der Tag, den ich lange genug  vor mir hergeschoben hatte: eine persönliche Begegnung zwischen dem Gaul und mir war unvermeidlich geworden. Schließlich gehörte er ja gewissermaßen zur Familie.
Genua zu treffen, das bedeutete nachtschlafende Zeit, denn Pferde scheinen aus unerfindlichen Gründen nur vor dem Aufstehen ansprechbar zu sein. „ Du mußt ganz ruhig von vorn auf sie zugehen und die Hand ausstrecken“, sagte meine Freundin, „ das beruhigt sie.“ „Was heißt `beruhigt sie`?“ fragte ich zaghaft- „Ist sie denn so aufgeregt?“ „Was heißt aufgeregt“, erwiderte meine Freundin, die keine Ahnung hatte, daß mir allein der Gedanke an ein Pferd Angstschauer über den Rücken jagte, „sie ist ein Satan.“ „Aha, ein Satan“, brachte ich tonlos hervor.
Der Satan wieherte schon, als wir  in den Reiterhof einbogen, wo Genua in Vollpension lebte.  . „Sie erkennt meinen Automotor“, erläuterte meine Freundin.
Ich habe Pferde schon immer für furchterregend groß gehalten. Genua  war das erste Pferd, das ich aus nächster Nähe sah. Jetzt sah ich: Pferde sind nicht nur groß, sondern riesengroß.
Zum Glück trat sie mich nicht gleich, dafür machte sie Anstalten, mich zu fressen. Sie begann mit meinem Hemd. „Sie bettelt“, sagte meine Freundin. „Jetzt will sie eine Mohrrübe. Wir kaufen dir ein neues Hemd.“
Seit jenem Tag trage ich ständig Mohrrüben  bei mir. Nachdem Genua mich beinahe vernascht hatte, kam einer jener Typen auf mich zu, die ich schon aus Prinzip nicht leiden kann: groß, braungebrannt, weiße Zähne, wiegender Gang, kräftige Muskeln. „Aha, du bist also der Neue“, sagte er und zerquetschte mir die Hand. „Laß dich mal ansehen!“
Er ging um mich herum wie beim Pferdekauf. Jetzt erst dämmerte mir, worauf ich mich bei meinem Besuch im Pferdestall eingelassen hatte, denn der Kerl hatte jenen informierten Gesichtsausdruck aller Ausbilder der Welt: man wollte mir das Reiten beibringen!
„Bißchen schlaff,“ meinte der Braungebrannte. „Übrigens: Manfred.“ Mit ersterem meinte er mich, mit zweitem sich. Unter der Versicherung, daß wir das schon hinkriegen werden, wandte sich Manfred seinem eigenen Pferd zu und unterhielt sich mit ihm in einer mir unverständlichen Sprache.
Auf meine dringende Einlassung hin blieb mir an jenem Tage immerhin die erste Reitstunde erspart. Aber ich sollte mir (aus sicherer Entfernung) den Reitbetrieb mal anschauen.
Als wir uns der Reithalle näherten, hörte ich besagten Manfred brüllen: „Das einzige, was bei dir klappt, ist der Arsch!“ Und : „Mensch, laß doch diese Ehestandsbewegungen!!“ Das machte mich neugierig. Sollte ich doch gleich erfahren, womit meine Freundin ihre Morgenstunden verbrachte, statt bei mir im Bett zu bleiben...
Aber ich bekam nur ein armes Menschenwesen zu Gesicht, das sich krampfhaft mühte, nicht von einem Pferd herunterzufallen. Jetzt rief Manfred: „Terrab!“ Woraufhin sich das Pferd viel rascher bewegte. Der Mensch auf dem Pferd mußte sich noch den Vergleich mit dem Glöckner von Notre Dame gefallen lassen sowie die Aufforderung, gefälligst zu Hause zu pennen, ehe er, völlig gebrochen, entlassen wurde.
Meine Freundin kommentierte: „Rauh, aber herzlich.“ Manfreds Ton änderte sich entscheidend, als eine kleine, aber üppige junge Dame die Arena betrat. „Nun zeig mal schön, was du hast“, forderte er sie auf. „Brust raus. Ja, so haben wir es gerne“, säuselte er. Sie schenkte ihm einen langen schmelzenden Blick und tat, was von ihr verlangt wurde. In mir begann es zu kochen.
„Mit dem Kreuz mußt du arbeiten, mit dem Kreuz!“ rief Manfred jetzt mit Emphase. Nicht, ohne hinzuzufügen: „Sonst kannst du das doch auch!“ Er schien es zu wissen. „Weißt du was“, sagte meine Freundin, die meinen Gesichtsausdruck richtig deutete, in einem plötzlichen Einfall: „Ich werde dich selbst unterrichten...“
Ich hatte ohnehin bereits beschlossen gehabt, in Zukunft öfter mal dabei zu sein, schon um die Dinge unter Kontrolle zu halten. Noch im Wegfahren hörte ich hinter mir Manfreds Stimme: „Mehr Druck mit dem inneren Schenkel, Herr Gott noch mal...“
Meine Freundin verkündete, daß ich erst einmal eingekleidet werden müßte, und zwar bei ihrer besten Freundin Brigitte, die ein Reitsportgeschäft betreibt...
Wenn ich schon Reitstiefel zu tragen hätte, so wünschte ich mir ein Paar schicke braune, wie ich sie im Schaufenster gesehen hatte. Aber meine Freundin raunte mir ins Ohr: „Um Himmels Willen, keine braunen. Sowas tragen nur Angeber und Italiener. Man trägt schwarz.“
Schwarze Reitstiefel machen mir aber Angst. Doch, was sollte ich tun, wollte ich nicht als Angeber oder Italiener dastehen....
Ein paar Grundbegriffe der Reiterei sind ja jedem klar: man zieht am linken Zügel, das Pferd geht nach links. Man zieht am rechten Zügel, das Pferd geht nach rechts. Man gibt die Sporen, das Pferd wird schneller. Man zieht an beiden Zügeln, das Pferd steht. So jedenfalls habe ich es in tausend Western-Filmen gesehen.
Doch am nächsten Tag dämmerte mir dann, daß Reiten etwas anderes ist, als ich bisher gedacht hatte. Zum Beispiel zog ich am linken Zügel (als ich mit einiger Mühe endlich oben saß) - Genua blickte mich über die linke Schulter an. Ich zog am rechten Zügel, Genua blickte mich über die rechte Schulter an. Ich wollte ihr die Sporen geben - ich hatte keine. „Die gibt  es erst, wenn du richtig reiten kannst“, sagte meine Freundin. „Sporen muß man sich verdienen.“ Ich war auf der Spur der Quellen des Volksmundes.
Von nun an erfuhr ich Dinge, die mir nicht in meinen kühnsten Träumen eingefallen wären. Daß es nämlich darauf ankommt, „das Pferd um den inneren Schenkel zu biegen“, daß man „am äußeren Zügel so tut, als ob man einen Schwamm ausdrückt“, daß man „mit den Gesäßknochen Signale gibt“, daß man „mit dem Kreuz treibt“ und daß all das zusammen einen Dreck nützt, wenn man es nicht mit Gefühl macht.
Während sie mir all das erläuterte, stand meine Freundin in der Mitte der Reitbahn. Das kleine Persönchen hatte plötzlich die Autorität von drei Feldwebeln. Sie  war ein völlig anderer Mensch. Ich auch. Ich hing wie ein Häuflein Elend auf Genua, während sie mit mir - deutlich unwillig und sich ab und zu spöttisch lächelnd nach mir umsehend - im Kreise trottete. Als ich am nächsten Morgen versuchte aufzustehen, sank ich mit einem Schmerzenslaut wieder in mich zusammen. Mir taten sogar Körperteile weh, von denen ich gar nicht wußte, daß ich sie hatte.
 „Das beweist zweierlei“, dozierte meine Freundin. „Erstens, daß Reiten echtes Körpertraining ist, und zweitens, daß dein Körper das vermißt...
“Mir dämmerte, was Manfred mit `schlaff` gemeint hatte. Meine Fortschritte zu Pferde konnte ich am Nachlassen meiner Schmerzen ablesen.
Aber jetzt hatte mich der Ehrgeiz gepackt. Meine Freundin zu sehen, wie sie Genua dazu brachte, elegant zu tänzeln, zu galoppieren, aus vollem Galopp auf der Stelle zu stehen und sogar rückwärts zu gehen, das nötigte mir Neid und Bewunderung ab. Denn schließlich tat Genua mit mir nichts dergleichen.
Hätte mir meine Freundin nicht ständig versichert, was ich für gewaltige Fortschritte mache, ich hätte es nicht geglaubt. Mein Damaskus kam an dem Tag, als es mir gelang, Genua aus dem Trab mit einem Schlag zum Stehen zu bringen und ich infolgedessen zwischen ihren Ohren durch kopfüber in den Torfmull stürzte.
„Siehst du“, sagte meine Freundin, indem sie mir aufhalf. „So wird´s gemacht. Jetzt hast du es begriffen. Schade nur, daß du zum Schluß vergessen hast, oben zu bleiben.“ Ich glühte vor Stolz. „Bekomme ich jetzt Sporen?“ fragte ich. „Nein, jetzt wirst du anfangen, reiten zu lernen!“
Das war das Ende der sanften Tour. Sie hat mich geschliffen wie für eine Nahkampfausbildung und dabei geflucht wie ein Kutscher.
Genua indessen hat immer seltener spöttisch gelächelt. Der zwangsweise häufige Aufenthalt unter freiem Himmel hat mich gebräunt, und das harte Training hat meinen Körper gestählt. Männliche Neulinge betrachten mich mit jenem scheelen Blick, der besagt: „Typen wie dich kann ich schon aus Prinzip nicht leiden.“ Und seltsam, während es mich in aller Herrgottsfrühe hinaus zum Pferdestall zieht, sagt meine Freundin jetzt immer häufiger: „Ach, laß uns noch eine Weile im Bett bleiben...“
Das stärkt natürlich mein Selbstbewusstsein, das im Lauf unseres bisherigen Zusammenlebens ein wenig gelitten hatte,  ungeheuer.
 

                               ***

Ich war jetzt soweit, unsere Beziehung auf eine ganz besondere Probe zu stellen, und ich beglückwünschte mich zu meinem genialen Gedanken. Ehe ich diesen Gedanken näher erläutere, muss ich - zum besseren Verständnis- ein wenig ausholen:
Als wir uns    kennenlernten, geschah das anläßlich einer jener vorweihnachtlichen Münchner Edel-Parties mit Käfer-Buffett, Klavierspieler, Zauberkünstler sowie der zugehörigen Partybe-setzung von Drehbuch-Autoren, Dauerfreundinnen, Schönheitschirurgen, Schnorrern, Prinzen, Pornopro-duzenten, Jungstars, Jet-Set-Malerinnen, Regisseu-ren und Journalisten.
Zu jener Zeit pflegte ich Einladungen dieser Art, wenn auch zögernd, so doch zu akzeptieren, zumal man als Junggeselle in München gut daran tut, über das Angebot und die Neuzugänge auf dem laufenden zu sein.
Die Konkurrenz schläft nicht, beziehungsweise mit den falschen Damen. An jenem Abend wurde ich auch einer kleinen quirligen Person vorgestellt, an der mir vor allem das strahlende Lächeln auffiel, das sie mir schenkte. „Vermutlich ist sie kurzsichtig“, dachte ich dann gleich darauf, als ich sah, daß sie eben jenes Lächeln auch anderen schenkte, die nicht halb so attraktiv sind wie ich.
„Sie ist die linke und die rechte Hand des Veranstalters, zuständig für Werbung und PR und im übrigen Teilhaberin einer Finanzierungsgesellschaft“ erfuhr ich, als ich mich diskret nach ihr erkundigte „und außerdem, laß lieber die Finger von ihr. Der bist du nicht gewachsen“...
So etwas darf man mir nicht zweimal sagen. Augenblicklich schaltete ich auf Charme. Meiner Sunny-Boy-Nummer hat so leicht noch keine widerstanden.
Sie widerstand. Tagelang. Wochenlang. Ich heftete mich an ihre Fersen. Sie widerstand. Ich schickte Blumen - sie dankte kühl. Ich begann, schlecht zu schlafen und abzumagern. Ich war verliebt. Sie blieb freundlich.
„Ich glaube, es war deine Ausdauer, die mich überzeugt hat“, sagte sie später, als sie mir das Leben gerettet hatte, indem sie mich dann doch noch erhörte.
Sie war mir überlegen. Und so blieb es. Das verunsicherte mich. Sie hatte die Schickeria, ihren Chef und mich fest im Griff und außerdem noch ein halbes Dutzend von ihr veranstaltete Stammtische. Sie war die Tüchtigkeit in Person. Daran hatte sich in der letzten Zeit auch wenig geändert - sie dachte an alles, wusste alles, war immer und überall Herr der Situation oder müsste man besser sagen “frau der Situation?” Soweit die Vorgeschichte.
Und nun zurück zu meinem genialen Gedanken:
 
 
 
 

Die Reise nach Jerusalem

Mein genialer Gedanke ging also wie folgt: Hier in München hatte sie Heimvorteile. Wie wäre es, sie auf ein Terrain zu entführen, das sie verunsichern würde, und wo ich zudem die Heimvorteile auf meiner Seite hätte.
Ich dachte an eben jenes ferne Land im Nahen Osten, von dem einmal ein bedeutender Humorist sagte: „Es ist so klein, daß man nicht weiß, was man am Nachmittag tun soll, nachdem man es am Vormittag besichtigt hat.“
Ein Land, in dem ich nichtsdestoweniger aus gegebenem Anlaß einen wichtigen Lebensabschnitt verbrachte und wo ich jeden Hund auf der Straße kannte.
Ich dachte auch nicht an ein schickes Strand-Hotel, wo sie sofort wieder auf bekanntem Terrain wäre, sondern eher an das einfache Leben auf dem Lande, fernab jeder Zivilisation.
„Das ließe sich im Prinzip einrichten“, sagte sie, als ich ihr meine Idee unterbreitete. „Wo werden wir wohnen?“
„Mein Freund Zuri besitzt einige Wohnmobile. Eines davon würde er uns zur Verfügung stellen. Auf diese Weise könnten wir Land und Leute am besten kennenlernen.“
„Wann wollen wir fahren?“ fragte sie. Immer tüchtig, immer auf der Höhe der Ereignisse. Na warte!
Als erfahrene Alleinreisende bestand sie darauf, selbst zu packen. Sie tat das gründlich und ausdauernd. Sie brauchte dazu fast einen Tag.“ Schließlich werden wir einige Zeit unterwegs sein,“ meinte sie.
Gespannt beobachtete ich ihre Miene, als ihr der Kontrollbeamte am Flugplatz erklärte: „Bitte, packen Sie aus“, „Alles?“ fragte sie. „Alles. Tut mir leid.“ Täusche ich mich, oder sah ich einen Anflug von Unsicherheit auf ihren Zügen?“
Offenbar lernte der Kontrollbeamte gerade einen Assistenten an, denn er verkündete laut, was zum Vorschein kam: „Eine Pfeffermühle, Messing“ - der Assistent wiederholte. “Ein Eßbesteck gold.“ „Ein Eßbesteck gold“, kam das Echo. „Noch ein Eßbesteck gold“ „noch ein Eßbesteck gold.“ „Zwei Kerzenleuchter gold“ „Zwei Kerzenleuchter gold“ „Ein Käsebrett  -  groß“ „Wie bitte?“ „Das ist kein Käsebrett, das ist unser Tisch!“ protestierte meine Freundin.
Zum ersten Mal vibrierte es verräterisch in ihrer Stimme. „Aha“, sagte der Kontrollbeamte, der bei Reisenden in besagtes Land einiges gewohnt ist. Nach dem Bügeleisen und der elektrischen Saftpresse kamen noch ein Getränkemixer, ein Sektkühler, eine beschichtete Bratpfanne sowie eine vollständige Gewürzsammlung ans Licht -  abgesehen von Dingen, die jede Frau in ihrem Koffer hat,  wenn sie in die  Ferien fährt.
Was mich am meisten wunderte, war die stoische Ruhe und das unbewegte Gesicht des Beamten, wie er sich zum Beispiel die Funktion des Föns erläutern ließ. Mein Gesichtsausdruck dagegen muß unbeschreiblich gewesen sein.
Als ich wieder Worte fand, sagte ich nur: „Eigentlich bin ich ganz froh, daß du keine Schneeschippe mitgenommen hast.“ „Wie meinst du das?“ fragte sie. Ich sagte es lieber nicht.
Kaum im Flugzeug, begann sie damit, eine Reihe von Hebräisch-Büchern  sowie den „gedeckten Tisch“,  das Standardwerk des jüdischen Brauchtums und den Talmud auszubreiten.
„Wenn ich schon in ein unbekanntes Land reise, dann möchte ich wenigstens die Grundbegriffe der Sprache und der Landes-Sitten beherrschen“, sagte sie. Die Passagiere des Flugzeugs - zumeist Heimreisende - waren begeistert. Die Bücher gingen von Hand zu Hand. Meine Freundin war sofort Mittelpunkt einer improvisierten Unterrichts-Szene.
Als die Küste Israels unter uns auftauchte, und alle Passagiere das Lied „Heveinu Shalom Aleichem“ anstimmten, was sie an dieser Stelle immer tun, um dem Piloten Mut zur Landung zu machen, beherrschte sie bereits in Wort und Schrift Dinge wie „Diese Schuhe sind mir viel zu teuer, ich zahle die Hälfte“, sowie: „Ich lasse mir doch keinen vergammelten Fisch andrehen!“
Sie hatte die Einladungen zu sieben Grillparties, fünf Picknicks, einer Beschneidungsfeier und einer Besteigung der Festung Massada angenommen. Zwei anwesende Rabbiner stritten sich darum, welche ihrer ebenfalls anwesenden Ehefrauen meiner Freundin nach welcher Lehre das Judentum beibringen sollte, und ein Steinhändler bot sich an, sie zum Ehrenmitglied der Diamantenbörse von Ramat Gan zu machen.
Für die überreichten Visitenkarten mußte sie von der Hostess eine zusätzliche Plastiktüte erbitten.
 „Nette Landsleute hast du“, sagte sie, als wir den Boden des Heiligen Landes betraten und uns durch das Spalier der Taxifahrer schlugen, die an unserem Gepäck zerrten. „So, findest du?“ fragte ich.
Die erste Runde ging an sie.
Zuri mit dem Wohnmobil war bereits da. Das war weder zu übersehen noch zu überhören: Eine beflissene Polizistin muß ihn aufgefordert haben, mit dem Gefährt aus der Anfahrt zu verschwinden. Er muß ihr gesagt haben, sie solle sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, zum Beispiel um ihren Mann und ihre Kinder.
Daraufhin müssen sich unter den Umstehenden zwei Lager gebildet haben. Jedenfalls ging es hoch her, als wir durch unser Dazwischentreten den Streit beendeten. Alle brachen in Beifallsrufe aus. Meine Freundin dankte nach allen Seiten.

„Die Dusche solltet ihr nur im Notfall benutzen“, meinte Zuri. Das Duschbecken hat einen Riß. Manchmal läuft das Wasser in den Wagen. Den einen Koffer klemmt ihr am besten zwischen Tisch und Kühlschrank, sonst öffnet sich während der Fahrt die Kühlschranktür, und die Sachen fallen heraus. Ach ja, und die Lüftungsklappe über der Toilette ist abgerissen. Am besten stellt ihr euch nicht unter Bäume, damit keine Schlangen oder Skorpione  von oben hineinkriechen.“ „Schlangen und Skorpione“, hauchte meine Freundin „alles verstanden“.
Unsere erste Station war Eilat. Die Fahrt dahin verlief ereignislos, wenn man davon absieht, daß sie unterwegs auf einer frischgepflückten Orange bestand. Die Orange war sauer und ungenießbar. Aber eine Gruppe trampender Soldaten und Soldatinnen benutzte die Gelegenheit, unser Gefährt zu entern und sich sofort zum Schlafen niederzulegen. In Israel reisen die Soldaten grundsätzlich per Anhalter zu ihren Einheiten zurück, nachdem sie ihren Müttern die Schmutzwäsche zum Waschen gebracht haben. Wenigstens sangen sie nicht, was sie sonst meistens tun.
In Eilat empfing uns Rafi Nelson mit offenen Armen, nachdem wir ihm die Whiskyflasche aus dem Duty Free Shop überreicht hatten. Rafi, Gott hab ihn selig,  war so eine Art Alt-Hippie mit nur einem Auge. Das andere hatte er angeblich im Krieg verloren. Eingeweihte sprechen indes von einem eifersüchtigen Ehemann. Die Narbe verbarg er unter einer schwarzen Augenklappe. Deshalb hieß er Nelson. Er besass einen Strandabschnitt hart an der damaligen ägyptischen Grenze.
Und weil auf Rafis Strand immer so viele Oben-Ohne-Mädchen rumlagen, behaupteten die Ägypter, daß der Strand eigentlich ihnen gehört. Deshalb wurde eine internationale Komission eingesetzt, um den Streitfall zu schlichten. Darauf war Rafi sehr stolz.
Einige Jahre später haben Shimon Peres und Jassir Arafat an genau dieser Stelle das Autonomie-Abkommen  für Palästina besiegelt. Rafi hat das nicht mehr erlebt. Er starb trotz der großzügigen Entschädigung an gebrochenem Herzen, als man ihm seinen Claim wegnahm. Aber zurück aus der Zukunft:
Rafi bot uns gleich seine Dusche an, da unsere nicht funktionierte. Diese Dusche steckt im Sand und ist von einer Schilfmatte umgeben. Das heißt, zum Teil. Zum Meer hin ist sie offen. Man hat von hier  einen schönen Blick auf ein Kanonenboot.
Wäre es  nicht da, würde man von hier aus einen schönen Blick auf das jordanische Akaba und die Berge von Edom haben. Meine Freundin wollte duschen. Als sie zurückkam, fragte sie: „Welche Funktion hat eigentlich das Kriegsschiff?“ „Die Soldaten beobachten mit starken Ferngläsern Rafis Dusche“, sagte ich. Aber sie glaubte mir nicht, obwohl es wahr ist.
„Ihr könnt gern die Eier essen, die unsere streunenden Hühner  legen“, sagte Rafi. Wir fanden die Eier überall - in unserer Spüle, in unseren Betten und eines, nachdem meine Freundlin sich draufgesetzt hatte. Meist waren sie noch warm.
Meine Freundin benutzte den Nachmittag dazu, das Innere des Wohnmobils einer gründlichen Reinigung und einer ebensolchen Neuorganisation zu unterziehen. Bald sah es aus wie bei uns zu Hause. Zwischendurch hatte sie sich Rafis Landrover ausgeliehen, war zum Markt gefahren und hatte sich mit den Milchprodukten, Früchten, Gemüsen und Getränken des Landes eingedeckt. Zwei Beduinenjungen halfen ihr, das Zeug ins Wohnmobil zu schleppen.
Als dann der Vollmond am grünlichen Wüsten-Abend-Himmel über den Edomer Bergen aufstieg und von drüben vom Kanonenboot getragene Weisen aus rauhen Männerkehlen herüberklangen, gab es Yoghurt-Fruchtsalate mit Sabralikör, kalte Gemüseplatte aus Auberginen, Kichererbsenmus und gemischten Salat mit viel Knoblauch und Olivenöl. Dazu eine Flasche Carmelwein.
„Damit du dich zuhause fühlst“, sagte sie. „Ist alles strikt koscher.“ Auch das noch! Auch die zweite Runde war an sie gegangen.
Von einer weiteren Fahrt in den Ort brachte sie nicht nur Stangeneis für unsere campierenden Nachbarn mit, denen sie zugleich die Post besorgt hatte, sondern auch eine Reihe von weißen Beduinengewändern, die sie fortan trug.
„Der arabische Händler wollte sie mir eigentlich nicht geben, weil es Männergewänder seien“, berichtete sie. „Da habe ich einen arabischen Satz gesagt, den mir die kleinen Beduinen beigebracht haben. Das hat funktioniert. Er hat rasch alles eingepackt und mich hinauskomplimentiert.“ „Welchen Satz hast du denn gesagt?“ Sie sagte es mir. Ich erbleichte. „Sag das nie wieder“, bat ich sie. „Wenigstens nicht zu einem Araber.“ Seither lernt sie auch noch arabisch.
Nur schwer trennten wir uns von Rafi und den streunenden Hühnern, denen sich mit der Zeit auch noch zwei streunende Ziegen, vier streunende Hunde, eine streunende Gans und ein offenbar herrenloses Kamel zugesellt hatten, die allesamt von meiner Freundin versorgt wurden.
Vor allem das Kamel hatte es ihr angetan. Sie hat ein Herz für die leidende Kreatur, und ich war froh, daß das Kamel nicht ins Wohnmobil paßte.
Unbehelligt kamen wir durch die Wüste Negev voran, bis wir eine Tankstelle erreichten, die ein Tankwart mit umgehängter Uzi-Maschinen-Pistole bediente. Nachdem wir ihm alles erzählt hatten, was er wissen wollte, zum Beispiel, warum wir noch keine Kinder hätten und wie es sei, sich in einem Wohnmobil zu lieben, wieviel man verdienen müsse, um sich ein Wohnmobil leisten zu können und warum wir nicht für immer in Israel blieben, wollten wir weiterfahren.
Aber der Rückwärtsgang klemmte. „Werden wir gleich haben“, sagte der Tankwart und gab meiner Freundin die Maschinenpistole zum halten. Danach begann er, das Getriebe unseres Autos auseinander zunehmen. Das dauerte bis in die Abendstunden, denn er wurde von einer Gruppe von LKW-Fahrern sachkundig beraten, die  auf der Piste herangerollt waren und jetzt die Gelelgenheit zu einem improvisierten Picknick benutzten.
Bald prasselte ein lustiges Feuer, in dessen Schein sie mit meiner Freundin die „Hora“ tanzten. Das ist der israelische Nationaltanz.
Als der Morgen dämmerte und die Frau des Tankwarts mit einem Trecker auftauchte und das Frühstück brachte, verabschiedeten sich alle.  Sie versprachen, über Funk Hilfe herbeizuholen.
Es wurde rasch heiß. Meine Freundin wollte duschen. Die Frau des Tankwarts erklärte ihr, wie das in der Wüste funktioniert: „Du gehst immer geradeaus entlang der Sandpiste. Bis zu dem Strauch dort am Horizont. Dort ragt ein Rohr aus dem Sand. Dahinter ist eine Dreh-Hantel. Wenn du nach links drehst, fließt aus dem Rohr Wasser in ein eingegrabenes Ölfaß. Darin kannst du sogar baden.“ Und während ich mich mit einem alten Bekannten unterhielt, einem alten Beduinen, der mit fast ebenso alten Fernsehapparaten handelt, die mit Autobatterien betrieben werden, machte sie sich mit einem Handtuch auf den Weg.
„Sie hat mir verschwiegen, daß die Wasserstelle von den Beduinen zum Kamele-Tränken benutzt wird,“ sagte meine Freundin, als sie von ihrem Bade-Ausflug zurückkam. „Kaum saß ich im Faß, tauchten sie hinter einer Düne auf. Aber wenigstens haben sie mit dem Tränken gewartet, bis ich fertig war.“ Sie war nicht zu erschüttern.
Am Nachmittag erschien ein Zwilling unseres Wohnmobils in einer Staubwolke. Zuri, von den LKW-Fahrern alarmiert, hatte ihn geschickt. Nebst drei Mechanikern, die ihrerseits wieder zwei trampende Soldatinnen unterwegs aufgelesen hatten.
Alle fünf begaben sich alsbald zur Kamel-Tränke, um ein Bad in der Wüste zu nehmen. Bald hörte man es juchzen. In Israel gehen die Geschlechter sehr unkompliziert miteinander um. Schließlich dienen sie gemeinsam in der Armee. Anschließend ging unseren Rettern die Arbeit umso flotter von der Hand. Meine Freundin vervollkommnete indessen ihre Hebräisch-Kennnisse und lernte drei weitere Kapitel aus ihrem Lehrmaterial...
Vielen unserer zahlreichen Besucher hatte es vor allem die Chemikalientoilette angetan. Alle wollten sie ausprobieren, was zur Folge hatte, daß sich bei unserer Weiterfahrt in Richtung Jerusalem ein gewisser unangenehm-süßlicher Geruch auszubreiten begann. In der brütenden Hitze war er nicht lange zu ignorieren.
„Ich glaube, unsere Toilette ist voll“, sagte ich schließlich. „Das glaube ich auch“, meinte sie. Nach einer weiteren Weile mußten wir anhalten. Es ging beim besten Willen nicht mehr. „Wohin mit dem Zeug?“ fragte ich. „In die Wüste“, sagte sie. Gemeinsam schleppten wir das überschwappende Gerät aus dem Wagen. Gemeinsam zerrten wir es durch den Sand. Gemeinsam gossen wir es aus, während sich eine Wolke von Milliarden Fliegen über uns senkte. Vermutlich hatten sie uns schon eine Weile verfolgt.
„Wir müssen uns ein Insektenspray besorgen“, sagte sie, als wir wieder im Auto saßen.
 Meine Heimvorteile begannen, sich gegen mich zu wenden. Während ich mich zum Beispiel auf die Suche nach einem Spezialgeschäft für Chemikalien-Toiletten-Chemikalien machte (in Israel muß man dazu ein Bunker-Bedarfs-Magazin finden), hatte sie einen Apotheker in Arat dazu überredet, das Nötige in seinem Labor zusammenzumixen.
Er bestand darauf, seine Création selbst an Ort und Stelle zum Einsatz zu bringen und brachte dazu seine Frau und seine ältliche Ladengehilfin mit. Alle drei stammten nämlich aus Berlin und waren zusammen zur Schule gegangen. Es wurde noch ein reizender deutscher Heimatabend.
Für Jerusalem hatte ich mir etwas ganz Besonderes ausgedacht. „Weißt du sagte ich, als wir auf dem Ölberg standen, zu unseren Füßen die Mauern, Türme und Kuppeldächer der ewigen Stadt, „am gewaltigstsen ist der Eindruck, wenn gerade die Sonne aufgeht. Dann leuchtet alles in einem goldenen Licht auf. Am besten stellen wir den Wagen dort unten zwischen die Gräber auf dem alten Friedhof. Dann sind wir bei Sonnenaufgang gleich an Ort und Stelle.“
„Wird das denn gehen?“ Sie schaute mich groß an. „Sicher, Friedhöfe sind hierzulande sozusagen Orte der Begegnung. Deshalb werden sie auch nachts nicht verschlossen.“
Ich erzählte ihr noch (wobei ich altchristliche und neujüdische Mythologie ein wenig mixte): „An dieser Stelle begraben fromme Juden seit Tausenden von Jahren ihre Toten, damit sie an jenem Tag gleich an Ort und Stelle sind, wenn das zugemauerte Goldene Tor - dort drüben rechts neben dem Tempelberg - aufgeht, der Messias hervortritt und sich alle Gräber öffnen.“ Und ich fügte hinzu: „Damit wird übrigens hierzulande stündlich gerechnet!“
„Sehr praktisch“, meinte sie. „Aber vorher müssen wir noch etwas einkaufen. Uns ist der Wein ausgegangen, und neue Kerzen brauchen wir auch.“
Drei bärtige, schwarzgekleidete Gerechte mit langen Schläfenlocken, die gerade Steine auf die Gräber ihrer Ahnen legten, wie es Landes-Sitte ist, fanden unser Vorhaben hochinteressant. Am liebsten hätten sie die Nacht mit uns verbracht, zögerten dann aber doch, als der Älteste von ihnen zu bedenken gab: „Und was wird sein, wenn - Gott behüte - ausgerechnet heute Nacht diese Toten - sie mögen in Frieden ruhen - vor dem Angesicht des Erhabenen - gesegnet sei sein Name - erscheinen müssen?“
Da hatte er aus seiner Sicht nicht so unrecht. Außerdem mußten sie ja zum Abendgebet und zum Frühgebet in der Synagoge von Mea Shearim sein. Unter vielen Segenswünschen überließen sie uns unserem Schicksal.
Von allen tausend Minaretten ertönten die Lautsprecher der Muezzin, und die Nacht kroch aus dem Kidron Tal den Ölberg hoch, als die drei mit flatternden Kaftanen um die Ecke von Gezemaneh verschwanden.
Wir waren allein mit den Toten. Das heißt nicht ganz, denn über unseren Köpfen stimmte eine Pilgergruppe vom Rhein das schöne Lied „Jesus meine Zuversicht“ an. Danach sangen sie noch „Ein feste Burg ist unser Gott“, während die arabischen Andenkenhändler versuchten, Kruzifixe aus Olivenholz, Rosenkränze und Kamelsättel an den Mann zu bringen. Dazu krächzte ein Esel wie eine rostige Pumpe...
Noch vor Sonnenaufgang rumorte meine Freundin am Herd. Sie braute uns einen starken arabischen Kaffee, den zwei kamerabewehrte amerikanische Touristen mit uns teilten, die offenbar die Nacht in Schlafsäcken zwischen den Gräbern verbracht hatten, um das Schauspiel der aufgehenden Sonne nicht zu versäumen.
Und das war es wirklich wert. Die Sonne ging so schnell auf, daß es schien, als hätte jemand das Licht angeknipst. Und die silbernen, goldenen und kupfernen Dächer leuchteten auf. „Siehst du, das Goldene Tor ist immer noch zu“, sagte meine Freundin und lächelte hintergründig. Da gab ich es auf, ihr imponieren zu wollen.

Nur einmal noch - es war an den Gestaden des Sees Generareth - flackerte der letzte Rest von Hoffnung in mir auf. Sie sagte: „Weißt du was, im Wagen ist es so stickig. Wollen wir nicht auf dem Dach schlafen?“ „Du weißt, was Zuri über die Schlangen und Skorpione gesagt hat...“ „Hier ist weit und breit kein Baum, von dem sie fallen könnten“, widersprach sie. Mein letzter Rest von Hoffnung sank wieder in sich zusammen.
Und so trafen wir die Vorbereitungen für die Nacht auf den geräumigen Dach. Wir hatten Wein dabei und unsere Kandelaber. Zur Sicherheit hatte ich auch noch eine Taschenlampe mitgebracht. Und einen dicken Prügel! Ganz wohl war mir nämlich nicht. Einen Tag zuvor hatte man in der Gegend Terroristen gejagt, und die  syrische Grenze war gleich hinter der nächsten Hügelkette.
Den Prügel dicht an mich  gepreßt, schlief ich endlich ein. Ein schriller Schrei weckte mich. „Hilfe, mich hat etwas gebissen! Tu doch was! Irgendwas hat mich in die Nase gebissen!!“ „Du hast geträumt“, versuchte ich sie zu beruhigen.
Aber im Schein der Taschenlampe sah ich einen winzigen Blutstropfen an ihrem linken Nasenflügel. Und ich sah noch etwas: eine kleine braune Springmaus, die sich von unserem Lager flüchtete und elegant vom Dach hüpfte. „Es war doch nur eine Maus. Eine Wüstenspringmaus“, sagte ich. „Eine Maus - Hilfe!!!“ Den Rest der Nacht verbrachte sie (ich schwöre - es ist wahr!!) blaß und cognactrinkend im Wageninnern. Das feindliche Untier kam nicht zurück. Dafür war mein Selbstbewußtsein wiedergekehrt, und ich dankte im stillen der Zaubermaus vom See Genezareth.

An dieser Stelle darf ich Ihnen nicht vorenthalten, was ich  kurz nach dieser Reise in der Illustrierten “Cosmopolitan” gefunden habe, für die meine Freundin damals gelegentlich filigrane Betrachtungen in Sachen Emanzipation anstellte.
Nicht, daß sie etwa hemmungslos den Emanzen das Wort geredet hätte - es ging ihr wohl eher um eine Art innerer Emanzipation. Für mich jedenfalls war die Lektüre ihres Artikels nach den soeben geschilderten Ereignissen ein “Aha”-Erlebnis der besonderen Art: Es verhalf mir mehr dazu, mein Selbstbewusstsein wieder zu erlangen, als die ganze Reise nach Jerusalem. Auch, wenn es ohne besagte Reise so nicht möglich gewesen wäre. Aber lesen Sie selbst.
Ich zitiere den Artikel im Wortlaut. Er trug den sinnigen Titel:
 

 Der Härtetest oder
 Eine Ziege zuwenig
 
 

ein schlimmster Alptraum ging so: Ich stehe morgens zerzaust und verklebt vor dem Badezimmerspiegel. Da geht die Tür auf. Er kommt herein und sieht mein nacktes, ungeschminktes Gesicht.
Wenn ich an diesem schrecklichen Traum in kalten Schweiß gebadet bibbernd erwachte, brauchte ich eine ganze Weile, mich zurechtzufinden. Gottlob - er lag neben mir, atmete ruhig und hatte nichts gemerkt.
Nie, ich wiederhole: nie sollte er mich so sehen wie in meinem Nachtmahr. Nicht einmal, wenn wir - Gott behüte - eines Tages verheiratet sein sollten. Es gibt eben Dinge, die müssen ein Leben lang privat bleiben.
So dachte ich noch, als er mir diesen hirnverbrannten Vorschlag machte: „Weißt du, wir kennen uns nun schon recht gut. Aber eigentlich kennen wir voneinander nur die Schokoladenseite...“ („Jawohl - und so soll es auch bleiben“,dachte ich ins Abseits)... „und da habe ich gedacht, ich miete für uns beide ein Wohnmobil, und wir fahren ganz einfach los. Nur wir beide, du und ich. Ganz auf uns allein gestellt. Keine Kneipengespräche, keine Restaurants, kein aufgesetztes Verhalten. Keine Tünche. Wie gesagt, nur wir beide und total aufeinander angewiesen. Dann werden wir wissen, ob wir zusammenpassen.“
Panik erfaßte mich. Keine Tünche... Das war ja schlimmer als der schlimmste Alptraum. Nun und nimmer würde ich so etwas über mich ergehen lassen! Mein Entschluß stand bereits unabänderlich fest.
Trotzdem galt es, Haltung zu wahren und Zeit zu gewinnen. Und so fragte ich: „Und wohin wolltest du fahren mit diesem - diesem Mobildings?“
„Nach Israel..Wir fliegen nach Tel Aviv. Dort übernehmen wir das Fahrzeug. Es ist schon alles arrangiert. Du brauchst bloß noch zu packen.“
Das war nun doppelt unfair. Ich konnte gar nicht mehr nein sagen: Israel, das war mein bislang unerfüllter Traum. Israel - Jerusalem. Mit ihm auf dem Ölberg stehen, ganz eng an ihn gekuschelt. Und unter uns die heilige Stadt. Das Rote Meer - wir beide braungebrannt - ich in irgend etwas atemberaubend Luftigem.
Tel Aviv - ein Restaurant, nein, eine Hotelterrasse hoch über der Küste. Mein Haar flatternd  im sanften warmen Seewind. Ein Literaten-Café auf der Dizengoff. Kishon setzt sich an unseren Tisch und sein Freund Jossele...
„Wann fahren wir?“ hörte ich mich zu meinem Entsetzen fragen. Jetzt war alles zu spät. Einen Tag  lang verbrachte ich mit Packen. Ich bin ein praktischer Mensch. Außer den Dingen des täglichen Lebens mußten ja  auch noch die Sommerkleider und die Schminksachen mit. Vor allem die. Am Flugplatz brach der Taxifahrer beim Ausladen unter der Last des großen Koffers zusammen.
Aber sein entsetzter Blick war nichts gegen den meinen, als ich erfuhr, daß ich bei der Sicherheitskontrolle alles, buchstäblich alles, auspacken mußte, was ich einen Tag lang sorgsam verstaut hatte.
„Zwei Kerzenleuchter“, sagte der Kontrollbeante laut. „Zwei Kerzenleuchter...“ äffte sein Assistent nach. „Ein goldenes Besteck.“ „Ein goldenes Besteck...“ „Noch ein goldenes Besteck.“ „Noch ein goldenes Besteck...“ „Ein Käsebrett.“ „Ein Käseb...“ „Nein, das ist kein Käsebrett, das ist unser Tisch!“ rief ich verzweifelt.
Mein Freund musterte mich schweigend mit einem langen Blick. Natürlich hatte ich alles mitgenommen, was man für eine romantische Zweisamkeit brauchte. Auch die Kerzenleuchter. Jawoll.
Ich bin eben praktisch  u n d  romantisch. Später, in unserem Wohnmobil sagte er dann ja auch ganz selbstverständlich „Bitte, den Eierpiekser“, oder „Wo hast du die Pfeffermühle?“ Und wenn wir auf unserem Käsebrett im Bett Weingläser, Trauben und Käsestückchen balancierten, dann war das eben wie zu Hause. Da machten wir das ja auch so.
Unsere erste Station war Eilat am Roten Meer.   Es war heiß. Es war staubig. Es gab nicht die geringste Spur von Schatten.
Das Wohnmobil stellten wir bei Rafi Nelson ab, einem bärtigen einäugigen Späthippie, der sich an der ägyptischen Grenze einen Claim im Sand abgesteckt hatte und darauf die Kunst der Geldvermehrung betrieb.
Gegen die Hitze gab es im Wohnmobil auch eine Dusche, wie es überhaupt alles gab. Einen Kühlschrank, einen Herd, eine Klimaanlage, ein Chemikalien-Klo. Aber das Plastikbecken unter der Dusche hatte einen Riß. Das Duschwasser lief unter dem Teppich durch den Wohnraum und machte dunkle Flecken. Und die Klimaanlage... Schwamm drüber. Dafür gab es auf Rafis Gelände hinter einem Schilfzaun eine Dusche unter freiem Himmel im Sand.
Und wenn einen die Mücken und das Gedudel auf Rafis Musicbox nicht störten, dann konnte man ja alle Fenster der rollenden Villa öffnen und Durchzug machen.
Dabei hatte man dann freien Blick auf das Kanonenboot, das auf der Reede schaukelte und seinerseits den Blick auf die jordanische Küste versperrte. Die israelische Schiffsmannschaft hatte Langeweile und vertrieb sich die Zeit damit, den Strand und die hier sonnenbadenden Damen durch starke Ferngläser  zu beobachten.
Es war zum Heulen. Dafür tröstete uns Rafi, indem er uns anbot, morgens die Nester seiner streunenden Hühner auszunehmen - quasi als Entschädigung dafür, daß sich das Federvieh überall breit machte. Auch in unseren Betten. „Wenigstens verscheuchen sie die Skorpione“, meinte mein Freund lakonisch.
Die streunenden Hunde, die streunenden Ziegen und die streunende Gans lernte ich erst später kennen, als sich alle während unserer kurzen Abwesenheit friedlich über den Inhalt unseres Kühlschranks hermachten, den ein streunender Beduinenjunge auf der Suche nach Whisky geöffnet hatte.
Gleich am ersten Tag wurde mir klar, daß man in Israel grundsätzlich von guten Freunden umgeben ist. Tag und Nacht. Sie liehen sich von uns Liegestühle, Wasser, Zigaretten, das Radio und das Schachspiel.
Dafür baten sie uns, ihnen für ihre Kühlbox im nahegelegenen Eilat Stangeneis zu besorgen und unterwegs gleich ihre Post einzuwerfen.
Und am Abend des ersten Tages dämmerte mir, daß mein Freund unsere Beziehung einem Härtetest zu unterziehen gedachte.
Das machte mich wütend. Das machte mich so wütend, daß ich mich aus Trotz ungeschminkt und mit ungekämmten Haaren an den Abendbrottisch setzte. Innerlich schluchzend, denn ich hatte mir diesen ersten Abend  v i e l  romantischer vorgestellt.
Doch als die ersten Sterne zitternd riesengroß und zum Greifen nahe über uns am grünlichen Wüstenhimmel hingen, der Mond hinter den Bergen von Edom aufging und von drüben vom Kanonenboot seltsam verhangene Weisen in Moll herüberklangen, war ich dann doch etwas versöhnlicher gestimmt.
Der Carmelwein, die frischen Früchte mit Sabralikör und der warme Nachtwind taten dann noch das ihre, daß die Nacht für den Tag entschädigte.
Es muß so gegen sechs Uhr früh gewesen sein, als mich schlagartig die schlagartig aufgehende Sonne weckte. Es wurde sofort heiß. Mein Süßer war schon im Wasser. Und ich - ohne auch nur einen einzigen Blick in meinen Taschenspiegel zu werfen, hüpfte aus dem Bett und rannte - so wie ich war - den Strand hinunter und hinein in die lauwarmen Fluten. Es war herrlich.
Aus unserem Wohnmobil erscholl aufgeregtes Gegacker. Als wir zurückkamen, lag ein Ei auf dem Fenstersims. Es war noch warm. Ein weiteres Ei fand sich neben Rafis Dusche im Sand. Da wir beide Eier in unserem Teewasser kochten, bekam der Tee ein gewisses ungewohntes Aroma.
Und ich hatte noch immer kein Make-up aufgelegt. Ich hatte es glatt vergessen. „Später“, dachte ich, als es mir dann doch einfiel. „Vielleicht am Abend, wenn wir ausgehen!“
Dabei war mir gar nicht klar, daß mein schlimmster Alptraum Wirklichkeit geworden war. Meinem Freund scheint es nicht aufgefallen zu sein. Jedenfalls floh er nicht schreiend bei meinem Anblick.
Doch natürlich sollten sich noch andere Alptraumsituationen ergeben. Solche, an die ich nicht einmal im Alptraum gedacht hätte.
 Zum Beispiel die: Irgendwann muß der Mensch aufs Klo. Und das bei praktisch nicht vorhandenen, weil viel zu dünnen Wänden unserer Chemikalientoilette. Soll man nun sagen: „Geh doch mal spazieren, ich müßte mal!“ Ich jedenfalls brachte das nicht.
Und dann kommt der Punkt, wenn einem das alles egal ist, weil es nicht mehr anders geht. Bei solchen und vielen anderen Gelegenheiten kann sich, das weiß ich heute, die Tragbarkeit einer Beziehung erweisen: wer es fertigbringt, dem anderen auf allerengstem Raum und trotz denkbar größter Nähe, seine Würde zu erhalten, erweist sich zum Beispiel als der wertvollere Partner als derjenige, der einem bei jeder Gelegenheit zur Hand geht oder sich übertrieben rücksichtsvoll verhält.
Letzteres nervt nämlich mit der Zeit - ersteres verbindet.
Doch eine einzige falsche Bemerkung zum falschen Zeitpunkt, eine einzige unsensible Reaktion des Partners kann vor allem bei großer Nähe alles kaputtmachen. Ebensowie allzu große Selbstver-ständlichkeit.
Wie das funktioniert und wie man solche Fehler vermeidet? Keine Ahnung. Man muß es erleben, um zu wissen, ob man richtig gewählt hat. Uns jedenfalls hat der Härtetest in der israelischen Wüste Jahre des mühsamen Kennenlernens erspart - das weiß ich heute.
 Da war zum Beispiel die Sache mit dem erwähnten Chemikalien-Klo: Als unser Gefährt nach einigen Tagen Eilat, das eine Liebe auf den zweiten Blick wurde und daher eine dauerhafte Liebe ist, gen Norden rollte, erwies sich besagtes Utensil als übelriechend, weil voll. Und das mitten in der Wüste bei 45 Grad im nichtvorhandenen Schatten. Zunächst ignoriert man das Übel - ist ja auch kein Thema für ein verliebtes Paar.
Später, wenn es unerträglich wird - was dann? „Also gut“, sagte er und hielt an. „Werde ich halt das Zeug in die Wüste kippen.“ Und ich - ich sehe mich noch heute, wie ich, ohne ein Wort zu verlieren, mit ihm gemeinsam den ominösen überschwappenden Gegenstand durch den Sand zerre.
Sowas verbindet.
Spätabends erreichten wir eine einsame Tankstelle irgendwo im Negev. Ohne Übergang fragte uns der Tankwart aus. Nach unserer Beziehung, ob wir schon Kinder hätten und wieviele wir uns wünschten, ob es Spaß machte, sich in solch einem rollenden Haus zu lieben und ob er sich´s mal anschauen dürfe - vor allem die Betten. Israelis sind so.
Als wir endlich weiterfahren konnten, konnten wir nicht weiterfahren, denn der Rückwärtsgang klemmte.
 „Werden wir gleich haben“, grinste der Tankwart und begann, das Auto zu zerlegen. Im Lauf der Nacht halfen ihm noch sieben LKW-Fahrer von der vorüberführenden Nord-Süd-Achse sowie ein Professor der Meereskunde, den es in die Wüste verschlagen hatte.
Am Morgen, als die Frau des Tankwarts das Frühstück brachte, waren bereits alle in unserem Wohnmobil heimisch. Mehrfach hatte man uns aufgefordert, doch ins Bett zu gehen, man werde das schon regeln. Jetzt frühstückten wir gemeinsam.
Nur schwer trennten wir uns von den LKW-Fahrern, die sich entschlossen, im Pulk nach Norden zu fahren. Sie kannten sich alle aus der Armee und wollten zu Mittag in Beerscheba sein, weil einer von ihnen ein Kind erwartete oder so etwas ähnliches.
Der Gang klemmte immer noch. Später tauchte am Horizont ein Gefährt auf, das dem unsrigen zu gleichen schien. Als es näher kam, entpuppte es sich als sein Zwillingsbruder. Das Fahrzeug hielt direkt neben uns. Es entstiegen ihm drei Männer sowie zwei Soldatinnen. Schweigend machten sich die Männer ans Werk, unseren klemmenden Gang zu reparieren.
Es stellte sich heraus, daß es sich um drei Mechaniker handelte, die der Eigentümer der Wohnmobil-Vermietung geschickt hatte. Die LKW-Fahrer hatten sie von unterwegs telefonisch alarmiert, denn in der Tankstelle gab es kein Telefon. Jetzt war die Eingreifftruppe mehr als zweihundert Kilometer gefahren, um uns zu helfen. Unterwegs hatten sie noch zwei Tramperinnen aufgelesen. Denn in Israel trampen die Soldatinnen zu ihren Einheiten.
Zwischendurch hatte ich unter fachkundiger Anleitung der Tagschicht der Tankstelle gelernt, wie man in der Wüste badet: man folgt zu Fuß der Piste bis zu einer Stelle, wo ein dickes Rohr aus dem Sand ragt. Dann dreht man an einem großen Rad, woraufhin aus dem Rohr ein dicker Wasserstrahl in ein eingegrabenes Ölfaß schießt. Jetzt kann man baden.
Meist sind die Beduinen so nett und warten, bis man fertig ist, ehe sie ihre Kamele tränken. Der Gebrauch von Seife scheint sie indes in Erstaunen zu versetzen. Der Beduine mit dem größten Silberdolch verhandelte in der Zwischenzeit mit meinem Freund und beschrieb dabei große Kurven mit den Händen in die Luft.
„Er hat gesagt, er könne nur zwei Kamele und drei Ziegen für dich bieten“, erläuterte später mein Freund, denn du seist viel zu dünn und hättest zu kleine Brüste. Du würdest sicher nur Mädchen gebären und zur Arbeit seist du auch kaum zu gebrauchen.“
 „Oh, meint er das“, hauchte ich. Dann fiel es mir ein: „Und wieviel hast du gefordert?“ „Eine Ziege mehr“, sagte er und wich geschickt der Seifenschale aus, die ich nach ihm warf.

Von jetzt an waren wir Kumpel. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, daß wir miteinander durch dick und dünn gingen. Da war der Steinhagel, der uns in einem Arabernest in den besetzten Gebieten empfing, der Kühlschrank, der sich bei dieser Gelegenheit aus seiner Verankerung riß und seinen Inhalt über den Fußboden verteilte, und die Nacht im Friedhof.
Die Friedhofsnacht ergab sich aus meinem eingangs erwähnten romantischen Wunsch, mit meinem Freund engumschlungen auf dem Ölberg zu stehen - zu unseren Füßen die heilige Stadt. „Am schönsten ist das Licht, wenn die Sonne aufgeht“, sagte mein Freund. „Und den schönsten Blick hat man von dem alten Friedhof aus.“
Also verbrachten wir die Nacht nebst Wohnmobil zwischen den alten Grabsteinen, eine Tat, die von einer Gruppe schläfengelockter Kaftanträger in gutturalem Jiddisch wohlwollend kommentiert wurde, während sie unser karges Nachtmahl teilten. „Man mechte nochamol jung sein“, sagte der Älteste sehnsüchtig und fast hochdeutsch, und man konnte ihm anmerken, daß es ihm schon immer ein Bedürfnis war, eine Nacht bei den Gräbern seiner Ahnen zu verbringen.
Wir benutzten bei dieser Gelegenheit bereits reichlich Knoblauch. Aber nicht gegen etwaige Vampire, sondern weil wir uns an dieses landesübliche Gewürzgemüse gewöhnt hatten. Und wie das riecht, war uns mittlerweile egal. Die anderen rochen ja ebenso...
Und als wir endlich engumschlungen auf dem Ölberg standen und die Morgensonne die goldenen, silbernen und kupfernen Dächer des ewigen Jerusalems aufleuchten ließ, umgab uns gemeinsamer Knoblauchduft. So wurden wir ein Paar.
Natürlich saßen wir dann Hand in Hand hoch über der Küste von Tel Aviv auf einer Hotel-Terrasse. Beide braungebrannt. Mein Haar flatterte im sanften Seewind... Und neben mir stand der Plastikbeutel mit den auf dem Markt erstandenen Avocados, den Zwiebeln, dem Knoblauch, dem Wein und dem Fisch, den wir anschließend in unserem rollenden Heim braten würden.
Mein Begriff von Romantik und Zweisamkeit hat sich nämlich auf dieser Reise gründlich geändert. Er hat eher praktische Züge angenommen, alles Mondäne ist daraus gewichen. Ein altes jüdisches Sprichwort sagt: „Wenn du wissen willst, ob ein Mensch dein Freund ist, dann sollst du mit ihm tausend Meilen reisen...“ Ich möchte hinzufügen: „Wenn du ganz schnell in Erfahrung bringen willst, ob ihr zueinander paßt, dann versucht es mit unserem Härtetest.“ Wir jedenfalls haben uns seither nie mehr getrennt. Keinen einzigen Tag lang.

Soweit das Zitat. Ich enthalte mich jeden Kommentars. Der geneigte Leser möge sich sein eigenes Bild machen. Und nachdem das geschehen ist, wird es ihm auch leichter fallen, die Logik im nun folgenden zu entdecken.
 

Ich bin gleich fertig.....

Wir sind also wieder in München. Mit zwiespältigen Gefühlen, denn einerseits lieben wir unser Haus, unseren Garten, unsere Rituale - andererseits können wir uns nach unserem Härtetest sehr gut vorstellen, zum Beispiel in Israel zu leben. Und so haben wir uns vorgenommen, mögllichst oft dorthin zurückzufahren.
Bei der Gelegenheit fällt mir auf, daß ich ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und herspringe. Das liegt natürlich daran, daß die Vergangenheit  Teil unserer Gegenwart ist, und daß die Gegenwart ohne diese Vergangenheit so nicht denkbar wäre. Ich bitte also die Sprach- und Stilpuristen unter meinen Lesern mit diesem Argument um Entschuldigung.
 

                                    ***
 

Das ganze Jahr über nehmen wir uns vor: Diesmal gehen wir hin. Doch meistens kommt etwas dazwischen, und so pflegen wir dann am letzten Tag der “Dult” früh aufzustehen. Wenigstens ist das unser fester Vorsatz am Vorabend des letzten Tages des Flohmarkts. In der Regel stellen wir sogar den Wecker.
Da wir die feste Absicht haben, etwa gegen neun Uhr früh aus dem Haus zu gehen, stellen wir den Wecker auf sieben. Eine Stunde rechnen wir zum Teebereiten, Teetrinken und so weiter,  was in der Regel im Bett geschieht. Eine weitere Stunde rechnen wir sodann zum Duschen, anziehen und Frühstücken. Diesmal natürlich außerhalb des Bettes. Macht zwei Stunden. Somit könnten wir Punkt neun abmarschbereit sein.
Aber da  hat die Dult nicht mit meiner Freundin gerechnet. Nicht etwa, daß sie zu der Sorte von Frauen gehört, die nie fertig werden. Im Gegenteil: Wenn wir einmal verreisen, dann hat sie schon drei Tage vorher die Koffer gepackt und tut in der Nacht  vor der Abreise kein Auge zu, weil sie ständig darüber nachgrübelt, was sie noch vergessen haben könnte. Meistens hat sie nichts vergessen. Im Gegenteil: Sie hat viel zuviel eingepackt.
Am Flohmarkttag wartet aber kein Flugzeug auf uns. Nicht einmal ein Taxifahrer. Nur der Flohmarkt selber.
„Ich möchte mir nur noch die Haare waschen. Das geht auch ganz schnell“, sagt sie während des Frühstücks, ohne aufzusehen. Sie weiß aus Erfahrung, daß ich an dieser Stelle die Augen verdrehe. Und diese Art von Kritik kann sie schlecht ertragen. Es ist das Unausgesprochene, was sie am meisten  ärgert... Ich muß dann auch vermeiden, hörbar auszuatmen - auch das könnte als Kritik gewertet werden.
Natürlich sehe ich nicht ein, daß man sich zum Flohmarkt eigens die Haare waschen muß. Und wenn schon, warum das nicht bereits während des Duschens erledigt wurde... Vermutlich hat sie bei einem Blick in den Spiegel gesehen, daß sie „unmöglich ausschaut“, was nicht stimmt. Aber ich sage nichts, verdrehe kein Auge - und atme nicht! „Du brauchst gar nicht den Atem anzuhalten,  ich weiß, was du denkst“, sagt sie dann und fügt nach einer kleinen Pause hinzu: „Du brauchst es nur zu sagen, wenn du keine Lust hast, zum Flohmarkt zu gehen. Dann gehe ich eben allein.“
Während sie die Haare wäscht und sie anschließend fönt, gehe ich schon mal dran und erledige eine Reihe von Briefen, die schon lange erledigt sein müßten. Meine Freundin hat langes Haar, und es dauert eine Weile, bis das trocken ist. Ich tippe gerade den letzten Brief, da taucht meine Freundin auf. Schick sieht sie aus, mit den engen Jeans und dem Blouson, richtig zünftig zum Flohmarkt.
Allerdings sehe ich nicht ganz ein, warum sie das frisch gewaschene Haar unter einer Ballonmütze versteckt. „Warum versteckst du denn dein frisch gewaschenes Haar unter einer Ballonmütze?“ frage ich folglich. Aber das stellt sich als schwerer Fehler heraus. „Gefällt dir etwa die Mütze nicht? Du hast sie mir doch geschenkt“, sagt sie.
Mir gefällt die Ballonmütze - es war ja nur so eine Frage. Aber meine Freundin ist schon in die oberen Räume enteilt, und ich höre sie in ihrem Schrank kramen. Sie sucht sich wohl eine andere Kopfbedeckung, denke ich und mache mich schon einmal daran, den kleinen Lackkratzer am Auto zu reparieren, denn meine Freundin hat viele Kopfbedeckungen, und es dauert erfahrungsgemäß eine Weile, ehe sie die für den Anlaß passende gefunden hat. Ich hätte besser den Mund gehalten. Nach der Autoreparatur mache ich mich daran, das Laub im Garten zusammenzurechen. Ich kann es nämlich nicht ausstehen, wenn ich einfach nur so rumstehe und warte. Außerdem könnte das als Provokation aufgefaßt werden.
Nach dem Laub-Rechen - es ist mittlerweile viertel vor elf - rufe ich nach oben: „Von mir aus können wir jetzt gehen.“ Dabei ist es wichtig, jede Ungeduld oder gar Schärfe im Ton zu vermeiden, denn das könnte sie als unausgesprochene Krititk auffassen. Und wir haben uns doch so auf den Flohmarkt gefreut. Schon deswegen, weil wir unsere Küche in diesem Jahr weiß gestaltet haben und daher wegen des Kontrastes dringend noch einige rote Gegenstände brauchen, die es eben nur auf dem Flohmarkt gibt...
„Ich komme!“ flötet sie von oben, und da weiß ich, daß es höchstens noch dafür reicht, die Fotos einzusortieren, die seit Wochen auf meinem Schreibtisch herumliegen und auf eine passende Gelegenheit warten.
Während ich das tue, höre ich jemanden hinter mir mit deutlicher Betonung ausatmen. Als ich mich umdrehe, steht sie hinter mir. Sie trägt jetzt einen weißen Faltenrock, eine weiße seidene Bluse, darüber eine flauschige weiße Jacke und ganz oben ein keckes Barett. Süß sieht sie aus - aber das Kompliment bleibt mir im Hals stecken, denn sie faucht mich an: „Wenn ich eines hasse, dann ist es, einfach so dazustehen und auf jemanden zu warten. Das mit den Fotos hätte doch sicher noch Zeit gehabt. Jetzt ist es halb zwölf, und um neun wollten wir aus dem Haus gehen...“
Da hat sie freilich recht. Ich habe keine Ahnung, wo ich in diesem Augenblick die Kraft zu keiner Erwiderung hernehme...
Als wir auf dem Flohmarkt ankommen, erwartet uns geschäftiges Treiben. Männer sind dabei, Lkws zu beladen. Kisten weden geschleppt, und Kolonnen von orangegekleideten Südländern fegen den Platz.
Der letzte Tag des Flohmarkts war gestern. Und so beschließen wir, statt dessen ein schickes Restaurant aufzusuchen. Denn erstens ist es jetzt Essenszeit, und zweitens hassen wir es beide, auf überfüllten Flohmärkten von der großen Menschenmenge bedrängt und geschoben zu werden.
„Nicht wahr, das findest du doch auch?“ sagt sie, nachdem sie mir ihre diesbezügliche These - uns beide betreffend - auseinandergesetzt hat. Und da ich das auch finde, äußere ich, daß sie drittens in ihrer gegenwärtigen Aufmachung auch wesentlich besser ins Restaurant paßt als auf den Flohmarkt. Doch mit dieser Bemerkung muß ich wiederum nicht ganz den richtigen Ton getroffen haben, denn sie mustert mich mit seltsamem Blick von Kopf bis Fuß.
Erst jetzt bemerke ich, daß an meinen Händen noch Lackspray klebt und an meinen Jeans eingetrockneter Gartenschmutz. Sie sagt nichts, doch sie nimmt einen kleinen, aber deutlichen Abstand zu mir. So, als ob wir eigentlich nicht zusammengehörten.
„Ich möchte bloß wissen, was du die ganze Zeit über gemacht hast?“ sagt sie endlich. „Während ich mich für dich schöngemacht habe, läufst du rum wie der letzte Gammler.“
Da ich mich sofort für mein ungebührliches Betragen entschuldige, ist uns noch ein sehr harmonischer Nachmittag vergönnt. Aber im nächsten Jahr gehen wir garantiert zum Flohmarkt. Schon auf den ersten des Jahres - am ersten Tag. Das haben wir uns ganz fest vorgenommen, falls an diesem Morgen nicht etwas Entscheidendes dazwischenkommt, wie zum Beispiel das Anstellungsgespräch mit einer neuen Putzfrau...
 
 
 
 
 

  Die Perle des Orients
 
 

Andere Leute haben Schwierigkeiten, eine Putzfrau zu bekommen. Wir haben Aischa. Damit fingen unsere Schwierigkeiten an.
Aischa entstammt, wie man leicht dem Namen entnehmen kann, dem Orient, und sie ist stolze Nachfahrin eines uralten Adelsgeschlechts. Immerhin war eine Namensvetterin von ihr eine der Ehefrauen Mohameds. Ersteres ließ sie durchblicken, letzteres behauptete sie.
Nichtsdestoweniger  ist  Aischa unsere Putzfrau, obwohl sie das früher nicht nötig hatte, wie sie betonte. Harte Arbeit verrichteten in ihrem Haus die Dienstboten. Aber damals lebte sie noch im Schoß ihrer steinalten Familie.
In den Augen meiner Freundin ist Aischa der Inbegriff der tapferen jungen Frau, die mit ihrer Hände Arbeit sich und die Ihren in schlechten Zeiten über Wasser hält. Eine wahre Scarlett O’Hara in dunkel. „Vom Winde verweht.“ Seit meine Freundin Aischa kennt, liest sie auch wieder Margaret Mitchell. Aber das nur nebenbei.
Als ich Aischa das erste Mal begegnete, küßte sie mir die Hände und nannte mich „Herr“. Das war eine Geste. Wirklich nur eine Geste... Zwei Tage darauf begann sie, in unserem Haus zu wirken.
Langsam zwar - und fast unmerklich -, dafür aber stetig veränderte sich unser Leben. Es fing damit an, daß es bei uns morgens statt meines unentbehrlichen Kaffees plötzlich Earl Grey Tee gab.
„Weißt du, Aischa hat eine englische Erziehung genossen. Und da gehört Tee einfach dazu. Und weil ich schon beim Teekaufen war, habe ich gleich eine Großpackung genommen“, erhielt ich auf eine diesbezügliche Bemerkung zur Antwort. Sehr logisch. Seither trinken wir morgens eben Tee. Hat ja auch was für sich.
„Trinkt Aischa auch Alkohol?“ fragte ich ein paar Tage später. „Ich denke, sie ist Mohammedanerin.“ Ich hatte mich über die Anwesenheit von Grand Marnier in unserer Bar gewundert, der uns bislang immer zu teuer gewesen war. „Nur zum Tee“, sagte meine Freundin. „Und überhaupt ist sie nicht so strenggläubig. Schließlich ist sie modern erzogen und aufgewachsen.“
„Was macht eigentlich ihr Mann?“ fragte ich, um vom Thema abzulenken und um es mir selbst unmöglich zu machen, das zu sagen, was mir auf der Zunge lag. „Der Mann ist zu Hause und paßt auf die Kinder auf.“ „Und warum geht der Mann nicht zur Arbeit und läßt die Frau auf die Kinder aufpassen?“ (Hoffentlich war das nicht schon wieder falsch!) „Weil der Mann“, belehrte mich meine Freundin, „in seiner Heimat Schulbücher geschrieben hat.“ Das verstand ich nicht.
„Er ist eben noch sehr traditionell“, klärte sie mich auf. „Für ihn ist es unter seiner Würde, niedere Arbeiten zu verrichten; er wäre bei seinen Landsleuten sofort unten durch. Er würde sein Gesicht verlieren.“
Daß ich daran nicht gedacht hatte! Ich zitierte deutsches Volksgut in abgewandelter Form. Ich konnte nicht anders: „Hauptsache, meine Frau arbeitet, und ich behalte mein Gesicht.“ Meine Freundin zögerte einen Augenblick und wußte nicht so recht, worüber sie beleidigt sein sollte. Dann fiel es ihr ein: „Du hast einfach Vorurteile gegen die Leute, deshalb bist du ungerecht.“ Vielleicht hatte sie sogar recht damit...
Und so beschloß ich, toleranter zu sein. Ich ignorierte es einfach, daß es jetzt dreimal wöchentlich Lamm-Curry zum Abendessen gab; beziehungsweise das, was Aischa davon übriggelassen hatte. Nur einmal sagte ich: „Ich habe den Eindruck, daß deine Putzfrau etwas sehr mollig geworden ist. Behindert sie das nicht bei der Arbeit?“
Ich hätte es lieber nicht sagen sollen. Daß sich das Innenleben unseres Gewürzschrankes immer mehr in Richtung orientalisch änderte, vermochte ich hinzunehmen, und auch, daß Kaffee, wenn es ihn denn gab, nach Kardamom schmeckte und ziemlich dicklich war.
Ich lächelte milde darüber, daß unser Haus Durchgangsstation für Lollys und Kinderkleidchen wurde: Schließlich hatte Aischa ja drei Kinder. Ich konnte auch einsehen, daß Aischas Stundenlohn erhöht werden mußte, denn inzwischen war auch noch der Bruder ihres Mannes aus dem Orient eingetroffen. Und der mußte mit ernährt werden.
 Was mich indes ärgerte, war der leichte Schmierfilm, der sich in unserer Küche über viele Gegenstände ausbreitete. Das kam von dem vielen Braten mit Öl. Da Aischa bei uns saubermachen mußte, hatte sie natürlich keine Gelegenheit, für ihre Familie zu kochen. Das erledigte sie dann bei uns und nahm das fertige Essen in Warmhaltebehältern mit. Sehr praktisch.
Und vor lauter Kochen blieb dann ja auch keine Zeit mehr, die Küche zu putzen. Vielleicht waren wir auch nur falsch eingerichtet für orientalische Gerichte. „Findest du nicht, wir sollten uns eine offene Feuerstelle und einen Lehmofen für die Brotfladen zulegen?“ fragte ich daher eines Tages.
Ich hatte den Eindruck, daß meine Freundin ernsthaft darüber nachdachte und die feine Ironie in meinen Worten gar nicht registrierte.
Die Veränderungen in den übrigen Räumen des Hauses vollzog sich schrittweise. Zunächst fielen mir die grellbunten Sofakissen auf. „Hat Aischa für uns genäht. Ist sie nicht rührend? Sogar einen Hohlsaum hat sie gemacht!“ Einen Hohlsaum. Man denke!
Die Sofakissen waren, so erfuhr ich, der Ausdruck immerwährender Dankbarkeit. Schließlich hatte meine Freundin Aischas ältester Tochter zum Geburtstag ein Mountainbike geschenkt. Mit acht Gängen. „Die Kleine war immer so traurig, weil die anderen Kinder im Kindergarten schon ein Fahrrad hatten und sie nicht.“ „Woher wußtest du das?“ „Aischa hat es mir erzählt.“ Aha.
Später gesellten sich zu den Sofakissen Wandbehänge in Grellbunt. Ich wollte nicht mehr wissen, aus Dankbarkeit wofür. Ich hatte auch nicht mehr so viel Zeit zum Nachdenken, denn ich mußte etwas mehr arbeiten, seit auch noch Aischas alter Vater aus dem Orient gekommen war und ihr jüngster Bruder in Amerika studieren sollte. Allein unsere Telefonrechnung mußte verdient werden. Gespräche in den Orient und nach Amerika sind nicht gerade billig. Vor allem, wenn sie stundenlang dauern.
An dem Tag aber, als meine Freundin begann, eine Stunde früher aufzustehen, um sauberzumachen, „damit Aischa nicht den Eindruck hat, daß wir Schmutzfinken sind, außerdem kann sie nicht so schwer heben...“ an jenem Tag kam mir der Gedanke, mich nach einer anderen Putzfrau umzuschauen. Heimlich natürlich.
Aber das wäre gar nicht nötig gewesen: Neulich fand ich den Entwurf einer Anzeige auf dem Schreibtisch meiner Freundin - in ihrer eigenen Handschrift: „Gesucht! Fleißige und zuverlässige Reinemachefrau für sofort...“
„Und Aischa?“ fragte ich entgeistert, als ich es las. „Sie hat mich gebeten, ihr Geld in Zukunft aufs Konto zu überweisen. Sie hat keine Zeit mehr, extra dafür herzukommen“, sagte meine Freundin, und ich sah, daß sie enttäuscht war. Wir hatten Aischa. Nun hatten wir die Schwierigkeit anderer Leute, eine Putzfrau zu finden.
Auf die Annonce meldeten sich viele. Manche gingen gleich wieder, weil wir keinen Stellplatz für den jeweiligen PKW nachweisen konnten, andere erklärten, in unserem Hause gäbe es zuviel Arbeit, manche wollten sich versprechen lassen, daß wir nie Kinder haben würden, wieder andere fürchteten sich vor unseren drei Hunden, die mit feinem Instinkt diejenigen verbellten, von denen sie sich am wenigsten erwarten durften.
Aber das war alles vor der Zeit, als wir Tamara trafen.  Tamara kam, sah sich um, streichelte die Hunde und blieb. Eine andere Wahl hätte sie auch nicht gehabt: Die Hunde hätten sie unter keinen Umständen wieder weggelassen....
Aber wenn ich an Tamara denke, dann fällt mir zunächst einmal die Zeit ein, als sie einmal n I c h t  da war. Es war eine Zeit der härtesten Prüfungen meines Lebens: Die folgende Episode fällt in die Zeit ihres Jahresurlaubs:
 
 

Bratbrot mit Knoblauch
 

„Das kannst du mit mir nicht machen, mein Lieber“, hörte ich meine Freundin ins Telefon rufen. Erschrocken eilte ich hinzu und bekam gerade noch den Satz mit: „‘Weißt du was, wenn das so ist, dann machst du von jetzt an deinen Dreck allein!“ Dann schmiß sie den Hörer hin. Blicklosen Auges eilte sie an mir vorüber und schloß sich im Schlafzimmer ein. Wenn sie so ist, dann störe ich sie besser nicht, denn sonst bekomme ich alles ab, was eigentlich für jemand andern gedacht ist.
In diesem Fall für einen Auftraggeber, für den sie schon seit vielen Jahren arbeitete und der sich wohl auch gewisse private Hoffnungen gemacht hatte, bis dann ich auftauchte. Und nun hatte sie ihm also den Krempel vor die Füße geworfen - und damit die Hälfte unseres Monatseinkommens. Nichts gegen Bürgerstolz vor Fürstenthronen - solange sich das ganze innerhalb von Schillerdramen abspielt.
Aber in unserem Fall war das doch ziemlich tollkühn. Die Schauspieler gehen zusammen einen trinken, wenn der Vorhang gefallen ist. Aber wer würde von nun an unsere Drinks bezahlen? Ich hatte mich nicht nur an die trockenen Martinis gewöhnt, sondern auch an den Zweitwagen,   die französischen Restaurants unserer Stadt und an die ganzen Unabdingbarkeiten des gehobenen Lebensstandards.
„Macht nichts“, sagte ich deshalb großspurig zu ihr, als sie wieder mit mir sprach, „schrauben wir eben unsere Ansprüche ein wenig zurück. Verzichten wir auf die Martinis, den Zweitwagen, die Restaurants und den ganzen Quatsch, und leben wir von meinem Einkommen. Ich werde  doch wohl noch eine Frau ernähren können!“
„So, meinst du...“, sagte sie. In solchen Fällen beendet sie ihre Sätze immer mit drei Punkten, ohne mich direkt zu beleidigen. „Wozu brauchen wir schließlich zweimal wöchentlich eine Putzfrau, Staubsaugen und Fensterputzen übernehme ich“, fuhr ich unbeirrt for. „Einverstanden“, sagte sie, „zumal Tamara in Urlaub  ist. Ich hätte dich ohnehin darum gebeten.“
An diesem Abend aßen wir zu Hause. Es gab Bratbrot mit Knoblauch. Ich esse Bratbrot mit Knoblauch für mein Leben gern. Und es ist billig. Anschließend schwang ich fröhlich noch ein halbes Stündchen den Staubsauger. „Sparen macht Spaß“, sagte ich, als sie sich an mich kuschelte. Ausnahmsweise waren wir früh ins Bett gegangen. Schließlich war das Restaurant ausgefallen. Fensterputzen macht nicht soviel Spaß wie Staubsaugen. Man sieht hinterher immer Streifen. Egal, wieviel Mühe man sich auch gibt.
Meine Freundin mußte am nächsten Morgen viel telefonieren. Deshalb waren die Eier ein wenig hart geworden. „Komisch, dabei hast du sie so lange gekocht“, sagte ich. Es sollte komisch sein: Sie schenkte mir ein halbes Lächeln.
Wir besannen uns wieder auf das einfache Leben. „Wir können viel Geld sparen, wenn wir uns die Konzerte und Theaterbesuche schenken. Schließlich besitzen wir einen ganzen Bücherschrank voller ungelesener Bücher. Und außerdem könnte ich ja wieder anfangen, Guitarrre zu spielen“, regte ich an. „Aber nur, wenn du ein zweites Stück lernst“, wandte sie milde ein.
 Um abzulenken, sagte ich: „Mit meiner Garderobe komme ich noch lange aus - und wenn ich so in deinen Schrank schaue, dann brauchst du auf absehbare Zeit auch nichts Neues.“ „Also schön“, sagte sie mit ungewohnter Schärfe. „Du kannst eine Frau ernähren. Du kannst sie auch unterhalten, denn du kannst ‘When the saints go marching in’ spielen. Aber kannst du sie auch kleiden...?“
Wieder diese drei Punkte. Irgend etwas mußte ich falsch gemacht haben. Ich versuchte zu erklären, wie ich das gemeint hatte, aber sie ging wortlos in die Küche.
Es gab Bratbrot mit Knoblauch. Ich liebe Bratbrot mit Knoblauch, wenn es mit frischem Brot gemacht wird. Unser Brot war noch von vorgestern.
Ich begann die Hausarbeit zu rationalisieren, wie das eben nur ein Mann kann. Es ist wichtig, alle Griffe, die nun einmal getan werden müssen, in Gruppen einzuteilen. Das spart viel Zeit. Wenn ich zum Beispiel ein Bier aus dem Kühlschrank hole - Martini war ja gestrichen -, dann kann ich doch gleichzeitig auch schon mal Eier herausholen, damit sie die richtige Temperatur haben, wenn man sie braucht. Nur darf man nicht vergessen, daß man sie in die Schürzentasche gesteckt hat, wenn man die Schürze ihrerseits in die Waschmaschine steckt. Aber mit einiger Übung bekommt man das schon hin.
Und daß man beim Einholen viel Geld spart, wenn man große Mengen von den Dingen kauft, die man ohnehin täglich braucht, versteht sich ja von selbst. Aber irgend etwas muß mit meinen Berechnungen nicht gestimmt haben. Jedenfalls gaben wir für die Dinge des täglichen Bedarfs auf diese Weise wesentlich mehr Geld aus, als wenn wir, wie früher, ins Restaurant gegangen wären.
Am Abend dieses und einiger weiterer Tage gab es abwechselnd Bratbrot mit Thunfisch und Bratbrot mit Knoblauch. Ich traute mich nicht mehr unter die Leute.
Zur Krise kam es, als unser Er