Immer wenn die Frau an meiner Seite ihren
Platz an meiner Seite verlässt, zur Mitte des Raumes schlendert und
sinnenden Blickes stehen bleibt, dann hat sie eine Idee. Meistens handelt
es sich dabei um eine Idee, die ich in die Tat umsetzen soll.
“Schreib doch mal was über uns”,
sagte sie diesmal. “Was soll ich denn schreiben?”
“Nun, die Wahrheit, was wir so alles erlebt
haben bis heute.”
“Das glaubt uns ja doch keiner!”
“Wenn du es schreibst, schon”. “Du
meinst, ich soll schreiben, wir leben hier in einem wunderschönen
alten Bauerngut hoch über dem Meer zusammen mit fünfzig
Pferden, neun Hunden, dreiKatzen, einer Schildkrötenfamilie,
diversen freifliegenden Nachtigallen, Fledermäusen und Glühwürmchen,
mit freilaufenden Enten, ungezählten freikriechenden Lurchen
und anderem Getier. Ganz zu schweigen von den beiden Haushaltshilfen,
dem Stallmeister, dem Schabbesgoi und seinem Sohn, dem Gärtner,
...” “Das wäre zwar die Wahrheit, aber nicht die Wirklichkeit.”
“Und was wäre die Wirklichkeit?”
“Die Wirklichkeit ist, daß
wir Tag und Nacht arbeiten müssen, damit wir all die Leute bezahlen
können, die wir nur deswegen eingestellt haben,
damit wir etwas weniger arbeiten müssen, um endlich hier im
Süden unser Leben zu geniessen.”
“Jetzt verstehe ich: Du möchtest,
daß ich all das aufschreibe, um es anschließend an einen Verlag
zu verkaufen, der uns dafür so viel bezahlt, damit wir endlich sorgenfrei
leben können und weniger arbeiten müssen. Mal abgesehen von den
Film- und Fernsehrechten, die uns dann endlich reich machen.”
“... !”
Immer, wenn sie
“...!” macht, dann weiß ich,
daß sie keinen wesentlichen Widerspruch mehr erwartet, denn
sie ist die einzige Frau, die ich kenne,
die “...”!
mit einem Ausrufezeichen versehen
kann.
Also setzte ich mich an den PC und begann
darüber nachzudenken, ob all das die logische Konsequenz dessen ist,
was damals in München so normal begann.
Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: Konsequenz
ist nicht etwa eine gerade Strecke, deren Ende man bereits sehen kann,
wenn man noch am Anfang steht. Konsequenz kann sich ohne weiteres in gewundenen
Linien vollziehen. So gesehen ist “all das” schon irgendwie konsequent,
und es bleibt mir nichts anderes übrig, als ganz am Anfang zu
beginnen. Doch beim weiteren Nachdenken fällt mir auf: Soo
normal, wie es mir im Nachhinein erscheint, war es dann auch wieder
nicht. Oder doch?
Ort: München und weitere Umgebung
Zeit: jederzeit möglich
Szene: Zwei Menschen beginnen, sich kennenzulernen.
Problem: Sie ist ein gebranntes Kind, und
ich bin
Der Mann danach
Ich gebe zu, es ist ein wenig „out“, der
Dame des Herzens zum Zeichen der Zuneigung eine einzelne Rose zu überreichen.
Heute bringt man schon eher ein Sträußchen Wiesenblumen zum
Selbertrocknen aus dem alternativen Blumenladen mit.
Aber ich gebe ja auch zu, daß ich
da eher ein bißchen altmodisch bin, und daß mir die rote Rose,
die einzelne, ein Herzensbedürfnis ist. Und schließlich - meine
Freundin ist ja doch auch in einer Zeit geprägt worden, als die rote
Rose noch eine Bedeutung hatte. Also dachte ich mir nichts Schlimmes, als
ich - einfach so, weil ich sie sehr lieb habe - meiner Freundin besagte
Rose (einzeln) mit nach Hause brachte. Und das hätte ich lieber bleiben
lassen sollen.
„So! Eine Rose“, sagte sie spitz.
„Da möchte ich bloß wissen,
was das nun schon wieder zu bedeuten hat?“ Der Abend war hin, ehe er begonnen
hatte.
Ich zermarterte mir das Hirn, was ich
denn „nun schon wieder“ angestellt hatte, und sie war zu keinen Erläuterungen
bereit, sondern verbreitete jenes Unbehagen, das die eindeutige Botschaft
aussendet: „Sei froh, daß ich überhaupt noch mit dir rede.“
Wie hätte ich denn auch wissen
können, daß Claus ihr immer eine rote Rose mitbrachte, wenn
er ein schlechtes Gewissen hatte. Claus ist mein direkter Vorgänger
und ein Schlitzohr. Aber irgendwann hat er wohl überzogen. Sie hatte
gemerkt, daß er sie mit der Rose wiederholt hinters Licht geführt
hatte, und war seither auf das „Imponiergemüse“, wie sie es nannte,
schlecht zu sprechen. Und ich armes Würstchen bekam es ab - und mit
mir jene meine unschuldige Rose.
Aber dieser verpatzte Abend war nicht
der einzige, an dem ich mir leid tat und nicht wußte, wie mir geschah.
Nur weil Claus ein Schlitzohr war. Ich bin der Mann „danach“. Alles, was
mein Vorgänger an meinem Mädchen verbrochen hat, das habe ich
geerbt. „Schau, ich bin doch ganz anders als Claus“, höre ich mich
immer wieder sagen. Aber das nützt nichts, denn sie gibt es nicht
einmal zu, daß sie mich vergleicht.
Da ist zum Beispiel die Sache mit der
Eifersucht. Ich bin rasend eifersüchtig. Aber ehe ich das zugäbe,
würde ich mich lieber von feurigen Rossen vierteilen lassen. Und so
pflege ich - zur eigenen Beruhigung - den Satz zu sagen: „Ich vertraue
dir. Und wenn ich Grund zur Eifersucht hätte, dann wäre ohnehin
alles zu spät.“ Dabei komme ich mir natürlich ungemein edel vor.
Lange Zeit habe ich nicht begriffen,
daß ich sie damit bitter enttäuschte. Erst, als sie mir eines
Abends - solche Gespräche finden bei uns leider immer abends statt
- tränenüberströmt entgegenhielt: „Wenn du mich liebst,
dann bist du auch eifersüchtig. Du bist nicht eifersüchtig, also
liebst du mich nicht. Ist doch logisch!“ dämmerte mir, daß ich
den Salat hatte.
Ich hatte den Salat.
Mangelnde Eifersucht gleich mangelnde
Liebe. Verflixt nochmal. „Vermute ich richtig, daß Claus rasend eifersüchtig
war?“ fragte ich tastend. Sie entschloß sich zu einem Teilgeständnis:
„Eifersüchtig war er schon...“
Als ich fortan, wenn auch verfrüht,
wie man sehen wird, meinen eifersüchtigen Gefühlen etwas freien
Lauf ließ, zog ich mir bereits wieder einen Tadel zu, und ich mußte
zerknirscht einsehen, daß das nun auch wieder nicht richtig war.
„Hör auf mit dieser lächerlichen,
gespielten Eifersucht“, lautete ihr strenger Verweis, als ich einmal richtig
in Fahrt war.
„Dieses Affentheater ist ja ekelhaft.“
Sie vermuten richtig: Claus, das Schlitzohr,
hatte nämlich seine Eifersucht nur gespielt, weil er eben von Hause
aus nicht mit diesem Charaktermangel behaftet war. Er spielte den rasend
Eifersüchtigen, um seine rasende Verliebtheit zu beweisen. Und als
diese nachließ, da ließ auch die - gespielte - Eifersucht nach.
Dummerweise hatte er das eines Tages im Zorn gestanden und sie damit bis
auf meine Tage verletzt.
Verstehen Sie jetzt mein Dilemma? Ich
nicht. Ich vermute nämlich, daß Claus, das Schlitzohr, in Wahrheit
rasend eifersüchtig war und nur so tat, als ob er seine Eifersucht
nur spielte, um...
Aber es stimmt schon, daß ich in
der letzten Zeit etwas ins Grübeln geraten bin. Nun soll man nicht
glauben, wir hätten ein gespanntes Verhältnis. Im Gegenteil.
Es ist nur etwas schwierig, wenn man die Fehler des Vorgängers vermeiden
will und sie dann gerade macht. Schwierig ist es auch dann, wenn man sich
ganz normal gibt und gerade das mißverstanden wird.
Ich bin zum Beispiel ein mäßig
begabter Lügner. Wenn es sein muß, dilettiere ich in dieser
hohen Kunst. Im Privatleben jedoch versuche ich, nicht zu lügen. Das
gelingt natürlich nicht immer, aber oft.
Ich würde auch niemals einem Partner
gestatten, mich zur Lüge zu zwingen, wie das so oft vorkommt - und
ganz abgesehen davon finde ich es einfach bequemer, die Wahrheit zu sagen.
Wer hat schon das glänzende Gedächtnis, das ein notorischer Lügner
unbedingt braucht...
Aber wie kann ich wissen, daß meine
Freundin in Gedanken bei allem, was ich sage, immer das Quantum an
Lüge abzieht, das sie aus ihrer früheren Beziehung gewohnt ist.
Das läuft dann etwa so:
„Du, heute ging mir alles schief. Ich
haben den ganzen Tag nur Mist gebaut“, sage ich etwa. Und sie:
„Und wovon wirst du leben?“
Sie hält mein Eingeständnis
für eine maßlose Untertreibung und rechnet fest damit, daß
ich fristlos entlassen worden bin. Sie könnte aber auch sagen: „Ich
weiß ein gutes Versteck bei meiner Tante Berta im Westerwald. Dort
bist du erstmal sicher.“ Oder: „Wir sind geschiedene Leute. Mit einem solchen
verkommenen Subjekt will ich nichts zu tun haben.“
Daß ich wieder einmal einen Fehler
gemacht habe, merke ich immer daran, daß sie ohne erkennbaren Anlaß
einschnappt. Wie zum Beispiel dann, wenn ich einen Witz erzähle.
Das liegt nicht daran, daß sie alle
meine Witze bereits kennt, oder daß ich ein todlangweiliger Witze
Erzähler bin. Wenigstens liegt es nicht n u r daran. Es hat auch nichts
damit zu tun, daß sie keine Witze mag. Im Gegenteil - sie hat ein
ansteckendes Lachen und kann sich über einen guten Witz gar nicht
beruhigen. Falls er nicht von mir erzählt wird.
Claus?.... Claus!
Der hat nämlich in einer Phase der
abkühlenden Beziehung nur noch Witze gerissen, damit er die Probleme
nicht zu konfrontieren brauchte. Vor allem hat er harte Männerwitze
gerissen. Nun reiße ich keine harten Männerwitze - solange es
besseren Gesprächsstoff und bessere Witze gibt. Aber sie hat Angst,
ich könnte es tun, wenn ich einmal in Fahrt gerate.
Mein Hinweis: „Selbst, wenn ich in deiner
Gegenwart einen harten Männerwitz erzählen sollte, würde
das nicht bedeuten, daß mit unserer Beziehung etwas nicht stimmt,
höchstens, daß ich kein besonders gutes Benehmen habe“, wird
von ihr gekontert. „Siehst du, es ist dir ein Bedürfnis. Ich hatte
doch recht.“ Und dann weint sie, und das Witze Erzählen findet
ein natürliches Ende.
Er ist, so höre ich, ein Autodidakt,
der sich schwer nach oben gekämpft hat und im Grunde genau weiß,
daß weder seine Bildung noch seine Manieren ganz abgerundet sind.
Gebildete Frauen sind ihm unheimlich. Vor allem dann, wenn er neben ihnen
etwas verblaßt. Die Folge ist, daß er mit dem, was er weiß,
auftrumpft und vor allem weibliche Gesprächspartner niedermacht.
Es hat ihr sehr an mir gefallen, daß
ich das nicht tue. Das ist kein besonderes Verdienst von mir. Ich bin so.
Basta. Und ich sehe auch nicht ein, daß ich das, was ich weiß,
besonders herausstellen soll.
Und jetzt wirds etwas kompliziert. „Du
hast mir verheimlicht, daß du eine abgeschlossene Ausbildung hast“,
sagte sie eines Abendessens betont beiläufig. Etwas zu betont beiläufig.
Ich suchte nach Ausflüchten, weil mir Unheil schwante: „Ach, die paar
Semester...“ „Schweig, ich habe dein Diplom gefunden!“ herrschte sie mich
an.
Es war hoffnungslos. Ihre Enttäuschung
war echt und tief. Das soll nun um Himmels Willen nicht so klingen,
als wäre sie ein kleines Schaf. Sie ist zwar manchmal eines - aber
doch eher ein Lämmchen, das mich sehr rührt.
Sie ist aber die meiste Zeit des Tages
eine gebildete, ausgeglichene, beherrschte Frau, fast eine Dame (fast!),
die mitten im Leben steht und allen Leuten imponiert. Auch mir.
Claus konnte all das schlecht ertragen.
Sie hatte gedacht, ich sei einfach ein anständiger Mann, der aus Herzensbildung
kein Chauvi ist. Daß ich nur deswegen keiner bin, weil ich es gar
nicht nötig habe, war ein harter Schlag für sie.
Ich bin der Mann danach - und was ich
auch anstelle - es ist immer falsch, wenn ich´s genauso mache wie
er es getan hat. Auch wenn ich aus einem völlig anderen Grund handle.
Es ist aber auch falsch, wenn ich genau
das Gegenteil tue, wenn ich dafür kein zufriedenstellendes Motiv habe.
Nur ein einziges Mal ist es mir gelungen, mit einer originalen Handlungsweise
ungeteilte Bewunderung und Zustimmung zu erringen.
Das war nach unserer ersten Nacht, als
ich mich morgens noch ein bißchen verschlafen räkelte und mit
Entzücken hörte, wie sie draußen mit dem Frühstücksgeschirr
klapperte.
Dieses Geräusch der Zweisamkeit hatte
ich lange vermißt. Normalerweise würde ich das Frühstück
selber machen. Aber ich war echt verschlafen und genoß meine Faulheit.
„Schön, daß du zum Frühstück bei mir geblieben bist“,
sagte sie einfach und küßte mich auf die Nase, nachdem sie das
Tablett abgestellt hatte. Ich war glücklich.
Erst später erfuhr ich, daß
Claus verheiratet war, und in jeder Nacht, die er mit ihr verbrachte, lange
vor Morgengrauen verschwand...
Es ist manchmal nicht einfach, der Mann
danach zu sein.
Und so bemühte ich mich fortan, tiefer
in die Mentalität meiner Freundin einzusteigen. Tief genug, um wenigestens
den Fährnissen des Alltags gewachsen zu sein.
Da ist zum Beispiel die Sache mit der
Reputation. Sie hat es gern, wenn man von ihr denkt, daß es ihr nicht
wichtig ist, was man von ihr denkt, damit man von ihr denkt, daß
sie über den Dingen steht. Sogar beim Einkaufen. Und so ist es mir
gelungen, ihr einen Zugang zum inneren Feinkostkreis zu verschaffen.
Und das will in München was heißen
Der innere Feinkostkreis
Unser Viertel hat ein Feinkostgeschäft.
Das Viertel war früher mal fein. Das Feinkostgeschäft ist es
immer noch. Es ist beileibe nicht eines jener eher lauten Etablissements,
vor denen die Luxusautos in Zweierreihen parken und grau livrierte Chauffeure
beflissen Wagenschläge aufreißen.
Es gehört auch nicht zu den Geheimtips
der Gourmets, die bereits ab neun Uhr morgens Champagner und Austern in
einer verschwiegenen Kellerbar schlürfen. Es geht eher dezent zu.
Nicht, daß es hier keine Austern und keinen Champagner gäbe!
Es gibt sogar vier Sorten Kaviar und die
erlesensten Wildpasteten. Ganz abgesehen von den gepflegten und edlen Weinen.
Vorausgesetzt, all die schönen Dinge
sind gerade vorrätig..... Oft heißt es nämlich bedauernd:
„Leider gerade ausgegangen. Aber morgen bekommen wir´s garantiert
wieder frisch rein.... Wollen Sie vielleicht vorbestellen?“ Denn der feine
Mann bestellt vor. Die feine Dame auch. Nur wer vorbestellt, gehört
sozusagen zum inneren Kreis und wird mit Namen angesprochen. Alle übrigen
sind „Laufkundschaft“. Man braucht sie nicht weiter zu beachten.
So trennt unser Feinkostgeschäft
die Spreu vom Weizen. „Ist dir schon einmal aufgefallen, daß hier
nur Akademiker und ganz feine Leute verkehren?“ fragte meine Freundin,
die es gelegentlich unvorbestellt in den Laden zieht. Vor allem wegen
der hübschen Dekoration in ihren Lieblingsfarben. Aber auch wegen
des wirklich vorzüglichen Bündner Fleisches, von dem sie ab und
zu fünfzig Gramm ergattern kann.
Tatsächlich, nur ganz feine Leute!
„Nehmen Sie doch für Ihre Kanapees noch etwas von der Foie Gras, Frau
Doktor Häberle!“ Oder: „Ach, wissen Sie, Herr Doktor Klöbner,
die Petits fours beziehen wir von der Confiserie Larousse in Lyon - die
liefern täglich frisch“, sind so die Standardsätze des Personals.
„Dieser Schillerwein, Herr Doktor Cornelius, kommt von den besten Lößlagen
des schwäbischen Unterlandes - ganz aus der Nähe von Schillers
Geburtsort, gelle.“
Solche profunden Sätze spricht natürlich
der Herr Feinkost persönlich. Es gibt unter den Kunden auch einige
Professoren, einen „Herrn Professor Doktor“ und sogar eine „Frau Professor“.
Die wenigen Nichtpromovierten, die hier verkehren, scheinen - von einigen
Ausnahmen abgesehen - in der Mehrzahl immerhin Akademiker zu sein, zumindest
Menschen mit Hochschulreife. Und wer noch nicht einmal Abitur hat, kann
doch wenigstens einen Bindestrich im Namen vorweisen. „Ach, Frau Müller-Lüdenscheidt,
da habe ich Ihnen doch noch eine Baguette reserviert. Ist leider ein wenig
angestoßen.“ Strafe muß sein.
Die Crème de la crème bildet
natürlich der promovierte Adel. Er wird herzlich, jovial und laut
begrüßt, daß alle Kunden im Laden es hören müssen:
„Hallo, Frau Doktor von Tunketief. Nett, daß Sie uns mal wieder beehren!“
Etwas devoter - und mit gedämpfterer
Stimme, aber doch unüberhörbar - wird der Hochadel behandelt.
Selbst dann, wenn er nichtakademisch sein sollte, was offenbar häufiger
vorkommt: „Meine Empfehlung an die Frau Gemahlin, verehrter Graf Stenz!“
Oder: „Liebe Prinzessin, gestern habe ich Ihren Herrn Vetter in der Oper
getroffen. Nein, nicht den mit dem Antiquitätengeschäft - den
Herrn Rechtsanwalt!“
Eine Sonderklasse bilden die seit Jahrzehnten
ansässigen Ausländer, vorausgesetzt, es handelt sich um Engländer,
Franzosen oder zumindest Amerikaner, obwohl letztere nicht so gern gesehen
sind, weil sie so viel fragen. Jeder bekommt ein aufmunterndes Wort in
seinem Heimatidiom mit. Etwa: „Hello, Mister Goldstein, I have here what
really good for you.“ Und: „Oh, Madame Lapoitrine...“ Französisch
ist indes nicht direkt die Spezialität des Hauses.
„Wie machen die Leute das bloß,
daß sie jeden Kunden mit Namen anreden?“ grübelte meine Freundin.
„Jeden wohl nicht“, überlegte ich, „wir zum Beispiel haben weder Rang
noch Titel - nicht einmal den kleinsten Bindestrich. Und sogar das Initial
hinter meinem Vornamen habe ich als Jugendsünde abgelegt - uns läßt
man folglich in Ruhe.“ „Was heißt: in Ruhe?! Auch ich möchte
gefälligst wie eine Dame behandelt werden“, protestierte meine Freundin,
der offenbar viel daran liegt, zum inneren Feinkostkreis zu gehören.
„Stell dich doch vor, wenn`s so wichtig
für dich ist“, riet ich. „Das ist popelig. Oder glaubst du,
die Frau Doktor Häberle hat gesagt: „Guten Tag, ich bin die Frau Doktor
Häberle ? Nie! Dafür ist die Frau viel zu distinguiert.“ „Sie
ist eben eine Dame“, gab ich zu bedenken. „Wie meinst du das?“ fragte meine
Freundin.
Ich zerbrach mir den Kopf, woher die Feinköstler
wohl die Namen all ihrer vielen Kunden kennen könnten. Viele, so überlegte
ich, scheinen wohl Ärzte, Anwälte, Notare und Apotheker aus der
unmittelbaren Umgebung zu sein - nebst Gattinnen, denn in Süddeutschland
ist ja auch die Frau eines Doktors eine „Frau Doktor“. Doch von denen allein
konnte das Unternehmen wohl nicht existieren, selbst wenn sich das ganze
Personal aus hilfsbereiten und nicht sehr lohnintensiven Söhnen, Töchtern
und Schwiegerkindern von Herrn und Frau Feinkost zusammensetzte.
Dann fiel mir ein, wie meine Freundin
zu ihrer Spezialbehandlung als Dame kommen könnte. Natürlich!
Die Vorbestellung! Ich hatte es die ganze Zeit über gewußt.
Als sie das nächste Mal sagte:
„Wir brauchen wieder Bündner Fleisch, mal sehen, wieviel ich diesmal
ergattern kann“, griff ich zum Telefon, kaum daß sie das Haus in
Richtung Feinkostladen verlassen hatte:
„Hier ist der Haushalt von Doktor von
Lewiandowski-Ostertag“, näselte ich. „Haben Sie noch dieses köstliche
Bündner Fleisch? Fein, dann reservieren Sie doch zweihundert Gramm.
Die gnädige Frau wird gleich selbst vorbeikommen. Ach ja, sie ist
leicht zu erkennen. Sie trägt einen dieser weißen Overalls mit
Mickymaus vorn und hinten drauf. Sie wissen schon.“
„Ich versteh´ die Welt nicht mehr“,
sagte meine Freundin verwirrt, als sie von ihrem Einkauf zurückkam.
„Kaum betrete ich den Laden, schon ruft mir die Chefin zu: ,Ach, Frau Doktor
von Lewiandowski-Ostertag! Ihr Bündner Fleisch! Kleines Momentchen
- ich bin gerade am Aufschneiden!` Und nötigt mir doch tatsächlich
dreihundert Gramm auf... Stell dir vor, dreihundert Gramm!“ „Aber was mir
nicht aus dem Kopf geht - wieso Lewiandowski-Ostertag? Und dann noch Doktor
von.... So heiße ich doch gar nicht!“
„Seit heute schon, meine Liebe,
seit heute schon, sagte ich mit näselnder Butlerstimme.
Nachdem sich das Problem meiner Freundin
so leicht lösen ließ, frage ich mich, wie viele der feinen Leute
in dem feinen Laden wohl durch den gleichen Trick geadelt und betitelt
wurden...Und im Falle meiner Freundin trotz- oder womöglich sogar
wegen äusserer Nonkonformismen, wie zum Beispiel ein Mickmouse-Outifit,
mit dem sie allen möglichen Modeströmungen standhaft trotzte.
Und das schon seit geraumer Zeit:
Mickymouse -
oder
Snoopy ist unheimlich
krank
Das Mädchen, in das ich mich verliebte,
besaß - unter anderem natürlich - ein winziges weißes
Köfferchen. Auf diesem Köfferchen waren Minimouse und Mickymouse
abgebildet, und sie trug das Köfferchen mit sichtlichem Vergnügen
auch bei ziemlich offiziellen Anlässen.
Als ich das Köfferchen zum ersten
Mal sah, gab mir sein Anblick einen kleinen freudigen Stich. Es war wie
ein Wiedersehen nach langer Zeit. Früher als Bub hatte ich alles verschlungen,
was mit Mickymouse zu tun hatte. Natürlich auch mit Donald und seinen
Neffen und der übrigen Verwandtschaft.
„Meinst du nicht, du seist ein bißchen
groß für Mickymouse“, fragte mich dann später meine Frau.
Zuerst fragte sie es freundlich neckend. Später dann aber mit immer
schärfer werdendem Unterton. Und als eines Tages alle Heftchen meiner
Knabenzeit spurlos verschwunden waren, wagte ich nicht einmal, danach zu
fragen.
Vielleicht ist meine Ehe nicht gerade
daran gescheitert - aber irgendwie daran auch. „Magst du Mickymouse?“ fragte
mich das Mädchen mit dem Köfferchen, als ich beide einghend betrachtete.
Ich will nicht sagen, daß ich mich deswegen in sie verliebte - aber
irgendwie deswegen auch.
Mein Nachholbedarf in Sachen Mickymouse
wurde seither reichlich befriedigt. Sie besitzt nämlich nicht nur
das besagte Köfferchen. Sondern auch zwei Tassen. Eine mit Micky und
eine mit Mini. Und nicht nur die beiden Tassen - auch ein Telefon.
Das Telefon ist ein stehender Micky, der
einen Arm ausstreckt. Das ist die Gabel. Und darauf liegt der Hörer.
Außer dem Köfferchen, den Tassen und dem Telefon hat sie auch
noch ein T-Shirt. Vorne ist Micky von vorne drauf und hinten von hinten.
Ich möchte nun nicht den Eindruck
erwecken, daß sie einen Mickymouse-Fimmel hat, sondern sie benutzt
diese Gegenstände genauso selbstver-ständlich wie übrige
auch. Wie ihre Mickymouse-Zahnbürste, ihre Mickymouse-Umhängetasche,
ihre Mickymouse-Armbanduhr und die Mickymouse-Blechdose, die sie sogar
als Geldbörse benutzt.
„Du sollst nicht denken, daß ich
einen Mickymouse-Fimmel habe“, sagte sie daher, als ich all diese Gegenstände
eingehend betrachtete. „Das denke ich auch gar nicht - ich mag Mickymouse“,
beeilte ich mich zu bemerken. „Ich finde es niedlich“, fügte ich verstärkend
hinzu. Sie war nicht ganz beruhigt. „ Du glaubst, daß ich spinne“,
sagte sie skeptisch. „I wo, kein bißchen. Ich mag ...“ aber das sagte
ich ja bereits.
Zum Glück hatte sie ziemlich zu Beginn
unserer Freundschaft Geburtstag. Und so fiel es mir gar nicht schwer, ein
sinniges Geschenk für sie zu finden. „Wo kriegt man denn alle diese
Mickymouse-Dinger?“ fragte ich aus diesem Grund eine Kollegin, die ein
T-Shirt trug mit einem reliefartig gestalteten Micky darauf. Wenn man dem
auf die Nasenspitze drückte. dann quiekte es.
„Du bist mir aber einer“, sagte sie, und
es kam mir für einen Moment vor, als ob sie errötete. Dabei hatte
ich es ganz anders gemeint. Als das Mißverständnis aufgeklärt
war, sagte die Kollegin lachend: „Ich bring dir morgen was mit - für
deine Süße.“
Das tat sie dann auch. Es war eine allerliebste
Minimouse. Besser, der Kopf von Minimouse. Ganz aus durchscheinendem Plastik.
Obendrauf eine blaue Haarschleife und innen drin eine Glühlampe.
„Das ist schön krank“, sagte die
Kollegin. Und ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß „krank“ für
höchstes Lob in Sachen ausgeflippte Gegenstände steht, und daß
die Mickymouse-Mode eben „schön krank“ ist. Man lernt immer noch was
dazu.
„Au Klasse, sowas hat mir gerade noch
fürs Klo gefehlt“, sagte meine Freundin, als sie die Minimouse aus
dem zähen Gebilde von Geschenkpapier und Klebeband befreit hatte-
ich bin ein schlechter Einpacker.
Ich nahm an, daß Geschenke fürs
Klo besonders krank sind und freute mich mir ihr. Mit geschärftem
Blick bin ich seither durch die Stadt München gegangen. Zu meiner
großen Freude entdeckte ich, daß Mickymouse - ohne, daß
ich darauf geachtet hatte - einen bedeutenden Teil der Großstadtjugend
erobert hat.
Was für uns damals - mein Gott, wie
das klingt „damals“ - die Mickymouse-Heftchen waren, das ist für die
heutige Jugend - ich will sie deswegen nicht weniger literat nennen - das
absolut kranke „Durchgestyl-Sein“ mit freundlich grinsenden Gestalten aus
Entenhausen.
Ich darf gar nicht daran denken, daß
meine Eltern - und später meine Frau- das bloße Lesen von Mickymouse-Heften
für den Beginn des absoluten Untergangs der abendländischen Kultur
hielten. Ich mag Mickymouse.
„Bernd Eichinger hat auch ein Mickymouse-Telefon,
widersprach meine Freundin, als ich ihr meine These von der durchgestylten
Mickymouse-Jugend erläuterte. „Aha, und wer ist Bernd Eichinger?“
„Na, der Typ von der Neuen Constantine.“ „Soso“. Ich nahm an, daß
Bernd Eichinger ein gebrechlicher älterer Herr sei und stellte mir
vor, wie er mit schwacher Hand die Drucktasten seines Micky-Telefons bediente.
Inzwischen habe ich ihn kennengelernt.
Das ist ein total durchgestylter Typ mit superkurzen Haaren und Turnschuhen
an den Füßen. Gut zehn Jahre jünger als ich.
Das Phänomen hat demnach alle Altersstufen
erfaßt. Und ich ertappe mich selbst, wie ich beim Bedienen unseres
Mickymouse-Telefons unwillkürlich die Stimme eine Oktave höher
schraube und auch viel schneller spreche. Genau wie Mickymouse.
Für meine Notizen habe ich mir einen
Mickymouse-Schreibblock zugelegt. Mein Schreibgerät ist ein entsprechend
gestalteter Kugelschreiber.
Übrigens bin ich froh, daß
mir mein Einkommen die Erfüllung von ein paar Sonderwünschen
erlaubt, denn billig ist es nicht, sich dem Trend anzuschließen.
Allein die Anschaffung des dringend benötigten Telefons beläuft
sich auf 475 Mark im Schatten. Rechnet man all die übrigen nicht minder
dringend benötigten Utensilien dazu, so kommt man spielend auf zweitausend
Mark. Spielend sage ich.
So klingelte zum Beispiel jedesmal in
einem der schätzungsweise drei Dutzend Münchner Geschäfte,
die seinerzeit ganz vom Vertrieb von Mickymouse leben, die Kasse,
wenn meine Freundin „Ui“ sagt. -
Ui sagte sie das letzte Mal, als sie eines
Andy-Warhol-Bildes ansichtig wurde. Es stellte -Sie haben richtig vermutet
- Mickymouse dar. Nicht einmal sonderlich verfremdet. Lediglich mit einer
Art Gloriole um den Kopf, die ihm vermutlich der Groß- und Einzelhandel
verliehen hat zum Dank für vorzügliche Umsätze.
Da es sich bei dem Warhol-Bild um ein
Geschenk von mir an sie handelte - nämlich um das unabdingbare Bild
über unserem Bett, werde ich an dieser Stelle den Preis nicht verraten.
Mit Rahmen war er jedenfalls gesalzen.
Jetzt sind auch wir total durchgestylt.
Mickymouse-mässig. Deshalb hat mich der neuerliche Besuch in einer
kranken Münchner Boutique auch besonders hart getroffen.
Keine Spur von Mickymouse! Fast keine.
Nur ein schäbiger Radiergummi und ein plastiküberkuppeltes Micky-Mini-Hochzeitspaar,
bei dem es schneite, wenn man es auf den Kopf stellte. „Micky-Klamotten?“
fragte das Mädchen an der Kasse und bekam einen grünlichen Schimmer
um die Nase. „Mickymouse ist out. Ich habe drei Jahre lang jeden Tag Mickymouse
verkauft. Ich kann nichts mehr sehen.“
Ich war erschüttert. Sie sah die
Tränen in meinen Augen und versuchte mich zu trösten: „Nehmen
Sie Snoopy. Snoopy ist unheimlich krank. Snoopy kommt.“
Da half es auch wenig, daß wir neuerdings
das lebende Vorbild von Mickymouse zu Gast hatten:
Mus musculus, die gemeine
Hausmaus
Zum ersten Mal erblickten wir unsere ungebetene
Besucherin beim Fernsehen. Sie saß auf der Lehne eines Sessels und
schaute angestrengt in Richtung Bildröhre.
„Was sitzt denn da Komisches auf der Sessellehne?“
fragte meine Freundin beiläufig. „Das ist eine gemeine Hausmaus, Mus
musculus“, klärte ich sie auf. „Möchtest du damit im Ernst behaupten,
daß sich in unserem Haus eine Maus aufhält?!“ rief sie ungeachtet
ihrer Vorliebe für zweidimensionale Mickymäuse im Weglaufen von
der Tür her. „Schaff sie gefälligst hinaus!“ Als hätte ich
das Untier persönlich hereingebeten.
Inzwischen hatte sich Mus musculus hinter
den Bücherschrank verkrümelt. Von Hinausschaffen konnte keine
Rede mehr sein.
Und da der Fernsehabend ohnehin geplatzt
war, nahm ich „Knaurs Tierreich in Farbe“ aus dem Bücherschrank, hinter
dem die Maus saß, und las: „Die Hausmaus folgt dem Menschen nahezu
überallhin. Sie ist einfarbig grau, wiegt 26 Gramm und mißt
20 cm bei 10 cm langem Schwanz.“
Das hatten wir gesehen. Aber das wußten
wir noch nicht: „Das Weibchen wird mit zwei bis drei Monaten geschlechtsreif,
es wirft nach 20 Tagen Trächtigkeit drei- bis achtmal im Jahr neun
Junge...“
Klarer Fall: Wir hatten die Vorhut einer
Mäuseplage im Haus. „Sie fressen alles, was sich zerbeißen läßt“,
hieß es weiter. Meine Manuskripte zum Beispiel. Da mußte ein
Kammerjäger her. Schluß mit der Mäuseplage!
Am nächsten Abend saß Mus musculus
wieder auf der Sessellehne, machte Männchen, putzte sich und beäugte
uns ernsthaft. „Eigentlich ist sie ja ganz niedlich“, meinte meine Freundin,
die ihren Schreck vom Vorabend überwunden hatte.
„Nein, sie ist nicht niedlich, sondern
der Beginn einer Mäuseplage, die meine Manuskripte vernichten wird“,
widersprach ich. „Heute habe ich den Kammerjäger angerufen. Er kommt
morgen.“ „Was macht ein Kammerjäger?“ wollte die Frau an meiner Seite
wissen. „Er vernichtet Ungeziefer.“ - „Und wie, bitte schön, gedenkt
er in unserem Haus Ungeziefer zu vernichten?“
Sie war hellwach und sehr mißtrauisch.
Auch die Maus hatte sich wieder hinter den Bücherschrank verzogen.
Vermutlich baute sie bereits an ihrem Nest oder legte ein Gängesystem
an.
„Er wird Gift legen.“ - „Gift!“
„Genau, Gift.“ „Dieser entmenschte Typ wird also dieser unschuldigen Maus
Gift einflößen, an dem sie qualvoll zugrunde gehen wird.“ Und
in den Augen meiner Freundin konnte ich lesen: „Mörder!“
Es war klar, daß sie damit mich
meinte, als Helfershelfer eines finsteren Mordgesellen. Die Maus blieb.
Sie sah jeden Abend mit uns fern. Mir schien, daß sie „Tom und Jerry“
besonders schätzte, wo immer die Maus gewinnt. Aber das konnte auch
Einbildung sein.
„Es ist nicht nötig, daß du
die Maus fütterst“, sagte ich nach einer Woche, als ich sah, daß
meine Liebste ein Schälchen Milch hinter den Sessel stellte. „Sie
ernährt sich von meinen Manuskripten!“ Das tat sie wirklich. Vom Deckkblatt
einer Kurzgeschichte hatte sie eine große Ecke abgefressen.
Meine Freundin fand das komisch. Ich nicht.
Nach einer weiteren Woche hatte sich die Maus halbwegs durch ein Interview
mit Ephraim Kishon durchgefressen. Immerhin schien sie einen gewissen Sinn
für Humor zu haben
„Du mußt deine Sachen eben
einschließen“, sagte meine Freundin tadelnd. Von jetzt an fütterte
ich die Maus selber. Aber sie verschmähte Speck und Käse. Sie
bestand auf Papier. Auf Schreibmaschi-nenpapier. Auf meinen Manuskripten!
Meine schlimmsten Befürchtungen hatten
sich bestätigt. Zwar blieb unsere Maus Single, aber sie entwickelte
einen unglaublichen Appetit auf Literatur. „Vielleicht übt sie auf
diese Weise Literaturkritik“, meinte meine Freundin mit dem ihr eigenen
Humor.
Am nächsten Tag kaufte ich eine Falle.
Eine sogenannte Schlagfalle. „Schnell und schmerzlos“, hatte der Verkäufer
gesagt. Heimlich stellte ich sie hinter einem Stapel Manuskripten auf.
Es war nicht heimlich genug. Die Dame
des Hauses hatte mich beobachtet. Sie hatte sich hinter mich geschlichen.
Wortlos ließ sie die Falle mit einem Brieföffner zuschnappen.
Wortlos ging sie zu Bett und schloß die Tür hinter sich. Eine
Woche lang sprach sie kein Wort mit mir. Eine Woche lang brachte ich kein
Wort zu Papier. Indes fraß die Maus einen Zettelkasten nebst Inhalt.
Das Ergebnis jahrelanger Recherchen.
„Ich sehe ein, daß wir die Maus
loswerden müssen“, sagte meine Freundin, als sie wieder mit mir sprach.
„Wir kaufen eine Falle, in der man Mäuse lebend fangen kann.“
Sie hatte sich bereits erkundigt. Es gab
noch einen alten Fallenbauer, der humane Mäusefallen herstellte. Er
lebte weit draußen vor der Stadt auf einem alternativen Bauernhof,
wo er seinem human Handwerk nachging. Die Falle, handgemacht, versteht
sich, hatte den Preis einer raren Antiquität. Den Köder bildete
ein Gedicht von mir, das ich besonders schätzte. Natürlich hatte
ich es vorher kopiert, ohne daß die Maus es bemerkt hatte.
In der Nacht fraß die Maus den Köder
aus der Falle nebst der im Schreibtisch versteckten Kopie. Die Falle blieb
leer. Ich bog die Stäbe des Einschlupflochs enger zusammen und versuchte
es noch einmal mit Lyrik sowie mit einer kleinen Menge feinsten Champagners.
In jener Nacht fraß die Maus die Lyrik, trank den Champagner und
schlief an Ort und Stelle ein. Ich hoffe über dem Champagner. Jedenfalls
saß sie am Morgen etwas beduselt in der Falle und blickte mich aus
ihren schwarzen Knopfaugen haßerfüllt an. Ein Blick, der mich
an irgend etwas erinnerte.
„Sie ist einfach süß.
Schau mal, wie sie sich putzt!“ sagte meine Freundin, die alle natürliche
Scheu verloren hatte, die Frauen beim Anblick von Mäusen zu empfinden
haben. Die Maus saß in ihrer Falle auf dem Frühstückstisch
und wurde mit Käsekrümeln gefüttert, die sie gnädig
annahm. „Hausmäuse können in der freien Natur nicht überleben.
Sie sind quasi domestiziert“, dozierte mein Gegenüber. “Wir können
sie aslso nicht einfach aussetzen”.
Sie hatte sich inzwischen mit einschlägiger
Lektüre eingedeckt und auch ein passendes Terrarium besorgt. Es stand
in der Garage und mußte nur noch an die Maus übergeben werden.
Inzwischen stehen Maus nebst Mausehaus
im Regal. Ich schreibe ihr täglich zwei Gedichte, um sie bei Laune
zu halten. Aber es passiert mir trotzdem noch, daß mir aus einem
aktuellen Manuskript zum Beispiel plötzlich das letzte Blatt fehlt.
Ich habe meine Freundin im Verdacht, daß sie hinter meinem Rück....
Tiere, solange sie die Größe
unserer Mus Musculus haben, die wir inzwischen “Mausepaul” getauft haben,
weil wir annehmen, daß es sich um einen Mauseherrn handelt, kleine
Tiere, wie gesagt vermögen mich nicht zu schrecken. Anders sieht die
Sache bei Lebewesen aus, die größer sind als ich selbst. So
groß, wie zum Beispiel ein Untier namens “Genua”.
Tiere die Namen tragen wie “Genua”, “Weltmeister”,
“Abendröte” “Bettgestell” oder “Appartementhaus” sind - der
Kundige hat es längst erraten der Gattung Equs zuzuordnen - zu deutsch:
Pferd.
Pferde sind nicht nur furchterregend groß,
sie sind vor allem hoch. Und ich hatte zwar schon früh begriffen,
daß man von ihnen sehr leicht herunterfallen kann nicht aber,
wie man erst hinaufkommt.
Beide Erfahrungen standen mir unmittelbar
bevor, auch wenn ich davon noch nichts ahnte...
Wie man Genua um den inneren
Schenkel biegt...
Von allen Sportarten interessiert mich
der Reitsport wegen der erwähnten Übergröße des Sportgeräts
am zweitwenigsten. Doch aus lauter Gemeinheit hat mir das Schicksal
eine Freundin beschert, die den Reitsport am zweitliebsten mag. Die erste
Stelle nehme - zum Glück - immer noch ich und die einzige von mir
aktiv ausgeübten Sportart ein.
Ein geringer Trost für mich, denn
eingedenk meiner equestrischen Abneigung schlich sie sich jeden Morgen,
den Gott schenkte, allein aus unserem warmen Bett und in einen weit entfernten
Reitstall. Sie besaß nicht nur besagte Vorliebe, sondern auch noch
ein Reitpferd namens Genua, das bewegt zu werden begehrte.
Dann kam der Tag, den ich lange genug
vor mir hergeschoben hatte: eine persönliche Begegnung zwischen dem
Gaul und mir war unvermeidlich geworden. Schließlich gehörte
er ja gewissermaßen zur Familie.
Genua zu treffen, das bedeutete nachtschlafende
Zeit, denn Pferde scheinen aus unerfindlichen Gründen nur vor dem
Aufstehen ansprechbar zu sein. „ Du mußt ganz ruhig von vorn auf
sie zugehen und die Hand ausstrecken“, sagte meine Freundin, „ das beruhigt
sie.“ „Was heißt `beruhigt sie`?“ fragte ich zaghaft- „Ist sie denn
so aufgeregt?“ „Was heißt aufgeregt“, erwiderte meine Freundin, die
keine Ahnung hatte, daß mir allein der Gedanke an ein Pferd Angstschauer
über den Rücken jagte, „sie ist ein Satan.“ „Aha, ein Satan“,
brachte ich tonlos hervor.
Der Satan wieherte schon, als wir
in den Reiterhof einbogen, wo Genua in Vollpension lebte. . „Sie
erkennt meinen Automotor“, erläuterte meine Freundin.
Ich habe Pferde schon immer für furchterregend
groß gehalten. Genua war das erste Pferd, das ich aus nächster
Nähe sah. Jetzt sah ich: Pferde sind nicht nur groß, sondern
riesengroß.
Zum Glück trat sie mich nicht gleich,
dafür machte sie Anstalten, mich zu fressen. Sie begann mit meinem
Hemd. „Sie bettelt“, sagte meine Freundin. „Jetzt will sie eine Mohrrübe.
Wir kaufen dir ein neues Hemd.“
Seit jenem Tag trage ich ständig
Mohrrüben bei mir. Nachdem Genua mich beinahe vernascht hatte,
kam einer jener Typen auf mich zu, die ich schon aus Prinzip nicht leiden
kann: groß, braungebrannt, weiße Zähne, wiegender Gang,
kräftige Muskeln. „Aha, du bist also der Neue“, sagte er und zerquetschte
mir die Hand. „Laß dich mal ansehen!“
Er ging um mich herum wie beim Pferdekauf.
Jetzt erst dämmerte mir, worauf ich mich bei meinem Besuch im Pferdestall
eingelassen hatte, denn der Kerl hatte jenen informierten Gesichtsausdruck
aller Ausbilder der Welt: man wollte mir das Reiten beibringen!
„Bißchen schlaff,“ meinte der Braungebrannte.
„Übrigens: Manfred.“ Mit ersterem meinte er mich, mit zweitem sich.
Unter der Versicherung, daß wir das schon hinkriegen werden, wandte
sich Manfred seinem eigenen Pferd zu und unterhielt sich mit ihm in einer
mir unverständlichen Sprache.
Auf meine dringende Einlassung hin blieb
mir an jenem Tage immerhin die erste Reitstunde erspart. Aber ich sollte
mir (aus sicherer Entfernung) den Reitbetrieb mal anschauen.
Als wir uns der Reithalle näherten,
hörte ich besagten Manfred brüllen: „Das einzige, was bei dir
klappt, ist der Arsch!“ Und : „Mensch, laß doch diese Ehestandsbewegungen!!“
Das machte mich neugierig. Sollte ich doch gleich erfahren, womit meine
Freundin ihre Morgenstunden verbrachte, statt bei mir im Bett zu bleiben...
Aber ich bekam nur ein armes Menschenwesen
zu Gesicht, das sich krampfhaft mühte, nicht von einem Pferd herunterzufallen.
Jetzt rief Manfred: „Terrab!“ Woraufhin sich das Pferd viel rascher bewegte.
Der Mensch auf dem Pferd mußte sich noch den Vergleich mit dem Glöckner
von Notre Dame gefallen lassen sowie die Aufforderung, gefälligst
zu Hause zu pennen, ehe er, völlig gebrochen, entlassen wurde.
Meine Freundin kommentierte: „Rauh, aber
herzlich.“ Manfreds Ton änderte sich entscheidend, als eine kleine,
aber üppige junge Dame die Arena betrat. „Nun zeig mal schön,
was du hast“, forderte er sie auf. „Brust raus. Ja, so haben wir es gerne“,
säuselte er. Sie schenkte ihm einen langen schmelzenden Blick und
tat, was von ihr verlangt wurde. In mir begann es zu kochen.
„Mit dem Kreuz mußt du arbeiten,
mit dem Kreuz!“ rief Manfred jetzt mit Emphase. Nicht, ohne hinzuzufügen:
„Sonst kannst du das doch auch!“ Er schien es zu wissen. „Weißt du
was“, sagte meine Freundin, die meinen Gesichtsausdruck richtig deutete,
in einem plötzlichen Einfall: „Ich werde dich selbst unterrichten...“
Ich hatte ohnehin bereits beschlossen
gehabt, in Zukunft öfter mal dabei zu sein, schon um die Dinge unter
Kontrolle zu halten. Noch im Wegfahren hörte ich hinter mir Manfreds
Stimme: „Mehr Druck mit dem inneren Schenkel, Herr Gott noch mal...“
Meine Freundin verkündete, daß
ich erst einmal eingekleidet werden müßte, und zwar bei ihrer
besten Freundin Brigitte, die ein Reitsportgeschäft betreibt...
Wenn ich schon Reitstiefel zu tragen hätte,
so wünschte ich mir ein Paar schicke braune, wie ich sie im Schaufenster
gesehen hatte. Aber meine Freundin raunte mir ins Ohr: „Um Himmels Willen,
keine braunen. Sowas tragen nur Angeber und Italiener. Man trägt schwarz.“
Schwarze Reitstiefel machen mir aber Angst.
Doch, was sollte ich tun, wollte ich nicht als Angeber oder Italiener dastehen....
Ein paar Grundbegriffe der Reiterei sind
ja jedem klar: man zieht am linken Zügel, das Pferd geht nach links.
Man zieht am rechten Zügel, das Pferd geht nach rechts. Man gibt die
Sporen, das Pferd wird schneller. Man zieht an beiden Zügeln, das
Pferd steht. So jedenfalls habe ich es in tausend Western-Filmen gesehen.
Doch am nächsten Tag dämmerte
mir dann, daß Reiten etwas anderes ist, als ich bisher gedacht hatte.
Zum Beispiel zog ich am linken Zügel (als ich mit einiger Mühe
endlich oben saß) - Genua blickte mich über die linke Schulter
an. Ich zog am rechten Zügel, Genua blickte mich über die rechte
Schulter an. Ich wollte ihr die Sporen geben - ich hatte keine. „Die gibt
es erst, wenn du richtig reiten kannst“, sagte meine Freundin. „Sporen
muß man sich verdienen.“ Ich war auf der Spur der Quellen des Volksmundes.
Von nun an erfuhr ich Dinge, die mir nicht
in meinen kühnsten Träumen eingefallen wären. Daß
es nämlich darauf ankommt, „das Pferd um den inneren Schenkel zu biegen“,
daß man „am äußeren Zügel so tut, als ob man einen
Schwamm ausdrückt“, daß man „mit den Gesäßknochen
Signale gibt“, daß man „mit dem Kreuz treibt“ und daß all das
zusammen einen Dreck nützt, wenn man es nicht mit Gefühl macht.
Während sie mir all das erläuterte,
stand meine Freundin in der Mitte der Reitbahn. Das kleine Persönchen
hatte plötzlich die Autorität von drei Feldwebeln. Sie
war ein völlig anderer Mensch. Ich auch. Ich hing wie ein Häuflein
Elend auf Genua, während sie mit mir - deutlich unwillig und sich
ab und zu spöttisch lächelnd nach mir umsehend - im Kreise trottete.
Als ich am nächsten Morgen versuchte aufzustehen, sank ich mit einem
Schmerzenslaut wieder in mich zusammen. Mir taten sogar Körperteile
weh, von denen ich gar nicht wußte, daß ich sie hatte.
„Das beweist zweierlei“, dozierte
meine Freundin. „Erstens, daß Reiten echtes Körpertraining ist,
und zweitens, daß dein Körper das vermißt...
“Mir dämmerte, was Manfred mit `schlaff`
gemeint hatte. Meine Fortschritte zu Pferde konnte ich am Nachlassen meiner
Schmerzen ablesen.
Aber jetzt hatte mich der Ehrgeiz gepackt.
Meine Freundin zu sehen, wie sie Genua dazu brachte, elegant zu tänzeln,
zu galoppieren, aus vollem Galopp auf der Stelle zu stehen und sogar rückwärts
zu gehen, das nötigte mir Neid und Bewunderung ab. Denn schließlich
tat Genua mit mir nichts dergleichen.
Hätte mir meine Freundin nicht ständig
versichert, was ich für gewaltige Fortschritte mache, ich hätte
es nicht geglaubt. Mein Damaskus kam an dem Tag, als es mir gelang, Genua
aus dem Trab mit einem Schlag zum Stehen zu bringen und ich infolgedessen
zwischen ihren Ohren durch kopfüber in den Torfmull stürzte.
„Siehst du“, sagte meine Freundin, indem
sie mir aufhalf. „So wird´s gemacht. Jetzt hast du es begriffen.
Schade nur, daß du zum Schluß vergessen hast, oben zu bleiben.“
Ich glühte vor Stolz. „Bekomme ich jetzt Sporen?“ fragte ich. „Nein,
jetzt wirst du anfangen, reiten zu lernen!“
Das war das Ende der sanften Tour. Sie
hat mich geschliffen wie für eine Nahkampfausbildung und dabei geflucht
wie ein Kutscher.
Genua indessen hat immer seltener spöttisch
gelächelt. Der zwangsweise häufige Aufenthalt unter freiem Himmel
hat mich gebräunt, und das harte Training hat meinen Körper gestählt.
Männliche Neulinge betrachten mich mit jenem scheelen Blick, der besagt:
„Typen wie dich kann ich schon aus Prinzip nicht leiden.“ Und seltsam,
während es mich in aller Herrgottsfrühe hinaus zum Pferdestall
zieht, sagt meine Freundin jetzt immer häufiger: „Ach, laß uns
noch eine Weile im Bett bleiben...“
Das stärkt natürlich mein Selbstbewusstsein,
das im Lauf unseres bisherigen Zusammenlebens ein wenig gelitten hatte,
ungeheuer.
***
Ich war jetzt soweit, unsere Beziehung
auf eine ganz besondere Probe zu stellen, und ich beglückwünschte
mich zu meinem genialen Gedanken. Ehe ich diesen Gedanken näher erläutere,
muss ich - zum besseren Verständnis- ein wenig ausholen:
Als wir uns kennenlernten,
geschah das anläßlich einer jener vorweihnachtlichen Münchner
Edel-Parties mit Käfer-Buffett, Klavierspieler, Zauberkünstler
sowie der zugehörigen Partybe-setzung von Drehbuch-Autoren, Dauerfreundinnen,
Schönheitschirurgen, Schnorrern, Prinzen, Pornopro-duzenten, Jungstars,
Jet-Set-Malerinnen, Regisseu-ren und Journalisten.
Zu jener Zeit pflegte ich Einladungen
dieser Art, wenn auch zögernd, so doch zu akzeptieren, zumal man als
Junggeselle in München gut daran tut, über das Angebot und die
Neuzugänge auf dem laufenden zu sein.
Die Konkurrenz schläft nicht, beziehungsweise
mit den falschen Damen. An jenem Abend wurde ich auch einer kleinen quirligen
Person vorgestellt, an der mir vor allem das strahlende Lächeln auffiel,
das sie mir schenkte. „Vermutlich ist sie kurzsichtig“, dachte ich dann
gleich darauf, als ich sah, daß sie eben jenes Lächeln auch
anderen schenkte, die nicht halb so attraktiv sind wie ich.
„Sie ist die linke und die rechte Hand
des Veranstalters, zuständig für Werbung und PR und im übrigen
Teilhaberin einer Finanzierungsgesellschaft“ erfuhr ich, als ich mich diskret
nach ihr erkundigte „und außerdem, laß lieber die Finger von
ihr. Der bist du nicht gewachsen“...
So etwas darf man mir nicht zweimal sagen.
Augenblicklich schaltete ich auf Charme. Meiner Sunny-Boy-Nummer hat so
leicht noch keine widerstanden.
Sie widerstand. Tagelang. Wochenlang.
Ich heftete mich an ihre Fersen. Sie widerstand. Ich schickte Blumen -
sie dankte kühl. Ich begann, schlecht zu schlafen und abzumagern.
Ich war verliebt. Sie blieb freundlich.
„Ich glaube, es war deine Ausdauer, die
mich überzeugt hat“, sagte sie später, als sie mir das Leben
gerettet hatte, indem sie mich dann doch noch erhörte.
Sie war mir überlegen. Und so blieb
es. Das verunsicherte mich. Sie hatte die Schickeria, ihren Chef und mich
fest im Griff und außerdem noch ein halbes Dutzend von ihr veranstaltete
Stammtische. Sie war die Tüchtigkeit in Person. Daran hatte sich in
der letzten Zeit auch wenig geändert - sie dachte an alles, wusste
alles, war immer und überall Herr der Situation oder müsste man
besser sagen “frau der Situation?” Soweit die Vorgeschichte.
Und nun zurück zu meinem genialen
Gedanken:
Die Reise nach Jerusalem
Mein genialer Gedanke ging also wie folgt:
Hier in München hatte sie Heimvorteile. Wie wäre es, sie auf
ein Terrain zu entführen, das sie verunsichern würde, und wo
ich zudem die Heimvorteile auf meiner Seite hätte.
Ich dachte an eben jenes ferne Land im
Nahen Osten, von dem einmal ein bedeutender Humorist sagte: „Es ist so
klein, daß man nicht weiß, was man am Nachmittag tun soll,
nachdem man es am Vormittag besichtigt hat.“
Ein Land, in dem ich nichtsdestoweniger
aus gegebenem Anlaß einen wichtigen Lebensabschnitt verbrachte und
wo ich jeden Hund auf der Straße kannte.
Ich dachte auch nicht an ein schickes
Strand-Hotel, wo sie sofort wieder auf bekanntem Terrain wäre, sondern
eher an das einfache Leben auf dem Lande, fernab jeder Zivilisation.
„Das ließe sich im Prinzip einrichten“,
sagte sie, als ich ihr meine Idee unterbreitete. „Wo werden wir wohnen?“
„Mein Freund Zuri besitzt einige Wohnmobile.
Eines davon würde er uns zur Verfügung stellen. Auf diese Weise
könnten wir Land und Leute am besten kennenlernen.“
„Wann wollen wir fahren?“ fragte sie.
Immer tüchtig, immer auf der Höhe der Ereignisse. Na warte!
Als erfahrene Alleinreisende bestand sie
darauf, selbst zu packen. Sie tat das gründlich und ausdauernd. Sie
brauchte dazu fast einen Tag.“ Schließlich werden wir einige Zeit
unterwegs sein,“ meinte sie.
Gespannt beobachtete ich ihre Miene, als
ihr der Kontrollbeamte am Flugplatz erklärte: „Bitte, packen Sie aus“,
„Alles?“ fragte sie. „Alles. Tut mir leid.“ Täusche ich mich, oder
sah ich einen Anflug von Unsicherheit auf ihren Zügen?“
Offenbar lernte der Kontrollbeamte gerade
einen Assistenten an, denn er verkündete laut, was zum Vorschein kam:
„Eine Pfeffermühle, Messing“ - der Assistent wiederholte. “Ein Eßbesteck
gold.“ „Ein Eßbesteck gold“, kam das Echo. „Noch ein Eßbesteck
gold“ „noch ein Eßbesteck gold.“ „Zwei Kerzenleuchter gold“ „Zwei
Kerzenleuchter gold“ „Ein Käsebrett - groß“ „Wie
bitte?“ „Das ist kein Käsebrett, das ist unser Tisch!“ protestierte
meine Freundin.
Zum ersten Mal vibrierte es verräterisch
in ihrer Stimme. „Aha“, sagte der Kontrollbeamte, der bei Reisenden in
besagtes Land einiges gewohnt ist. Nach dem Bügeleisen und der elektrischen
Saftpresse kamen noch ein Getränkemixer, ein Sektkühler, eine
beschichtete Bratpfanne sowie eine vollständige Gewürzsammlung
ans Licht - abgesehen von Dingen, die jede Frau in ihrem Koffer hat,
wenn sie in die Ferien fährt.
Was mich am meisten wunderte, war die
stoische Ruhe und das unbewegte Gesicht des Beamten, wie er sich zum Beispiel
die Funktion des Föns erläutern ließ. Mein Gesichtsausdruck
dagegen muß unbeschreiblich gewesen sein.
Als ich wieder Worte fand, sagte ich nur:
„Eigentlich bin ich ganz froh, daß du keine Schneeschippe mitgenommen
hast.“ „Wie meinst du das?“ fragte sie. Ich sagte es lieber nicht.
Kaum im Flugzeug, begann sie damit, eine
Reihe von Hebräisch-Büchern sowie den „gedeckten Tisch“,
das Standardwerk des jüdischen Brauchtums und den Talmud auszubreiten.
„Wenn ich schon in ein unbekanntes Land
reise, dann möchte ich wenigstens die Grundbegriffe der Sprache und
der Landes-Sitten beherrschen“, sagte sie. Die Passagiere des Flugzeugs
- zumeist Heimreisende - waren begeistert. Die Bücher gingen von Hand
zu Hand. Meine Freundin war sofort Mittelpunkt einer improvisierten Unterrichts-Szene.
Als die Küste Israels unter uns auftauchte,
und alle Passagiere das Lied „Heveinu Shalom Aleichem“ anstimmten, was
sie an dieser Stelle immer tun, um dem Piloten Mut zur Landung zu machen,
beherrschte sie bereits in Wort und Schrift Dinge wie „Diese Schuhe sind
mir viel zu teuer, ich zahle die Hälfte“, sowie: „Ich lasse mir doch
keinen vergammelten Fisch andrehen!“
Sie hatte die Einladungen zu sieben Grillparties,
fünf Picknicks, einer Beschneidungsfeier und einer Besteigung der
Festung Massada angenommen. Zwei anwesende Rabbiner stritten sich darum,
welche ihrer ebenfalls anwesenden Ehefrauen meiner Freundin nach welcher
Lehre das Judentum beibringen sollte, und ein Steinhändler bot sich
an, sie zum Ehrenmitglied der Diamantenbörse von Ramat Gan zu machen.
Für die überreichten Visitenkarten
mußte sie von der Hostess eine zusätzliche Plastiktüte
erbitten.
„Nette Landsleute hast du“, sagte
sie, als wir den Boden des Heiligen Landes betraten und uns durch das Spalier
der Taxifahrer schlugen, die an unserem Gepäck zerrten. „So, findest
du?“ fragte ich.
Die erste Runde ging an sie.
Zuri mit dem Wohnmobil war bereits da.
Das war weder zu übersehen noch zu überhören: Eine beflissene
Polizistin muß ihn aufgefordert haben, mit dem Gefährt aus der
Anfahrt zu verschwinden. Er muß ihr gesagt haben, sie solle sich
um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, zum Beispiel um ihren Mann
und ihre Kinder.
Daraufhin müssen sich unter den Umstehenden
zwei Lager gebildet haben. Jedenfalls ging es hoch her, als wir durch unser
Dazwischentreten den Streit beendeten. Alle brachen in Beifallsrufe aus.
Meine Freundin dankte nach allen Seiten.
„Die Dusche solltet ihr nur im Notfall
benutzen“, meinte Zuri. Das Duschbecken hat einen Riß. Manchmal läuft
das Wasser in den Wagen. Den einen Koffer klemmt ihr am besten zwischen
Tisch und Kühlschrank, sonst öffnet sich während der Fahrt
die Kühlschranktür, und die Sachen fallen heraus. Ach ja, und
die Lüftungsklappe über der Toilette ist abgerissen. Am besten
stellt ihr euch nicht unter Bäume, damit keine Schlangen oder Skorpione
von oben hineinkriechen.“ „Schlangen und Skorpione“, hauchte meine Freundin
„alles verstanden“.
Unsere erste Station war Eilat. Die Fahrt
dahin verlief ereignislos, wenn man davon absieht, daß sie unterwegs
auf einer frischgepflückten Orange bestand. Die Orange war sauer und
ungenießbar. Aber eine Gruppe trampender Soldaten und Soldatinnen
benutzte die Gelegenheit, unser Gefährt zu entern und sich sofort
zum Schlafen niederzulegen. In Israel reisen die Soldaten grundsätzlich
per Anhalter zu ihren Einheiten zurück, nachdem sie ihren Müttern
die Schmutzwäsche zum Waschen gebracht haben. Wenigstens sangen sie
nicht, was sie sonst meistens tun.
In Eilat empfing uns Rafi Nelson mit offenen
Armen, nachdem wir ihm die Whiskyflasche aus dem Duty Free Shop überreicht
hatten. Rafi, Gott hab ihn selig, war so eine Art Alt-Hippie mit
nur einem Auge. Das andere hatte er angeblich im Krieg verloren. Eingeweihte
sprechen indes von einem eifersüchtigen Ehemann. Die Narbe verbarg
er unter einer schwarzen Augenklappe. Deshalb hieß er Nelson. Er
besass einen Strandabschnitt hart an der damaligen ägyptischen Grenze.
Und weil auf Rafis Strand immer so viele
Oben-Ohne-Mädchen rumlagen, behaupteten die Ägypter, daß
der Strand eigentlich ihnen gehört. Deshalb wurde eine internationale
Komission eingesetzt, um den Streitfall zu schlichten. Darauf war Rafi
sehr stolz.
Einige Jahre später haben Shimon
Peres und Jassir Arafat an genau dieser Stelle das Autonomie-Abkommen
für Palästina besiegelt. Rafi hat das nicht mehr erlebt. Er starb
trotz der großzügigen Entschädigung an gebrochenem Herzen,
als man ihm seinen Claim wegnahm. Aber zurück aus der Zukunft:
Rafi bot uns gleich seine Dusche an, da
unsere nicht funktionierte. Diese Dusche steckt im Sand und ist von einer
Schilfmatte umgeben. Das heißt, zum Teil. Zum Meer hin ist sie offen.
Man hat von hier einen schönen Blick auf ein Kanonenboot.
Wäre es nicht da, würde
man von hier aus einen schönen Blick auf das jordanische Akaba und
die Berge von Edom haben. Meine Freundin wollte duschen. Als sie zurückkam,
fragte sie: „Welche Funktion hat eigentlich das Kriegsschiff?“ „Die Soldaten
beobachten mit starken Ferngläsern Rafis Dusche“, sagte ich. Aber
sie glaubte mir nicht, obwohl es wahr ist.
„Ihr könnt gern die Eier essen, die
unsere streunenden Hühner legen“, sagte Rafi. Wir fanden die
Eier überall - in unserer Spüle, in unseren Betten und eines,
nachdem meine Freundlin sich draufgesetzt hatte. Meist waren sie noch warm.
Meine Freundin benutzte den Nachmittag
dazu, das Innere des Wohnmobils einer gründlichen Reinigung und einer
ebensolchen Neuorganisation zu unterziehen. Bald sah es aus wie bei uns
zu Hause. Zwischendurch hatte sie sich Rafis Landrover ausgeliehen, war
zum Markt gefahren und hatte sich mit den Milchprodukten, Früchten,
Gemüsen und Getränken des Landes eingedeckt. Zwei Beduinenjungen
halfen ihr, das Zeug ins Wohnmobil zu schleppen.
Als dann der Vollmond am grünlichen
Wüsten-Abend-Himmel über den Edomer Bergen aufstieg und von drüben
vom Kanonenboot getragene Weisen aus rauhen Männerkehlen herüberklangen,
gab es Yoghurt-Fruchtsalate mit Sabralikör, kalte Gemüseplatte
aus Auberginen, Kichererbsenmus und gemischten Salat mit viel Knoblauch
und Olivenöl. Dazu eine Flasche Carmelwein.
„Damit du dich zuhause fühlst“, sagte
sie. „Ist alles strikt koscher.“ Auch das noch! Auch die zweite Runde war
an sie gegangen.
Von einer weiteren Fahrt in den Ort brachte
sie nicht nur Stangeneis für unsere campierenden Nachbarn mit, denen
sie zugleich die Post besorgt hatte, sondern auch eine Reihe von weißen
Beduinengewändern, die sie fortan trug.
„Der arabische Händler wollte sie
mir eigentlich nicht geben, weil es Männergewänder seien“, berichtete
sie. „Da habe ich einen arabischen Satz gesagt, den mir die kleinen Beduinen
beigebracht haben. Das hat funktioniert. Er hat rasch alles eingepackt
und mich hinauskomplimentiert.“ „Welchen Satz hast du denn gesagt?“ Sie
sagte es mir. Ich erbleichte. „Sag das nie wieder“, bat ich sie. „Wenigstens
nicht zu einem Araber.“ Seither lernt sie auch noch arabisch.
Nur schwer trennten wir uns von Rafi und
den streunenden Hühnern, denen sich mit der Zeit auch noch zwei streunende
Ziegen, vier streunende Hunde, eine streunende Gans und ein offenbar herrenloses
Kamel zugesellt hatten, die allesamt von meiner Freundin versorgt wurden.
Vor allem das Kamel hatte es ihr angetan.
Sie hat ein Herz für die leidende Kreatur, und ich war froh, daß
das Kamel nicht ins Wohnmobil paßte.
Unbehelligt kamen wir durch die Wüste
Negev voran, bis wir eine Tankstelle erreichten, die ein Tankwart mit umgehängter
Uzi-Maschinen-Pistole bediente. Nachdem wir ihm alles erzählt hatten,
was er wissen wollte, zum Beispiel, warum wir noch keine Kinder hätten
und wie es sei, sich in einem Wohnmobil zu lieben, wieviel man verdienen
müsse, um sich ein Wohnmobil leisten zu können und warum wir
nicht für immer in Israel blieben, wollten wir weiterfahren.
Aber der Rückwärtsgang klemmte.
„Werden wir gleich haben“, sagte der Tankwart und gab meiner Freundin die
Maschinenpistole zum halten. Danach begann er, das Getriebe unseres Autos
auseinander zunehmen. Das dauerte bis in die Abendstunden, denn er wurde
von einer Gruppe von LKW-Fahrern sachkundig beraten, die auf der
Piste herangerollt waren und jetzt die Gelelgenheit zu einem improvisierten
Picknick benutzten.
Bald prasselte ein lustiges Feuer, in
dessen Schein sie mit meiner Freundin die „Hora“ tanzten. Das ist der israelische
Nationaltanz.
Als der Morgen dämmerte und die Frau
des Tankwarts mit einem Trecker auftauchte und das Frühstück
brachte, verabschiedeten sich alle. Sie versprachen, über Funk
Hilfe herbeizuholen.
Es wurde rasch heiß. Meine Freundin
wollte duschen. Die Frau des Tankwarts erklärte ihr, wie das in der
Wüste funktioniert: „Du gehst immer geradeaus entlang der Sandpiste.
Bis zu dem Strauch dort am Horizont. Dort ragt ein Rohr aus dem Sand. Dahinter
ist eine Dreh-Hantel. Wenn du nach links drehst, fließt aus dem Rohr
Wasser in ein eingegrabenes Ölfaß. Darin kannst du sogar baden.“
Und während ich mich mit einem alten Bekannten unterhielt, einem alten
Beduinen, der mit fast ebenso alten Fernsehapparaten handelt, die mit Autobatterien
betrieben werden, machte sie sich mit einem Handtuch auf den Weg.
„Sie hat mir verschwiegen, daß die
Wasserstelle von den Beduinen zum Kamele-Tränken benutzt wird,“ sagte
meine Freundin, als sie von ihrem Bade-Ausflug zurückkam. „Kaum saß
ich im Faß, tauchten sie hinter einer Düne auf. Aber wenigstens
haben sie mit dem Tränken gewartet, bis ich fertig war.“ Sie war nicht
zu erschüttern.
Am Nachmittag erschien ein Zwilling unseres
Wohnmobils in einer Staubwolke. Zuri, von den LKW-Fahrern alarmiert, hatte
ihn geschickt. Nebst drei Mechanikern, die ihrerseits wieder zwei trampende
Soldatinnen unterwegs aufgelesen hatten.
Alle fünf begaben sich alsbald zur
Kamel-Tränke, um ein Bad in der Wüste zu nehmen. Bald hörte
man es juchzen. In Israel gehen die Geschlechter sehr unkompliziert miteinander
um. Schließlich dienen sie gemeinsam in der Armee. Anschließend
ging unseren Rettern die Arbeit umso flotter von der Hand. Meine Freundin
vervollkommnete indessen ihre Hebräisch-Kennnisse und lernte drei
weitere Kapitel aus ihrem Lehrmaterial...
Vielen unserer zahlreichen Besucher hatte
es vor allem die Chemikalientoilette angetan. Alle wollten sie ausprobieren,
was zur Folge hatte, daß sich bei unserer Weiterfahrt in Richtung
Jerusalem ein gewisser unangenehm-süßlicher Geruch auszubreiten
begann. In der brütenden Hitze war er nicht lange zu ignorieren.
„Ich glaube, unsere Toilette ist voll“,
sagte ich schließlich. „Das glaube ich auch“, meinte sie. Nach einer
weiteren Weile mußten wir anhalten. Es ging beim besten Willen nicht
mehr. „Wohin mit dem Zeug?“ fragte ich. „In die Wüste“, sagte sie.
Gemeinsam schleppten wir das überschwappende Gerät aus dem Wagen.
Gemeinsam zerrten wir es durch den Sand. Gemeinsam gossen wir es aus, während
sich eine Wolke von Milliarden Fliegen über uns senkte. Vermutlich
hatten sie uns schon eine Weile verfolgt.
„Wir müssen uns ein Insektenspray
besorgen“, sagte sie, als wir wieder im Auto saßen.
Meine Heimvorteile begannen, sich
gegen mich zu wenden. Während ich mich zum Beispiel auf die Suche
nach einem Spezialgeschäft für Chemikalien-Toiletten-Chemikalien
machte (in Israel muß man dazu ein Bunker-Bedarfs-Magazin finden),
hatte sie einen Apotheker in Arat dazu überredet, das Nötige
in seinem Labor zusammenzumixen.
Er bestand darauf, seine Création
selbst an Ort und Stelle zum Einsatz zu bringen und brachte dazu seine
Frau und seine ältliche Ladengehilfin mit. Alle drei stammten nämlich
aus Berlin und waren zusammen zur Schule gegangen. Es wurde noch ein reizender
deutscher Heimatabend.
Für Jerusalem hatte ich mir etwas
ganz Besonderes ausgedacht. „Weißt du sagte ich, als wir auf dem
Ölberg standen, zu unseren Füßen die Mauern, Türme
und Kuppeldächer der ewigen Stadt, „am gewaltigstsen ist der Eindruck,
wenn gerade die Sonne aufgeht. Dann leuchtet alles in einem goldenen Licht
auf. Am besten stellen wir den Wagen dort unten zwischen die Gräber
auf dem alten Friedhof. Dann sind wir bei Sonnenaufgang gleich an Ort und
Stelle.“
„Wird das denn gehen?“ Sie schaute mich
groß an. „Sicher, Friedhöfe sind hierzulande sozusagen Orte
der Begegnung. Deshalb werden sie auch nachts nicht verschlossen.“
Ich erzählte ihr noch (wobei ich
altchristliche und neujüdische Mythologie ein wenig mixte): „An dieser
Stelle begraben fromme Juden seit Tausenden von Jahren ihre Toten, damit
sie an jenem Tag gleich an Ort und Stelle sind, wenn das zugemauerte Goldene
Tor - dort drüben rechts neben dem Tempelberg - aufgeht, der Messias
hervortritt und sich alle Gräber öffnen.“ Und ich fügte
hinzu: „Damit wird übrigens hierzulande stündlich gerechnet!“
„Sehr praktisch“, meinte sie. „Aber vorher
müssen wir noch etwas einkaufen. Uns ist der Wein ausgegangen, und
neue Kerzen brauchen wir auch.“
Drei bärtige, schwarzgekleidete Gerechte
mit langen Schläfenlocken, die gerade Steine auf die Gräber ihrer
Ahnen legten, wie es Landes-Sitte ist, fanden unser Vorhaben hochinteressant.
Am liebsten hätten sie die Nacht mit uns verbracht, zögerten
dann aber doch, als der Älteste von ihnen zu bedenken gab: „Und was
wird sein, wenn - Gott behüte - ausgerechnet heute Nacht diese Toten
- sie mögen in Frieden ruhen - vor dem Angesicht des Erhabenen - gesegnet
sei sein Name - erscheinen müssen?“
Da hatte er aus seiner Sicht nicht so
unrecht. Außerdem mußten sie ja zum Abendgebet und zum Frühgebet
in der Synagoge von Mea Shearim sein. Unter vielen Segenswünschen
überließen sie uns unserem Schicksal.
Von allen tausend Minaretten ertönten
die Lautsprecher der Muezzin, und die Nacht kroch aus dem Kidron Tal den
Ölberg hoch, als die drei mit flatternden Kaftanen um die Ecke von
Gezemaneh verschwanden.
Wir waren allein mit den Toten. Das heißt
nicht ganz, denn über unseren Köpfen stimmte eine Pilgergruppe
vom Rhein das schöne Lied „Jesus meine Zuversicht“ an. Danach sangen
sie noch „Ein feste Burg ist unser Gott“, während die arabischen Andenkenhändler
versuchten, Kruzifixe aus Olivenholz, Rosenkränze und Kamelsättel
an den Mann zu bringen. Dazu krächzte ein Esel wie eine rostige Pumpe...
Noch vor Sonnenaufgang rumorte meine Freundin
am Herd. Sie braute uns einen starken arabischen Kaffee, den zwei kamerabewehrte
amerikanische Touristen mit uns teilten, die offenbar die Nacht in Schlafsäcken
zwischen den Gräbern verbracht hatten, um das Schauspiel der aufgehenden
Sonne nicht zu versäumen.
Und das war es wirklich wert. Die Sonne
ging so schnell auf, daß es schien, als hätte jemand das Licht
angeknipst. Und die silbernen, goldenen und kupfernen Dächer leuchteten
auf. „Siehst du, das Goldene Tor ist immer noch zu“, sagte meine Freundin
und lächelte hintergründig. Da gab ich es auf, ihr imponieren
zu wollen.
Nur einmal noch - es war an den Gestaden
des Sees Generareth - flackerte der letzte Rest von Hoffnung in mir auf.
Sie sagte: „Weißt du was, im Wagen ist es so stickig. Wollen wir
nicht auf dem Dach schlafen?“ „Du weißt, was Zuri über die Schlangen
und Skorpione gesagt hat...“ „Hier ist weit und breit kein Baum, von dem
sie fallen könnten“, widersprach sie. Mein letzter Rest von Hoffnung
sank wieder in sich zusammen.
Und so trafen wir die Vorbereitungen für
die Nacht auf den geräumigen Dach. Wir hatten Wein dabei und unsere
Kandelaber. Zur Sicherheit hatte ich auch noch eine Taschenlampe mitgebracht.
Und einen dicken Prügel! Ganz wohl war mir nämlich nicht. Einen
Tag zuvor hatte man in der Gegend Terroristen gejagt, und die syrische
Grenze war gleich hinter der nächsten Hügelkette.
Den Prügel dicht an mich gepreßt,
schlief ich endlich ein. Ein schriller Schrei weckte mich. „Hilfe, mich
hat etwas gebissen! Tu doch was! Irgendwas hat mich in die Nase gebissen!!“
„Du hast geträumt“, versuchte ich sie zu beruhigen.
Aber im Schein der Taschenlampe sah ich
einen winzigen Blutstropfen an ihrem linken Nasenflügel. Und ich sah
noch etwas: eine kleine braune Springmaus, die sich von unserem Lager flüchtete
und elegant vom Dach hüpfte. „Es war doch nur eine Maus. Eine Wüstenspringmaus“,
sagte ich. „Eine Maus - Hilfe!!!“ Den Rest der Nacht verbrachte sie (ich
schwöre - es ist wahr!!) blaß und cognactrinkend im Wageninnern.
Das feindliche Untier kam nicht zurück. Dafür war mein Selbstbewußtsein
wiedergekehrt, und ich dankte im stillen der Zaubermaus vom See Genezareth.
An dieser Stelle darf ich Ihnen nicht vorenthalten,
was ich kurz nach dieser Reise in der Illustrierten “Cosmopolitan”
gefunden habe, für die meine Freundin damals gelegentlich filigrane
Betrachtungen in Sachen Emanzipation anstellte.
Nicht, daß sie etwa hemmungslos
den Emanzen das Wort geredet hätte - es ging ihr wohl eher um eine
Art innerer Emanzipation. Für mich jedenfalls war die Lektüre
ihres Artikels nach den soeben geschilderten Ereignissen ein “Aha”-Erlebnis
der besonderen Art: Es verhalf mir mehr dazu, mein Selbstbewusstsein wieder
zu erlangen, als die ganze Reise nach Jerusalem. Auch, wenn es ohne besagte
Reise so nicht möglich gewesen wäre. Aber lesen Sie selbst.
Ich zitiere den Artikel im Wortlaut. Er
trug den sinnigen Titel:
Der Härtetest
oder
Eine Ziege zuwenig
ein schlimmster Alptraum ging so: Ich stehe
morgens zerzaust und verklebt vor dem Badezimmerspiegel. Da geht die Tür
auf. Er kommt herein und sieht mein nacktes, ungeschminktes Gesicht.
Wenn ich an diesem schrecklichen Traum
in kalten Schweiß gebadet bibbernd erwachte, brauchte ich eine ganze
Weile, mich zurechtzufinden. Gottlob - er lag neben mir, atmete ruhig und
hatte nichts gemerkt.
Nie, ich wiederhole: nie sollte er mich
so sehen wie in meinem Nachtmahr. Nicht einmal, wenn wir - Gott behüte
- eines Tages verheiratet sein sollten. Es gibt eben Dinge, die müssen
ein Leben lang privat bleiben.
So dachte ich noch, als er mir diesen
hirnverbrannten Vorschlag machte: „Weißt du, wir kennen uns nun schon
recht gut. Aber eigentlich kennen wir voneinander nur die Schokoladenseite...“
(„Jawohl - und so soll es auch bleiben“,dachte ich ins Abseits)... „und
da habe ich gedacht, ich miete für uns beide ein Wohnmobil, und wir
fahren ganz einfach los. Nur wir beide, du und ich. Ganz auf uns allein
gestellt. Keine Kneipengespräche, keine Restaurants, kein aufgesetztes
Verhalten. Keine Tünche. Wie gesagt, nur wir beide und total aufeinander
angewiesen. Dann werden wir wissen, ob wir zusammenpassen.“
Panik erfaßte mich. Keine Tünche...
Das war ja schlimmer als der schlimmste Alptraum. Nun und nimmer würde
ich so etwas über mich ergehen lassen! Mein Entschluß stand
bereits unabänderlich fest.
Trotzdem galt es, Haltung zu wahren und
Zeit zu gewinnen. Und so fragte ich: „Und wohin wolltest du fahren mit
diesem - diesem Mobildings?“
„Nach Israel..Wir fliegen nach Tel Aviv.
Dort übernehmen wir das Fahrzeug. Es ist schon alles arrangiert. Du
brauchst bloß noch zu packen.“
Das war nun doppelt unfair. Ich konnte
gar nicht mehr nein sagen: Israel, das war mein bislang unerfüllter
Traum. Israel - Jerusalem. Mit ihm auf dem Ölberg stehen, ganz eng
an ihn gekuschelt. Und unter uns die heilige Stadt. Das Rote Meer - wir
beide braungebrannt - ich in irgend etwas atemberaubend Luftigem.
Tel Aviv - ein Restaurant, nein, eine
Hotelterrasse hoch über der Küste. Mein Haar flatternd
im sanften warmen Seewind. Ein Literaten-Café auf der Dizengoff.
Kishon setzt sich an unseren Tisch und sein Freund Jossele...
„Wann fahren wir?“ hörte ich mich
zu meinem Entsetzen fragen. Jetzt war alles zu spät. Einen Tag
lang verbrachte ich mit Packen. Ich bin ein praktischer Mensch. Außer
den Dingen des täglichen Lebens mußten ja auch noch die
Sommerkleider und die Schminksachen mit. Vor allem die. Am Flugplatz brach
der Taxifahrer beim Ausladen unter der Last des großen Koffers zusammen.
Aber sein entsetzter Blick war nichts
gegen den meinen, als ich erfuhr, daß ich bei der Sicherheitskontrolle
alles, buchstäblich alles, auspacken mußte, was ich einen Tag
lang sorgsam verstaut hatte.
„Zwei Kerzenleuchter“, sagte der Kontrollbeante
laut. „Zwei Kerzenleuchter...“ äffte sein Assistent nach. „Ein goldenes
Besteck.“ „Ein goldenes Besteck...“ „Noch ein goldenes Besteck.“ „Noch
ein goldenes Besteck...“ „Ein Käsebrett.“ „Ein Käseb...“ „Nein,
das ist kein Käsebrett, das ist unser Tisch!“ rief ich verzweifelt.
Mein Freund musterte mich schweigend mit
einem langen Blick. Natürlich hatte ich alles mitgenommen, was man
für eine romantische Zweisamkeit brauchte. Auch die Kerzenleuchter.
Jawoll.
Ich bin eben praktisch u n d
romantisch. Später, in unserem Wohnmobil sagte er dann ja auch ganz
selbstverständlich „Bitte, den Eierpiekser“, oder „Wo hast du die
Pfeffermühle?“ Und wenn wir auf unserem Käsebrett im Bett Weingläser,
Trauben und Käsestückchen balancierten, dann war das eben wie
zu Hause. Da machten wir das ja auch so.
Unsere erste Station war Eilat am Roten
Meer. Es war heiß. Es war staubig. Es gab nicht die geringste
Spur von Schatten.
Das Wohnmobil stellten wir bei Rafi Nelson
ab, einem bärtigen einäugigen Späthippie, der sich an der
ägyptischen Grenze einen Claim im Sand abgesteckt hatte und darauf
die Kunst der Geldvermehrung betrieb.
Gegen die Hitze gab es im Wohnmobil auch
eine Dusche, wie es überhaupt alles gab. Einen Kühlschrank, einen
Herd, eine Klimaanlage, ein Chemikalien-Klo. Aber das Plastikbecken unter
der Dusche hatte einen Riß. Das Duschwasser lief unter dem Teppich
durch den Wohnraum und machte dunkle Flecken. Und die Klimaanlage... Schwamm
drüber. Dafür gab es auf Rafis Gelände hinter einem Schilfzaun
eine Dusche unter freiem Himmel im Sand.
Und wenn einen die Mücken und das
Gedudel auf Rafis Musicbox nicht störten, dann konnte man ja alle
Fenster der rollenden Villa öffnen und Durchzug machen.
Dabei hatte man dann freien Blick auf
das Kanonenboot, das auf der Reede schaukelte und seinerseits den Blick
auf die jordanische Küste versperrte. Die israelische Schiffsmannschaft
hatte Langeweile und vertrieb sich die Zeit damit, den Strand und die hier
sonnenbadenden Damen durch starke Ferngläser zu beobachten.
Es war zum Heulen. Dafür tröstete
uns Rafi, indem er uns anbot, morgens die Nester seiner streunenden Hühner
auszunehmen - quasi als Entschädigung dafür, daß sich das
Federvieh überall breit machte. Auch in unseren Betten. „Wenigstens
verscheuchen sie die Skorpione“, meinte mein Freund lakonisch.
Die streunenden Hunde, die streunenden
Ziegen und die streunende Gans lernte ich erst später kennen, als
sich alle während unserer kurzen Abwesenheit friedlich über den
Inhalt unseres Kühlschranks hermachten, den ein streunender Beduinenjunge
auf der Suche nach Whisky geöffnet hatte.
Gleich am ersten Tag wurde mir klar, daß
man in Israel grundsätzlich von guten Freunden umgeben ist. Tag und
Nacht. Sie liehen sich von uns Liegestühle, Wasser, Zigaretten, das
Radio und das Schachspiel.
Dafür baten sie uns, ihnen für
ihre Kühlbox im nahegelegenen Eilat Stangeneis zu besorgen und unterwegs
gleich ihre Post einzuwerfen.
Und am Abend des ersten Tages dämmerte
mir, daß mein Freund unsere Beziehung einem Härtetest zu unterziehen
gedachte.
Das machte mich wütend. Das machte
mich so wütend, daß ich mich aus Trotz ungeschminkt und mit
ungekämmten Haaren an den Abendbrottisch setzte. Innerlich schluchzend,
denn ich hatte mir diesen ersten Abend v i e l romantischer
vorgestellt.
Doch als die ersten Sterne zitternd riesengroß
und zum Greifen nahe über uns am grünlichen Wüstenhimmel
hingen, der Mond hinter den Bergen von Edom aufging und von drüben
vom Kanonenboot seltsam verhangene Weisen in Moll herüberklangen,
war ich dann doch etwas versöhnlicher gestimmt.
Der Carmelwein, die frischen Früchte
mit Sabralikör und der warme Nachtwind taten dann noch das ihre, daß
die Nacht für den Tag entschädigte.
Es muß so gegen sechs Uhr früh
gewesen sein, als mich schlagartig die schlagartig aufgehende Sonne weckte.
Es wurde sofort heiß. Mein Süßer war schon im Wasser.
Und ich - ohne auch nur einen einzigen Blick in meinen Taschenspiegel zu
werfen, hüpfte aus dem Bett und rannte - so wie ich war - den Strand
hinunter und hinein in die lauwarmen Fluten. Es war herrlich.
Aus unserem Wohnmobil erscholl aufgeregtes
Gegacker. Als wir zurückkamen, lag ein Ei auf dem Fenstersims. Es
war noch warm. Ein weiteres Ei fand sich neben Rafis Dusche im Sand. Da
wir beide Eier in unserem Teewasser kochten, bekam der Tee ein gewisses
ungewohntes Aroma.
Und ich hatte noch immer kein Make-up
aufgelegt. Ich hatte es glatt vergessen. „Später“, dachte ich, als
es mir dann doch einfiel. „Vielleicht am Abend, wenn wir ausgehen!“
Dabei war mir gar nicht klar, daß
mein schlimmster Alptraum Wirklichkeit geworden war. Meinem Freund scheint
es nicht aufgefallen zu sein. Jedenfalls floh er nicht schreiend bei meinem
Anblick.
Doch natürlich sollten sich noch
andere Alptraumsituationen ergeben. Solche, an die ich nicht einmal im
Alptraum gedacht hätte.
Zum Beispiel die: Irgendwann muß
der Mensch aufs Klo. Und das bei praktisch nicht vorhandenen, weil viel
zu dünnen Wänden unserer Chemikalientoilette. Soll man nun sagen:
„Geh doch mal spazieren, ich müßte mal!“ Ich jedenfalls brachte
das nicht.
Und dann kommt der Punkt, wenn einem das
alles egal ist, weil es nicht mehr anders geht. Bei solchen und vielen
anderen Gelegenheiten kann sich, das weiß ich heute, die Tragbarkeit
einer Beziehung erweisen: wer es fertigbringt, dem anderen auf allerengstem
Raum und trotz denkbar größter Nähe, seine Würde zu
erhalten, erweist sich zum Beispiel als der wertvollere Partner als derjenige,
der einem bei jeder Gelegenheit zur Hand geht oder sich übertrieben
rücksichtsvoll verhält.
Letzteres nervt nämlich mit der Zeit
- ersteres verbindet.
Doch eine einzige falsche Bemerkung zum
falschen Zeitpunkt, eine einzige unsensible Reaktion des Partners kann
vor allem bei großer Nähe alles kaputtmachen. Ebensowie allzu
große Selbstver-ständlichkeit.
Wie das funktioniert und wie man solche
Fehler vermeidet? Keine Ahnung. Man muß es erleben, um zu wissen,
ob man richtig gewählt hat. Uns jedenfalls hat der Härtetest
in der israelischen Wüste Jahre des mühsamen Kennenlernens erspart
- das weiß ich heute.
Da war zum Beispiel die Sache mit
dem erwähnten Chemikalien-Klo: Als unser Gefährt nach einigen
Tagen Eilat, das eine Liebe auf den zweiten Blick wurde und daher eine
dauerhafte Liebe ist, gen Norden rollte, erwies sich besagtes Utensil als
übelriechend, weil voll. Und das mitten in der Wüste bei 45 Grad
im nichtvorhandenen Schatten. Zunächst ignoriert man das Übel
- ist ja auch kein Thema für ein verliebtes Paar.
Später, wenn es unerträglich
wird - was dann? „Also gut“, sagte er und hielt an. „Werde ich halt das
Zeug in die Wüste kippen.“ Und ich - ich sehe mich noch heute, wie
ich, ohne ein Wort zu verlieren, mit ihm gemeinsam den ominösen überschwappenden
Gegenstand durch den Sand zerre.
Sowas verbindet.
Spätabends erreichten wir eine einsame
Tankstelle irgendwo im Negev. Ohne Übergang fragte uns der Tankwart
aus. Nach unserer Beziehung, ob wir schon Kinder hätten und wieviele
wir uns wünschten, ob es Spaß machte, sich in solch einem rollenden
Haus zu lieben und ob er sich´s mal anschauen dürfe - vor allem
die Betten. Israelis sind so.
Als wir endlich weiterfahren konnten,
konnten wir nicht weiterfahren, denn der Rückwärtsgang klemmte.
„Werden wir gleich haben“, grinste
der Tankwart und begann, das Auto zu zerlegen. Im Lauf der Nacht halfen
ihm noch sieben LKW-Fahrer von der vorüberführenden Nord-Süd-Achse
sowie ein Professor der Meereskunde, den es in die Wüste verschlagen
hatte.
Am Morgen, als die Frau des Tankwarts
das Frühstück brachte, waren bereits alle in unserem Wohnmobil
heimisch. Mehrfach hatte man uns aufgefordert, doch ins Bett zu gehen,
man werde das schon regeln. Jetzt frühstückten wir gemeinsam.
Nur schwer trennten wir uns von den LKW-Fahrern,
die sich entschlossen, im Pulk nach Norden zu fahren. Sie kannten sich
alle aus der Armee und wollten zu Mittag in Beerscheba sein, weil einer
von ihnen ein Kind erwartete oder so etwas ähnliches.
Der Gang klemmte immer noch. Später
tauchte am Horizont ein Gefährt auf, das dem unsrigen zu gleichen
schien. Als es näher kam, entpuppte es sich als sein Zwillingsbruder.
Das Fahrzeug hielt direkt neben uns. Es entstiegen ihm drei Männer
sowie zwei Soldatinnen. Schweigend machten sich die Männer ans Werk,
unseren klemmenden Gang zu reparieren.
Es stellte sich heraus, daß es sich
um drei Mechaniker handelte, die der Eigentümer der Wohnmobil-Vermietung
geschickt hatte. Die LKW-Fahrer hatten sie von unterwegs telefonisch alarmiert,
denn in der Tankstelle gab es kein Telefon. Jetzt war die Eingreifftruppe
mehr als zweihundert Kilometer gefahren, um uns zu helfen. Unterwegs hatten
sie noch zwei Tramperinnen aufgelesen. Denn in Israel trampen die Soldatinnen
zu ihren Einheiten.
Zwischendurch hatte ich unter fachkundiger
Anleitung der Tagschicht der Tankstelle gelernt, wie man in der Wüste
badet: man folgt zu Fuß der Piste bis zu einer Stelle, wo ein dickes
Rohr aus dem Sand ragt. Dann dreht man an einem großen Rad, woraufhin
aus dem Rohr ein dicker Wasserstrahl in ein eingegrabenes Ölfaß
schießt. Jetzt kann man baden.
Meist sind die Beduinen so nett und warten,
bis man fertig ist, ehe sie ihre Kamele tränken. Der Gebrauch von
Seife scheint sie indes in Erstaunen zu versetzen. Der Beduine mit dem
größten Silberdolch verhandelte in der Zwischenzeit mit meinem
Freund und beschrieb dabei große Kurven mit den Händen in die
Luft.
„Er hat gesagt, er könne nur zwei
Kamele und drei Ziegen für dich bieten“, erläuterte später
mein Freund, denn du seist viel zu dünn und hättest zu kleine
Brüste. Du würdest sicher nur Mädchen gebären und zur
Arbeit seist du auch kaum zu gebrauchen.“
„Oh, meint er das“, hauchte ich.
Dann fiel es mir ein: „Und wieviel hast du gefordert?“ „Eine Ziege mehr“,
sagte er und wich geschickt der Seifenschale aus, die ich nach ihm warf.
Von jetzt an waren wir Kumpel. Es ist nicht
übertrieben, wenn ich sage, daß wir miteinander durch dick und
dünn gingen. Da war der Steinhagel, der uns in einem Arabernest in
den besetzten Gebieten empfing, der Kühlschrank, der sich bei dieser
Gelegenheit aus seiner Verankerung riß und seinen Inhalt über
den Fußboden verteilte, und die Nacht im Friedhof.
Die Friedhofsnacht ergab sich aus meinem
eingangs erwähnten romantischen Wunsch, mit meinem Freund engumschlungen
auf dem Ölberg zu stehen - zu unseren Füßen die heilige
Stadt. „Am schönsten ist das Licht, wenn die Sonne aufgeht“, sagte
mein Freund. „Und den schönsten Blick hat man von dem alten Friedhof
aus.“
Also verbrachten wir die Nacht nebst Wohnmobil
zwischen den alten Grabsteinen, eine Tat, die von einer Gruppe schläfengelockter
Kaftanträger in gutturalem Jiddisch wohlwollend kommentiert wurde,
während sie unser karges Nachtmahl teilten. „Man mechte nochamol jung
sein“, sagte der Älteste sehnsüchtig und fast hochdeutsch, und
man konnte ihm anmerken, daß es ihm schon immer ein Bedürfnis
war, eine Nacht bei den Gräbern seiner Ahnen zu verbringen.
Wir benutzten bei dieser Gelegenheit bereits
reichlich Knoblauch. Aber nicht gegen etwaige Vampire, sondern weil wir
uns an dieses landesübliche Gewürzgemüse gewöhnt hatten.
Und wie das riecht, war uns mittlerweile egal. Die anderen rochen ja ebenso...
Und als wir endlich engumschlungen auf
dem Ölberg standen und die Morgensonne die goldenen, silbernen und
kupfernen Dächer des ewigen Jerusalems aufleuchten ließ, umgab
uns gemeinsamer Knoblauchduft. So wurden wir ein Paar.
Natürlich saßen wir dann Hand
in Hand hoch über der Küste von Tel Aviv auf einer Hotel-Terrasse.
Beide braungebrannt. Mein Haar flatterte im sanften Seewind... Und neben
mir stand der Plastikbeutel mit den auf dem Markt erstandenen Avocados,
den Zwiebeln, dem Knoblauch, dem Wein und dem Fisch, den wir anschließend
in unserem rollenden Heim braten würden.
Mein Begriff von Romantik und Zweisamkeit
hat sich nämlich auf dieser Reise gründlich geändert. Er
hat eher praktische Züge angenommen, alles Mondäne ist daraus
gewichen. Ein altes jüdisches Sprichwort sagt: „Wenn du wissen willst,
ob ein Mensch dein Freund ist, dann sollst du mit ihm tausend Meilen reisen...“
Ich möchte hinzufügen: „Wenn du ganz schnell in Erfahrung bringen
willst, ob ihr zueinander paßt, dann versucht es mit unserem Härtetest.“
Wir jedenfalls haben uns seither nie mehr getrennt. Keinen einzigen Tag
lang.
Soweit das Zitat. Ich enthalte mich jeden
Kommentars. Der geneigte Leser möge sich sein eigenes Bild machen.
Und nachdem das geschehen ist, wird es ihm auch leichter fallen, die Logik
im nun folgenden zu entdecken.
Ich bin gleich fertig.....
Wir sind also wieder in München. Mit
zwiespältigen Gefühlen, denn einerseits lieben wir unser Haus,
unseren Garten, unsere Rituale - andererseits können wir uns nach
unserem Härtetest sehr gut vorstellen, zum Beispiel in Israel zu leben.
Und so haben wir uns vorgenommen, mögllichst oft dorthin zurückzufahren.
Bei der Gelegenheit fällt mir auf,
daß ich ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und
herspringe. Das liegt natürlich daran, daß die Vergangenheit
Teil unserer Gegenwart ist, und daß die Gegenwart ohne diese Vergangenheit
so nicht denkbar wäre. Ich bitte also die Sprach- und Stilpuristen
unter meinen Lesern mit diesem Argument um Entschuldigung.
***
Das ganze Jahr über nehmen wir uns
vor: Diesmal gehen wir hin. Doch meistens kommt etwas dazwischen, und so
pflegen wir dann am letzten Tag der “Dult” früh aufzustehen. Wenigstens
ist das unser fester Vorsatz am Vorabend des letzten Tages des Flohmarkts.
In der Regel stellen wir sogar den Wecker.
Da wir die feste Absicht haben, etwa gegen
neun Uhr früh aus dem Haus zu gehen, stellen wir den Wecker auf sieben.
Eine Stunde rechnen wir zum Teebereiten, Teetrinken und so weiter,
was in der Regel im Bett geschieht. Eine weitere Stunde rechnen wir sodann
zum Duschen, anziehen und Frühstücken. Diesmal natürlich
außerhalb des Bettes. Macht zwei Stunden. Somit könnten wir
Punkt neun abmarschbereit sein.
Aber da hat die Dult nicht mit meiner
Freundin gerechnet. Nicht etwa, daß sie zu der Sorte von Frauen gehört,
die nie fertig werden. Im Gegenteil: Wenn wir einmal verreisen, dann hat
sie schon drei Tage vorher die Koffer gepackt und tut in der Nacht
vor der Abreise kein Auge zu, weil sie ständig darüber nachgrübelt,
was sie noch vergessen haben könnte. Meistens hat sie nichts vergessen.
Im Gegenteil: Sie hat viel zuviel eingepackt.
Am Flohmarkttag wartet aber kein Flugzeug
auf uns. Nicht einmal ein Taxifahrer. Nur der Flohmarkt selber.
„Ich möchte mir nur noch die Haare
waschen. Das geht auch ganz schnell“, sagt sie während des Frühstücks,
ohne aufzusehen. Sie weiß aus Erfahrung, daß ich an dieser
Stelle die Augen verdrehe. Und diese Art von Kritik kann sie schlecht ertragen.
Es ist das Unausgesprochene, was sie am meisten ärgert... Ich
muß dann auch vermeiden, hörbar auszuatmen - auch das könnte
als Kritik gewertet werden.
Natürlich sehe ich nicht ein, daß
man sich zum Flohmarkt eigens die Haare waschen muß. Und wenn schon,
warum das nicht bereits während des Duschens erledigt wurde... Vermutlich
hat sie bei einem Blick in den Spiegel gesehen, daß sie „unmöglich
ausschaut“, was nicht stimmt. Aber ich sage nichts, verdrehe kein Auge
- und atme nicht! „Du brauchst gar nicht den Atem anzuhalten, ich
weiß, was du denkst“, sagt sie dann und fügt nach einer kleinen
Pause hinzu: „Du brauchst es nur zu sagen, wenn du keine Lust hast, zum
Flohmarkt zu gehen. Dann gehe ich eben allein.“
Während sie die Haare wäscht
und sie anschließend fönt, gehe ich schon mal dran und erledige
eine Reihe von Briefen, die schon lange erledigt sein müßten.
Meine Freundin hat langes Haar, und es dauert eine Weile, bis das trocken
ist. Ich tippe gerade den letzten Brief, da taucht meine Freundin auf.
Schick sieht sie aus, mit den engen Jeans und dem Blouson, richtig zünftig
zum Flohmarkt.
Allerdings sehe ich nicht ganz ein, warum
sie das frisch gewaschene Haar unter einer Ballonmütze versteckt.
„Warum versteckst du denn dein frisch gewaschenes Haar unter einer Ballonmütze?“
frage ich folglich. Aber das stellt sich als schwerer Fehler heraus. „Gefällt
dir etwa die Mütze nicht? Du hast sie mir doch geschenkt“, sagt sie.
Mir gefällt die Ballonmütze
- es war ja nur so eine Frage. Aber meine Freundin ist schon in die oberen
Räume enteilt, und ich höre sie in ihrem Schrank kramen. Sie
sucht sich wohl eine andere Kopfbedeckung, denke ich und mache mich schon
einmal daran, den kleinen Lackkratzer am Auto zu reparieren, denn meine
Freundin hat viele Kopfbedeckungen, und es dauert erfahrungsgemäß
eine Weile, ehe sie die für den Anlaß passende gefunden hat.
Ich hätte besser den Mund gehalten. Nach der Autoreparatur mache ich
mich daran, das Laub im Garten zusammenzurechen. Ich kann es nämlich
nicht ausstehen, wenn ich einfach nur so rumstehe und warte. Außerdem
könnte das als Provokation aufgefaßt werden.
Nach dem Laub-Rechen - es ist mittlerweile
viertel vor elf - rufe ich nach oben: „Von mir aus können wir jetzt
gehen.“ Dabei ist es wichtig, jede Ungeduld oder gar Schärfe im Ton
zu vermeiden, denn das könnte sie als unausgesprochene Krititk auffassen.
Und wir haben uns doch so auf den Flohmarkt gefreut. Schon deswegen, weil
wir unsere Küche in diesem Jahr weiß gestaltet haben und daher
wegen des Kontrastes dringend noch einige rote Gegenstände brauchen,
die es eben nur auf dem Flohmarkt gibt...
„Ich komme!“ flötet sie von oben,
und da weiß ich, daß es höchstens noch dafür reicht,
die Fotos einzusortieren, die seit Wochen auf meinem Schreibtisch herumliegen
und auf eine passende Gelegenheit warten.
Während ich das tue, höre ich
jemanden hinter mir mit deutlicher Betonung ausatmen. Als ich mich umdrehe,
steht sie hinter mir. Sie trägt jetzt einen weißen Faltenrock,
eine weiße seidene Bluse, darüber eine flauschige weiße
Jacke und ganz oben ein keckes Barett. Süß sieht sie aus - aber
das Kompliment bleibt mir im Hals stecken, denn sie faucht mich an: „Wenn
ich eines hasse, dann ist es, einfach so dazustehen und auf jemanden zu
warten. Das mit den Fotos hätte doch sicher noch Zeit gehabt. Jetzt
ist es halb zwölf, und um neun wollten wir aus dem Haus gehen...“
Da hat sie freilich recht. Ich habe keine
Ahnung, wo ich in diesem Augenblick die Kraft zu keiner Erwiderung hernehme...
Als wir auf dem Flohmarkt ankommen, erwartet
uns geschäftiges Treiben. Männer sind dabei, Lkws zu beladen.
Kisten weden geschleppt, und Kolonnen von orangegekleideten Südländern
fegen den Platz.
Der letzte Tag des Flohmarkts war gestern.
Und so beschließen wir, statt dessen ein schickes Restaurant aufzusuchen.
Denn erstens ist es jetzt Essenszeit, und zweitens hassen wir es beide,
auf überfüllten Flohmärkten von der großen Menschenmenge
bedrängt und geschoben zu werden.
„Nicht wahr, das findest du doch auch?“
sagt sie, nachdem sie mir ihre diesbezügliche These - uns beide betreffend
- auseinandergesetzt hat. Und da ich das auch finde, äußere
ich, daß sie drittens in ihrer gegenwärtigen Aufmachung auch
wesentlich besser ins Restaurant paßt als auf den Flohmarkt. Doch
mit dieser Bemerkung muß ich wiederum nicht ganz den richtigen Ton
getroffen haben, denn sie mustert mich mit seltsamem Blick von Kopf bis
Fuß.
Erst jetzt bemerke ich, daß an meinen
Händen noch Lackspray klebt und an meinen Jeans eingetrockneter Gartenschmutz.
Sie sagt nichts, doch sie nimmt einen kleinen, aber deutlichen Abstand
zu mir. So, als ob wir eigentlich nicht zusammengehörten.
„Ich möchte bloß wissen, was
du die ganze Zeit über gemacht hast?“ sagt sie endlich. „Während
ich mich für dich schöngemacht habe, läufst du rum wie der
letzte Gammler.“
Da ich mich sofort für mein ungebührliches
Betragen entschuldige, ist uns noch ein sehr harmonischer Nachmittag vergönnt.
Aber im nächsten Jahr gehen wir garantiert zum Flohmarkt. Schon auf
den ersten des Jahres - am ersten Tag. Das haben wir uns ganz fest vorgenommen,
falls an diesem Morgen nicht etwas Entscheidendes dazwischenkommt, wie
zum Beispiel das Anstellungsgespräch mit einer neuen Putzfrau...
Die Perle des Orients
Andere Leute haben Schwierigkeiten, eine
Putzfrau zu bekommen. Wir haben Aischa. Damit fingen unsere Schwierigkeiten
an.
Aischa entstammt, wie man leicht dem Namen
entnehmen kann, dem Orient, und sie ist stolze Nachfahrin eines uralten
Adelsgeschlechts. Immerhin war eine Namensvetterin von ihr eine der Ehefrauen
Mohameds. Ersteres ließ sie durchblicken, letzteres behauptete sie.
Nichtsdestoweniger ist Aischa
unsere Putzfrau, obwohl sie das früher nicht nötig hatte, wie
sie betonte. Harte Arbeit verrichteten in ihrem Haus die Dienstboten. Aber
damals lebte sie noch im Schoß ihrer steinalten Familie.
In den Augen meiner Freundin ist Aischa
der Inbegriff der tapferen jungen Frau, die mit ihrer Hände Arbeit
sich und die Ihren in schlechten Zeiten über Wasser hält. Eine
wahre Scarlett O’Hara in dunkel. „Vom Winde verweht.“ Seit meine Freundin
Aischa kennt, liest sie auch wieder Margaret Mitchell. Aber das nur nebenbei.
Als ich Aischa das erste Mal begegnete,
küßte sie mir die Hände und nannte mich „Herr“. Das war
eine Geste. Wirklich nur eine Geste... Zwei Tage darauf begann sie, in
unserem Haus zu wirken.
Langsam zwar - und fast unmerklich -,
dafür aber stetig veränderte sich unser Leben. Es fing damit
an, daß es bei uns morgens statt meines unentbehrlichen Kaffees plötzlich
Earl Grey Tee gab.
„Weißt du, Aischa hat eine englische
Erziehung genossen. Und da gehört Tee einfach dazu. Und weil ich schon
beim Teekaufen war, habe ich gleich eine Großpackung genommen“, erhielt
ich auf eine diesbezügliche Bemerkung zur Antwort. Sehr logisch. Seither
trinken wir morgens eben Tee. Hat ja auch was für sich.
„Trinkt Aischa auch Alkohol?“ fragte ich
ein paar Tage später. „Ich denke, sie ist Mohammedanerin.“ Ich hatte
mich über die Anwesenheit von Grand Marnier in unserer Bar gewundert,
der uns bislang immer zu teuer gewesen war. „Nur zum Tee“, sagte meine
Freundin. „Und überhaupt ist sie nicht so strenggläubig. Schließlich
ist sie modern erzogen und aufgewachsen.“
„Was macht eigentlich ihr Mann?“ fragte
ich, um vom Thema abzulenken und um es mir selbst unmöglich zu machen,
das zu sagen, was mir auf der Zunge lag. „Der Mann ist zu Hause und paßt
auf die Kinder auf.“ „Und warum geht der Mann nicht zur Arbeit und läßt
die Frau auf die Kinder aufpassen?“ (Hoffentlich war das nicht schon wieder
falsch!) „Weil der Mann“, belehrte mich meine Freundin, „in seiner Heimat
Schulbücher geschrieben hat.“ Das verstand ich nicht.
„Er ist eben noch sehr traditionell“,
klärte sie mich auf. „Für ihn ist es unter seiner Würde,
niedere Arbeiten zu verrichten; er wäre bei seinen Landsleuten sofort
unten durch. Er würde sein Gesicht verlieren.“
Daß ich daran nicht gedacht hatte!
Ich zitierte deutsches Volksgut in abgewandelter Form. Ich konnte nicht
anders: „Hauptsache, meine Frau arbeitet, und ich behalte mein Gesicht.“
Meine Freundin zögerte einen Augenblick und wußte nicht so recht,
worüber sie beleidigt sein sollte. Dann fiel es ihr ein: „Du hast
einfach Vorurteile gegen die Leute, deshalb bist du ungerecht.“ Vielleicht
hatte sie sogar recht damit...
Und so beschloß ich, toleranter
zu sein. Ich ignorierte es einfach, daß es jetzt dreimal wöchentlich
Lamm-Curry zum Abendessen gab; beziehungsweise das, was Aischa davon übriggelassen
hatte. Nur einmal sagte ich: „Ich habe den Eindruck, daß deine Putzfrau
etwas sehr mollig geworden ist. Behindert sie das nicht bei der Arbeit?“
Ich hätte es lieber nicht sagen sollen.
Daß sich das Innenleben unseres Gewürzschrankes immer mehr in
Richtung orientalisch änderte, vermochte ich hinzunehmen, und auch,
daß Kaffee, wenn es ihn denn gab, nach Kardamom schmeckte und ziemlich
dicklich war.
Ich lächelte milde darüber,
daß unser Haus Durchgangsstation für Lollys und Kinderkleidchen
wurde: Schließlich hatte Aischa ja drei Kinder. Ich konnte auch einsehen,
daß Aischas Stundenlohn erhöht werden mußte, denn inzwischen
war auch noch der Bruder ihres Mannes aus dem Orient eingetroffen. Und
der mußte mit ernährt werden.
Was mich indes ärgerte, war
der leichte Schmierfilm, der sich in unserer Küche über viele
Gegenstände ausbreitete. Das kam von dem vielen Braten mit Öl.
Da Aischa bei uns saubermachen mußte, hatte sie natürlich keine
Gelegenheit, für ihre Familie zu kochen. Das erledigte sie dann bei
uns und nahm das fertige Essen in Warmhaltebehältern mit. Sehr praktisch.
Und vor lauter Kochen blieb dann ja auch
keine Zeit mehr, die Küche zu putzen. Vielleicht waren wir auch nur
falsch eingerichtet für orientalische Gerichte. „Findest du nicht,
wir sollten uns eine offene Feuerstelle und einen Lehmofen für die
Brotfladen zulegen?“ fragte ich daher eines Tages.
Ich hatte den Eindruck, daß meine
Freundin ernsthaft darüber nachdachte und die feine Ironie in meinen
Worten gar nicht registrierte.
Die Veränderungen in den übrigen
Räumen des Hauses vollzog sich schrittweise. Zunächst fielen
mir die grellbunten Sofakissen auf. „Hat Aischa für uns genäht.
Ist sie nicht rührend? Sogar einen Hohlsaum hat sie gemacht!“ Einen
Hohlsaum. Man denke!
Die Sofakissen waren, so erfuhr ich, der
Ausdruck immerwährender Dankbarkeit. Schließlich hatte meine
Freundin Aischas ältester Tochter zum Geburtstag ein Mountainbike
geschenkt. Mit acht Gängen. „Die Kleine war immer so traurig, weil
die anderen Kinder im Kindergarten schon ein Fahrrad hatten und sie nicht.“
„Woher wußtest du das?“ „Aischa hat es mir erzählt.“ Aha.
Später gesellten sich zu den Sofakissen
Wandbehänge in Grellbunt. Ich wollte nicht mehr wissen, aus Dankbarkeit
wofür. Ich hatte auch nicht mehr so viel Zeit zum Nachdenken, denn
ich mußte etwas mehr arbeiten, seit auch noch Aischas alter Vater
aus dem Orient gekommen war und ihr jüngster Bruder in Amerika studieren
sollte. Allein unsere Telefonrechnung mußte verdient werden. Gespräche
in den Orient und nach Amerika sind nicht gerade billig. Vor allem, wenn
sie stundenlang dauern.
An dem Tag aber, als meine Freundin begann,
eine Stunde früher aufzustehen, um sauberzumachen, „damit Aischa nicht
den Eindruck hat, daß wir Schmutzfinken sind, außerdem kann
sie nicht so schwer heben...“ an jenem Tag kam mir der Gedanke, mich nach
einer anderen Putzfrau umzuschauen. Heimlich natürlich.
Aber das wäre gar nicht nötig
gewesen: Neulich fand ich den Entwurf einer Anzeige auf dem Schreibtisch
meiner Freundin - in ihrer eigenen Handschrift: „Gesucht! Fleißige
und zuverlässige Reinemachefrau für sofort...“
„Und Aischa?“ fragte ich entgeistert,
als ich es las. „Sie hat mich gebeten, ihr Geld in Zukunft aufs Konto zu
überweisen. Sie hat keine Zeit mehr, extra dafür herzukommen“,
sagte meine Freundin, und ich sah, daß sie enttäuscht war. Wir
hatten Aischa. Nun hatten wir die Schwierigkeit anderer Leute, eine Putzfrau
zu finden.
Auf die Annonce meldeten sich viele. Manche
gingen gleich wieder, weil wir keinen Stellplatz für den jeweiligen
PKW nachweisen konnten, andere erklärten, in unserem Hause gäbe
es zuviel Arbeit, manche wollten sich versprechen lassen, daß wir
nie Kinder haben würden, wieder andere fürchteten sich vor unseren
drei Hunden, die mit feinem Instinkt diejenigen verbellten, von denen sie
sich am wenigsten erwarten durften.
Aber das war alles vor der Zeit, als wir
Tamara trafen. Tamara kam, sah sich um, streichelte die Hunde und
blieb. Eine andere Wahl hätte sie auch nicht gehabt: Die Hunde hätten
sie unter keinen Umständen wieder weggelassen....
Aber wenn ich an Tamara denke, dann fällt
mir zunächst einmal die Zeit ein, als sie einmal n I c h t da
war. Es war eine Zeit der härtesten Prüfungen meines Lebens:
Die folgende Episode fällt in die Zeit ihres Jahresurlaubs:
Bratbrot mit Knoblauch
„Das kannst du mit mir nicht machen, mein
Lieber“, hörte ich meine Freundin ins Telefon rufen. Erschrocken eilte
ich hinzu und bekam gerade noch den Satz mit: „‘Weißt du was, wenn
das so ist, dann machst du von jetzt an deinen Dreck allein!“ Dann schmiß
sie den Hörer hin. Blicklosen Auges eilte sie an mir vorüber
und schloß sich im Schlafzimmer ein. Wenn sie so ist, dann störe
ich sie besser nicht, denn sonst bekomme ich alles ab, was eigentlich für
jemand andern gedacht ist.
In diesem Fall für einen Auftraggeber,
für den sie schon seit vielen Jahren arbeitete und der sich wohl auch
gewisse private Hoffnungen gemacht hatte, bis dann ich auftauchte. Und
nun hatte sie ihm also den Krempel vor die Füße geworfen - und
damit die Hälfte unseres Monatseinkommens. Nichts gegen Bürgerstolz
vor Fürstenthronen - solange sich das ganze innerhalb von Schillerdramen
abspielt.
Aber in unserem Fall war das doch ziemlich
tollkühn. Die Schauspieler gehen zusammen einen trinken, wenn der
Vorhang gefallen ist. Aber wer würde von nun an unsere Drinks bezahlen?
Ich hatte mich nicht nur an die trockenen Martinis gewöhnt, sondern
auch an den Zweitwagen, die französischen Restaurants
unserer Stadt und an die ganzen Unabdingbarkeiten des gehobenen Lebensstandards.
„Macht nichts“, sagte ich deshalb großspurig
zu ihr, als sie wieder mit mir sprach, „schrauben wir eben unsere Ansprüche
ein wenig zurück. Verzichten wir auf die Martinis, den Zweitwagen,
die Restaurants und den ganzen Quatsch, und leben wir von meinem Einkommen.
Ich werde doch wohl noch eine Frau ernähren können!“
„So, meinst du...“, sagte sie. In solchen
Fällen beendet sie ihre Sätze immer mit drei Punkten, ohne mich
direkt zu beleidigen. „Wozu brauchen wir schließlich zweimal wöchentlich
eine Putzfrau, Staubsaugen und Fensterputzen übernehme ich“, fuhr
ich unbeirrt for. „Einverstanden“, sagte sie, „zumal Tamara in Urlaub
ist. Ich hätte dich ohnehin darum gebeten.“
An diesem Abend aßen wir zu Hause.
Es gab Bratbrot mit Knoblauch. Ich esse Bratbrot mit Knoblauch für
mein Leben gern. Und es ist billig. Anschließend schwang ich fröhlich
noch ein halbes Stündchen den Staubsauger. „Sparen macht Spaß“,
sagte ich, als sie sich an mich kuschelte. Ausnahmsweise waren wir früh
ins Bett gegangen. Schließlich war das Restaurant ausgefallen. Fensterputzen
macht nicht soviel Spaß wie Staubsaugen. Man sieht hinterher immer
Streifen. Egal, wieviel Mühe man sich auch gibt.
Meine Freundin mußte am nächsten
Morgen viel telefonieren. Deshalb waren die Eier ein wenig hart geworden.
„Komisch, dabei hast du sie so lange gekocht“, sagte ich. Es sollte komisch
sein: Sie schenkte mir ein halbes Lächeln.
Wir besannen uns wieder auf das einfache
Leben. „Wir können viel Geld sparen, wenn wir uns die Konzerte und
Theaterbesuche schenken. Schließlich besitzen wir einen ganzen Bücherschrank
voller ungelesener Bücher. Und außerdem könnte ich ja wieder
anfangen, Guitarrre zu spielen“, regte ich an. „Aber nur, wenn du ein zweites
Stück lernst“, wandte sie milde ein.
Um abzulenken, sagte ich: „Mit meiner
Garderobe komme ich noch lange aus - und wenn ich so in deinen Schrank
schaue, dann brauchst du auf absehbare Zeit auch nichts Neues.“ „Also schön“,
sagte sie mit ungewohnter Schärfe. „Du kannst eine Frau ernähren.
Du kannst sie auch unterhalten, denn du kannst ‘When the saints go marching
in’ spielen. Aber kannst du sie auch kleiden...?“
Wieder diese drei Punkte. Irgend etwas
mußte ich falsch gemacht haben. Ich versuchte zu erklären, wie
ich das gemeint hatte, aber sie ging wortlos in die Küche.
Es gab Bratbrot mit Knoblauch. Ich liebe
Bratbrot mit Knoblauch, wenn es mit frischem Brot gemacht wird. Unser Brot
war noch von vorgestern.
Ich begann die Hausarbeit zu rationalisieren,
wie das eben nur ein Mann kann. Es ist wichtig, alle Griffe, die nun einmal
getan werden müssen, in Gruppen einzuteilen. Das spart viel Zeit.
Wenn ich zum Beispiel ein Bier aus dem Kühlschrank hole - Martini
war ja gestrichen -, dann kann ich doch gleichzeitig auch schon mal Eier
herausholen, damit sie die richtige Temperatur haben, wenn man sie braucht.
Nur darf man nicht vergessen, daß man sie in die Schürzentasche
gesteckt hat, wenn man die Schürze ihrerseits in die Waschmaschine
steckt. Aber mit einiger Übung bekommt man das schon hin.
Und daß man beim Einholen viel Geld
spart, wenn man große Mengen von den Dingen kauft, die man ohnehin
täglich braucht, versteht sich ja von selbst. Aber irgend etwas muß
mit meinen Berechnungen nicht gestimmt haben. Jedenfalls gaben wir für
die Dinge des täglichen Bedarfs auf diese Weise wesentlich mehr Geld
aus, als wenn wir, wie früher, ins Restaurant gegangen wären.
Am Abend dieses und einiger weiterer Tage
gab es abwechselnd Bratbrot mit Thunfisch und Bratbrot mit Knoblauch. Ich
traute mich nicht mehr unter die Leute.
Zur Krise kam es, als unser Erstwagen,
der mit dem inzwischen abgemeldeten Zweitwagen die Garage teilte, nicht
mehr mitmachte und in die Werkstatt mußte. Jetzt waren wir endgültig
auf das Niveau von Fußgängern reduziert.
Vorbei war es mit den rationellen Einkaufsfahrten.
Alles mußte einzeln herangeschafft werden. Auch die Hausarbeit machte
längst nicht mehr soviel Spaß wie zu Beginn unserer Sparmaßnahmen,
und allein der Klang des Wortes Knoblauch war mir inzwischen zuwider.
Ich fühlte mich auch als Mensch reduziert
bei der Erkenntnis, daß mein Einkommen allein hinten und vorn nicht
ausreichte. Doch von dieser Erkenntnis zu dem Satz, „Liebling, ich sehe
es ein, ohne dich geht es nicht“, war noch ein langer, mühsamer Weg.
Ich hätte nie gedacht, daß es so schwer ist, vom eigenen hohen
Roß herunterzusteigen.
„Gut, daß du es einsiehst“, sagte
sie, als ich mich endlich zu besagtem Satz durchgerungen hatte. „Und übrigens,
du kannst deine Schürze wieder an den Nagel hängen. Morgen kommt
Tamara zurück...“
„Ja, können wir uns das denn leisten?“
fragte ich zaghaft. „Wir können! Ich habe einen neuen Auftraggeber“,
sagte sie. Wir haben seitdem übrigens große Teile unseres Sparprogramms
beibehalten. Tamara hat uns an ihrem ersten Tag mit einer heimischen Spezialität
überrascht: Bratbrot mit Knoblauch.
Jetzt, wo wir es uns leisten können,
macht Sparen wieder Spaß. Und es muß ja wirklich nicht immer
Kaviar sein.
*
Sollte indes jemand auf den Gedanken
kommen, bei uns herrsche im Grunde nichts als eitel Harmonie, den muss
ich enttäuschen: Harmonie ist zwar so etwas wie ein gemeinsamer Akkord,
oder besser, wie eine Begleitmelodie, die durch unser Leben zieht, aber
es gibt durchaus auch dunkle Stunden. Stunden des Zweifels. Dann nämlich,
wenn sie Dinge auf unser Privatleben anwendet, die darin absolut nichts
zu suchen haben.
Das war zum Beispiel so, als sie das werbekundliche
Seminar absolviert hatte, das sie in ihrem Beruf weiterbringen sollte:
Sie wandte das eben Erlernte auf mich an:
Juh-Es-Pieh
dir fehlt, ist ein Juh-Es-Pie“, sagte
meine Freundin, als ich ihr zu erklären versuchte, daß ich am
nächsten Tag eine dringende Dienstreise anzutreten hätte. Und
sie fuhr fort: „Wenn du den nämlich hättest, dann würden
die Leute zu dir kommen und um einen Termin mit dir bitten, satt umgekehrt.“
„Aha“, sagte ich, „und wo kriegt man so
was?“ „Das kriegt man nicht, das hat man“, sagte sie. - „Und
mir geht dieser, dieser Pie also ab.“ - „Juh-Es-Pie heißt das. Das
ist englisch.“ - „Klar“, sagte ich und bemühte mich, die Bildungslücke
hinter einem Scherz zu verbergen und bei dieser Gelegenheit Näheres
zu erfahren. Das ist ein alter Trick von mir.
Deshalb fragte ich: „Sicher
ist so ein Ding nicht gerade billig. Was müßte ich also
anlegen, wenn ichso einen Juh-Es-Pie erwerben wollte?“
„Ich fürchte, bei dir ist es hoffnungslos“,
sagte sie traurig. “Nichts zu machen.” Was so ein Seminar alles anrichten
kann!
Seither gehen ihr zum Beispiel Worte wie
„Point of Sales“ oder „Rackjobbing“ glatt über die Lippen. Sie sagt
auch schon mal ganz unvermittelt Dinge wie „warenbezogene Leistungsatmosphäre
in der Eingangszone“, und neuerdings weiß ich auch, daß die
„Griffzone“ bei achtzig Zentimeter über der Erde liegt. Nicht, was
Sie jetzt denken. Es geht um den „Frischdienst“ - richtig.
Und deshalb liegt die „Blickzone“ auch
160 bis 170 Zentimeter über der Erde. Das war mir alles inzwischen
klargeworden. Auch, daß es darauf ankommt, „im Zeitgeist zu operieren“.
Nur „Juh-Es-Pie“ - das ging mir
nicht ein, trotz all meiner „Medienorientiertheit“. Dabei scheint das vermaledeite
Ding inzwischen zum Allgemeingut geworden zu sein - von mir selbst mal
abgesehen. Das merkte ich, als ich am nächsten Tag das neuerworbene,
wenn auch nicht definierte Wort versuchsweise während eines Arbeitsessens
auf eben jener Dienstreise fallenließ.
„Was uns fehlt, ist einfach ein Juh-Es-Pie“,
bemerkte ich kauend, um so eine womöglich unkorrekte Aussprache zu
kaschieren. „Genau“, sagte einer aus der Runde, „genau! Sie haben den Nagel
auf den Kopf getroffen. Was sage ich die ganze Zeit, Huber - uns fehlt
der Juh-Es-Pie! Sagte ich das nicht?“
Wieder nichts. Immerhin hatte ich soviel
begriffen: Man kann das Wort ungestraft in eine Debatte werfen - auch im
Sinne einer konstruktiven Selbstkritik. Bei der nächsten Gelegenheit
ging ich noch einen Schritt weiter: Ich verwendete den Begriff positiv.
Als die Leistung eines Kollegen herausgestellt wurde, warf ich ein: „Kein
Wunder, bei seinem Juh-Es-Pie!“ - „Wirklich?“ fragte der Gelobte, „finden
Sie?“ und errötete dabei. Später hörte ich ihn sagen: „Fabelhafter
Mann, dieser Stern.“
Da jeder außer mir mit dem Begriff
etwas anfangen zu können schien, griff ich zu Cassell`s englischem
Wörterbuch, um der Sache endlich auf den Grund zu gehen. Der Cassell`s
ist anerkannt und sehr dick. Er enthält auch Amerikanismen und Redensarten.
Dennoch schaffte ich die Entschlüsselung nicht.
Zwar gelang mir mit Cassell`s Hilfe die
Konstruktion eines amerikanischen Slang-Satzes, der aber so recht keinen
Sinn ergeben wollte, es sei denn einen leicht abszönen: „You ass pee!“
- Das konnte es also nicht sein.
Da besagter Begriff offensichtlich die
Umschreibung für etwas Erstrebenswertes zu sein schien, begann ich
zu bedauern, damit nicht ausgestattet zu sein, jedenfalls laut Aussage
meiner Freundin, soweit meine Freundin in Sachen Juh-Es-Pie überhaupt
kompetent zu nennen war.
Und das sagte ich ihr auch nach meiner
Rückkehr von erwähnter Dienstreise glatt ins Gesicht: „Ich muß
dir nach meinen neuesten Erkenntnissen sagen, daß ich dich in Sachen
Juh-Es-Pie einfach nicht für kompetent halte“, warf ich ihr hin. „Ich
weiß nämlich jetzt genau, auf welcher Schiene und mit welchem
Schrittmaß ich in die nächste Runde gehe. Ich habe meine Zielgruppe
klar aufgefaßt und fürchte mich auch nicht mehr vor Streuverlusten!“
Das hatte gesessen. Sie bekam wässrige
Augen und eine rote Nase, und ich fühlte mich wie ein Rohling, wie
immer, wenn sie meinetwegen weint. „Du kannst dich auf den Kopf stellen
- das bringt dir noch lange keinen Juh-Es-Pie!“ sagte sie, nachdem sie
sich wieder gefaßt hatte.
Die halbe Nacht lag ich wach und grübelte.
Ein Juh-Es-Pie mußte her - koste es, was es wolle. Diese Sorge schien
ich übrigens noch mit anderen Leuten zu teilen. Der Chef einer aufstrebenden
Werbeagentur lud mich nämlich zu einer internen Besprechung im kleinen
Kreis ein und sprach mich folgendermaßen an: „Stern, bitte behandeln
Sie dieses Gespräch vertraulich. Wir haben Sie hergebeten, weil wir
Sie Ihrer ausgefallenen Einfälle wegen schätzen... Nehmen Sie
das ruhig als Kompliment. Wir sind nämlich auf der Suche nach einem
Juh-Es-Pie, sonst schnappt uns die Konkurrenz noch mehr Marktanteile weg.
Was fällt Ihnen dazu ein?“
Ausgerechnet mir! „Aha!“ sagte ich. Und
dann ging ich aufs Ganze: „Sie sind also auf der Suche nach einem neuen
und besseren Image...“ - „Menschenskind - es geht nicht ums Image, davon
haben wir genug. Nein! Um den Juh-Es-Pie! Oder soll ich`s Ihnen buchstabieren?“
„O ja, bitte. Ich bitte Sie darum“, sagte ich wider Willen flehentlich.
Er schaute mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Dann verklärte
sich sein Gesicht: „Ich wußte es doch, Stern. Sie sind der richtige
Mann. Buchstabieren - das ist es. Klar und präzise. Ohne alle Schnörkel.
Wir nennen die Dinge beim Namen! Ohne jede Beschönigung! Die nackte
Wahrheit sozusagen, die von anderen verbrämt, verdreht und geschönt
wird. Das ist unsere Marschrichtung! Herr Stern, ich danke Ihnen!“
Unter weiteren Dankesbezeugungen wurde
ich hinauskomplimentiert. Allen kann ich helfen, nur mir selbst nicht,
sinnierte ich vor mich hin und begab mich in meine Lieblingsbar.
„Charlie“, sagte ich „bitte bringen
Sie mir einen großen Martini-Cocktail mit wenig Martini und viel
Juh-Es-Pie.“ Es rutschte mir einfach so raus. Charlie zuckte nicht mit
der Wimper. Er brachte mir den Cocktail - mit einer Melonenscheibe am Rand.
„Charlie, bitte, was ist das?“ „ „Das...? Oh, das ist der Unique-Selling-Point.
Sie hatten doch um einen U.S.P. gebeten.“
„Charlie, erzählen Sie mir mehr darüber“,
flehte ich. „Was bedeutet das?“ „Nun“, sagte Charlie, hob die Augen
zur Decke und begann zu dozieren: „Dieses Kürzel steht für die
Unverwechselbarkeit eines Produkts, für seine Einzigartigkeit und
für augenfällige Eigenschaften, die es von anderen deutlich unterscheiden...“
„Danke, Charlie“, sagte ich bewegt. „Wo haben Sie das bloß alles
her?“ „Denken Sie, ich war immer Barkeeper?“ sagte er, ohne zu lächeln.
Abends im Bett ließ ich die
Schuhe an. „Was in aller Welt soll das?“ fragte meine Freundin. „Das ist
mein U.S.P.“, sagte ich. Erst war sie ein wenig eingeschnappt. Später
konnte sie dann aber doch meiner „flächendeckenden Strategie“ und
meinem übrigen „Handling“ in dieser Nacht einigen Geschmack abgewinnen.
Bis am nächsten Morgen der Schäferhund
des Nachbarn uns daran erinnerte, daß ein neuer Tag begann, denn
immer dann, wenn der alte Schäferhund unseres Nachbarn frühmorgens
heiser und gelangweilt vor sich hinbellt, geht meine Freundin schon mal
langsam zur Haustür.
Sie weiß aus Erfahrung, daß
innerhalb der nächsten zwei Minuten der Briefträger zweimal klingeln
wird. Und da sie für ihr Leben gern Post bekommt, setzt sie dabei
ihr schönstes Lächeln auf. Auch der Briefträger lächelt,
und er hat auch eine Erklärung dafür, warum er morgens die Post
nicht in den dafür vorgesehenen Schlitz des Hausbriefkastens steckt:
„ Ihr Briefkasten ist viel zu klein.“ Kein Wunder:
Wenn der Postmann nicht mehr klingelt
Die aller-liebste Post meiner Freundin
besteht aus Versandhauskatalogen, die sie in großer Zahl anfordert.
Und dieser Flut ist der altersschwache Briefkasten nun wirklich nicht gewachsen.
Deswegen, und weil es manchmal schon etwas lästig ist, schon in aller
Herrgottsfrühe voll angekleidet, gekämmt und gepflegt hinter
der Haustür zu lauern, beschloß meine Freundin: „ Wir brauchen
einen neuen Briefkasten.“
Sie hatte auch eine genaue Vorstellung
davon, wie dieser Briefkasten auszusehen hätte: „Weiß mit Gold
und ziemlich groß.“ Sie nahm damals gerade ihre Weiß-Gold-Phase
und da war es klar, daß außer den Wasserhähnen, den Blumenvasen,
dem Eßbesteck, der Badezimmergarnitur, dem Telefon, den Tassen und
Tellern natürlich auch der Hausbriefkasten ein weiß-goldenes
Dekor haben mußte.
Zumal auch die Rosenstöcke in der
Einfahrt in weiß und gold erblüht waren.
„Wozu habe ich denn meine Versandhauskataloge“,
sagte meine Freundin. „ Da wird doch was passendes dabei sein...“
Deutsche Hausbriefkästen kommen in
der Regel in zwei Ausführungen vor. Der sogenannten Standardausführung
und der Luxusausführung
Über die Standardausführung
nach DIN-Norm brauchen wir kein weiteres Wort zu verlieren. Die ist grau,
eloxiert, wetterfest und viel zu klein.
Die Luxusausführung hingegen ist
schwarz, eloxiert, außen mit einem Posthorn-Dekor versehen und ebenfalls
viel zu klein.
Es gibt auch noch eine Super-Luxusausführung
im edlen Bronze-Dekor. Gehämmert. Auch zu klein.
Und schließlich wird noch eine Röhre
angeboten, wahlweise in schwarz gehämmert oder weiß lackiert.
In beiden Fällen ist sie mit dem Schriftzug „Zeitungen“ versehen.
„Vielleicht sollten wir den einschlägigen Fachhandel aufsuchen“, schlug
ich vor, nachdem wir zwei Tage lang erfolglos Kataloge durchgeblättert
hatten. Ich träumte nämlich bereits von Posthörnern und
wollte die Sache zu einem Abschluß bringen.
Meine Freundin fand, daß dies eine
gute Idee sei, denn sie liebt auch den einschlägigen Fachhandel. Sofern
man dort Dinge in Weiß und Gold erwerben kann.
Wir kauften sechs weiß-goldene Aschenbecher,
obwohl keiner von uns raucht, zwei weiß-goldene Seifenschalen für
die Gästetoilette, eine Tischglocke aus weißem Porzellan mit
goldenem Rand sowie einen Rasierpinsel mit goldfarbenem Plastik-Griff
und weißen Borsten, obwohl ich mich elektrisch rasiere, sowie dazu
eine Garnitur Zahnbürsten in ebensolcher Ausführung - jedoch
keinen Hausbriefkasten.
Hausbriefkästen im einschlägigen
Fachhandel kommen nämlich in der Regel in zwei Ausführungen vor
- richtig geraten!
„Die Deutschen haben keinen Geschmack“,
entschied meine erschöpfte Freundin über einer Tasse Tee in einem
freundlichen Straßencafé und spielte dabei wieder einmal auf
ihren englischen Vater an. Ich verkniff mir Bemerkungen über den Geschmack
der Engländer, wenn auch mit Bedauern, und tröstete sie statt
dessen : „Das nächste Mal, wenn wir in England sind, bringen wir einen
richtig schönen, geschmackvollen Briefkasten mit. Soviel ich weiß,
sind sie dort rot.“ Normalerweise wirft sie an dieser Stelle mit dem Gegenstand,
den sie gerade in der Hand hat. Aber zum Glück für mich hatte
ihre Tasse ein weiß-goldenes Dekor...
Wir haben den weiß-goldenen Briefkasten
schließlich während einer Wochenendfahrt in Italien erstanden.
Dort ist zur Zeit alles in Weiß mit Gold. Außerdem ist den
Italienern die Deutsche Industrie Norm DIN vollkommen schnurz. Deshalb
gibt es dort auch Briefkästen, die groß genug sind für
Versandhauskataloge.
Unserer war noch größer. Wir
waren sehr stolz und ich durfte das gute Stück sogleich in der Nacht
unserer Rückkehr an unserer Haustür befestigen. Wir freuten uns
wie die Kinder auf das Gesicht unseres Briefträgers und standen extra
eine Stunde früher auf, um das Klappern des Briefkastendeckels nicht
zu verpassen.
Pünktlich zur gewohnten Zeit klingelte
der Briefträger zweimal. Wir waren maßlos enttäuscht. „Wir
haben einen neuen Briefkasten“, sagte meine Freundlin zu dem davor stehenden
Briefträger. „Ach tatsächlich?“ sagte der. „Ich habe das für
ein Vogelhaus gehalten. Wissen Sie, im allgemeinen sind die Briefkästen
viel kleiner, und sie haben auch eine andere Farbe.“ Das war uns bekannt.
Um ja keinen Irrtum aufkommen zu lassen,
hatte ich unter Aufsicht meiner Freundin inzwischen den alten Briefkasten
entfernt und in den Müllkasten geworfen. Der nächste, der klingelte,
war ein Junge, der immer den Stadtteil-Anzeiger bringt. „Ihr Briefkasten
ist nicht mehr da“, sagte er und überreichte die Zeitung. „Wir haben
einen neuen Briefkasten“, sagte diesmal ich. „Du stehst direkt davor.“
„Ach das - ich habe gedacht, Sie hätten ein Vogelhaus“, sagte der
Junge und schwang sich auf sein Rad.
Am nächsten Morgen klingelte es Sturm.
Es war viel früher als sonst, und daher konnte es nicht der Briefträger
sein. Ich stand also auf und öffnete die Tür einen Spalt. Draußen
stand der Eilbote.
„Ich dachte schon, es sei niemand da”,
sagte er. “In diesem Fall hätte ich den Brief wieder mitnehmen müssen.
Ihr Briefkasten entspricht nämlich nicht der DIN-Norm. Da dürfen
wir nicht so einfach was reinwerfen. Es könnte ja auch ein Vogelhaus
sein.“
Einige Zeit später bellte der alte
Schäferhund des Nachbarn gelangweilt vor sich hin. Wie gebannt blickten
wir in Richtung Haustür. Gleich würde der Briefkastendeckel zum
ersten Mal klappern. Doch statt dessen klingelte es zweimal.
Meine Freundin hatte sich diesmal gar
nicht zurecht gemacht. Schließlich erwartete sie niemanden. Aber
das hatte sie wohl vergessen, und so öffnete sie die Tür.- Draußen
stand der Briefträger und sagte: „Ich wollte Ihnen nur sagen, daß
ich Ihnen diesmal die Post in den Kasten geworfen habe.“ „Das will ich
Ihnen auch geraten haben“, hörte ich meine Freundin fauchen.
Seither hat der Briefträger nie wieder
geklingelt. „Es ist wegen des neuen Briefkastens“, behauptete ich. „Nein,
es ist, weil ich wie eine Furie auf ihn losgegangen bin und weil ich aussah
wie eine Schlampe“, behauptete meine Freundin.
Sie steht jetzt jeden Morgen noch früher
auf als sonst und macht sich besonders sorgfältig zurecht. Jedesmal
wenn der Nachbarshund bellt, nimmt ihr Gesicht einen gespannten Ausdruck
an. Und jedesmal, wenn der Briefkastendeckel klappert, wird sie traurig.
Ich glaube, sie nimmt es mir übel, daß ich das Ding angebracht
habe.
Möchte vielleicht jemand einen leicht
gebrauchten Briefkasten haben? Er ist weiß, hat ein goldenes Dekor
und ist sehr groß...
*
An die Zeit vor unserer ersten Begegnung
kann ich mich nur dunkel erinnern, obwohl das kaum ein paar Jahre her ist.
Das hat nur zum Teil mit meinem altersbedingt nachlassendem Kurzzeitgedächtnis
zu tun. Zum größeren Teil liegt das daran, daß meine Freundin
mich und mein Leben völlig umgekrempelt hat.
Manchmal allerdings überfallen mich
jäh Erinnerungsfetzen. Etwa dann, wenn unsere Putzfrau Tamara von
ihrem Ehemann abgeholt wird. Er trägt nämlich kleidsame Sakkos,
die mich irgendwie an mein früheres Leben erinnern. Vor allem das
graue mit den Lederflecken an den Ärmeln habe ich, so kommt es mir
vor, einmal sehr geliebt. Auch das eierschalenfarbene Jackett, das ich
seit einiger Zeit aus den Augen verloren hatte, steht ihm gut. Kein Wunder,
es war ja auch sündhaft teuer und kaum getragen...
Probier doch mal
Wenn ich versuche, an die Zeit davor zu
denken und an den Menschen, der ich über 40 Jahre lang gewesen bin,
dann ist mir, als sei ich flott und doch seriös und mit dezent-jugendlichem
Geschmack gekleidet vor meine Mitmenschen getreten.
„Unsinn, du warst der letzte Spießer“,
widerspricht meine Freundin, wenn ich diese Gedanken laut werden lasse.
„Jedenfalls scheinst du eine gewisse abartige Vorliebe für Spießer
gehabt zu haben“, fällt wir dazu ein, „denn schließlich fandest
du mich seinerzeit so attraktiv, daß du mich mit zu dir genommen
hast.“ - „Im Gegenteil - ich hab’ dich mit raufgenommen, weil ich mich
mit dir in der Öffentlichkeit nicht sehen lassen konnte. Ohne Klamotten
warst du dann ja ganz passabel:“
Im nachhinein fällt mir auf, daß
sie schon nach einer Woche an einem Morgen danach einen weißen Pulli
und eine passende weiße Jeans für mich parat hatte. „Probier
doch mal“, hatte sie gesagt. Von diesem Augenblick an - und vor allem,
seit wir endgültig zusammengezogen sind -hat sich ein steter Wandel
meiner Garderobe vollzogen...
Meine sorgsam gebügelten Flanell-Hosen
ver-schwanden wie von Geisterhand aus meinem Kleiderschrank, ebenso Schuhe
und Anzüge. Jeans, Overalls, Turnschuhe und Jogginganzüge nahmen
ihre Stelle ein. Meist in Weiß. Anfangs wagte ich noch zu protestieren:
„Und was ziehe ich an, wenn ich mich mal irgendwo vorstellen muß?“-
„Die Leute müssen dich eben so akzeptieren wie du bist“, sagte sie
kategorisch.
Aber wie bin ich denn? Immerhin haben
mir Bügelfalten, blankgeputzte Schuhe und die Goldknöpfe an meinem
Blazer so eine Art Persönlichkeit verliehen. Aber jetzt? Meine nadelgestreifte
Anzugsweste zu Jeans, die wunderschönen ehemaligen Button-down-Hemden
mit abgeschnittenem Kragen. Dazu weiße Turnschuhe!
Eine gewisse trotzige Eigenständigkeit
gegenüber dem Modediktat meiner Freundin, die mich wie ihre Puppe
an- und auszog, habe ich aber doch bewahrt: Ich erklärte, daß
ich gegen hochgekrempelte Jackenärmel im Winter sei und daß
ich mir weder einen hochrasierten Popperhaarschnitt noch wahlweise einen
italienischen Dreitagebart zulegen würde. Und zwar aus ästhetischen
Gründen!
„Das sehe ich ein“, sagte sie. „Du bist
nicht der Typ.“ Das hat mich dann allerdings doch irgendwie berührt.
Der äußere Wandel vollzog sich,
wie gesagt, stufenweise. Sie machte sich den Umstand zunutze, daß
ich vor allem zwei Dinge hasse: Einkaufen und Auswählen. Sie dagegen
kennt meine Maße - und ihren Geschmack. “Probier doch mal!“
ist einer ihrer Standardausdrücke, wenn sie von ihren Einkaufsbummeln
zurückkommt.
Und immer passen die Sachen wie angegossen.
Ich nehme an, daß inzwischen eine Reihe von Münchner In-Boutiquen
ganze Kollektionen speziell in meinen Maßen führt.
Meine innere Anpassung ans äußere
Unangepaßtsein vollzog sich im gleichen Zeittakt. Die bisherige Ausgewogenheit
meines Urteils und meine ruhige Selbstbeherrschung machten einer gewissen
Ungeduld meiner Umwelt gegenüber Platz. Wenn mir früher jemand
ein Unrecht antat oder versuchte, mir einen Vorteil abzujagen, pflegte
ich zu sagen: „Man muß sich in seine Lage hineindenken.“ Und der
indianische Leitsatz: „Ich sitze am Ufer und sehe die Leichen meiner Feinde
vorbeitreiben“ ging mir damals glatt über die Lippen.
Heute indes bin ich eher geneigt, einem
Widersacher auf der Stelle zumindest verbal in die Zähne zu hauen.
Dazu fallen wir sogar spontan Formulierungen ein, über die ich früher
tagelang nachgrübeln mußte, ehe ich sie als spontane Einfälle
verkaufen konnte.
Zugleich erhöhte sich die Anzahl
meiner Strafmandate für unorthodoxes Parken. Gewichen ist mein Respekt
vor dem Verhalten mancher Zeitgenossen, die wissen, daß man finanziell
von ihnen abhängt. Seither hänge ich nicht mehr von ihnen ab.
Denn schließlich kann ich auf die verzichten. Ich beiße mich
schon durch.
Was zählt, die die innere Selbständigkeit.
Der Nonkonformist in mir hat lange geschlummert. So hat er zum Beispiel
das Jahr 1968 glatt verschlafen. Mit Mickymaus auf meinem Bademantel ist
er zum Leben erwacht! Auf mein Auto habe ich neulich sogar den Sticker
„Rettet den Wald“ geklebt, und auf einem der Buttons an meinem Trenchcoat
- Marke 1955 - steht: „Lieber Petting als Pershing!“
„Warum laden wir eigentlich niemanden
mehr ein?“ fragte dieser Tage meine Freundin. „Ach weißt du, diese
ganze angepaßte Bande hängt mir zum Hals heraus“, erwiderte
ich. „Und wie die schon angezogen sind!“- „War aber doch eigentlich
immer ganz nett“, sagte sie sinnend. „Wir können uns ja einen neuen
Kreis suchen“, schlug ich vor. „Zum Beispiel in der Friedensbewegung oder
unter den Grünen. Da gibt es wirklich ein paar hochinteressante Leute
nach unserem Geschmack.“
Sie warf mir einen undefinierbaren Blick
zu. Schon einige Zeit fällt mir auf, daß sie keine so rechte
Freude mehr daran hat, mich einzukleiden. Hier und da ein Lederschlips
oder ein Pulli. Eher schon mal ein Kugelschreiber oder ein Stapel
Manuskriptpapier.
Es ist auch noch nicht lange her, daß
sie beim Anblick einer Fernsehsendung von und mit Thomas Gottschalk meinte:
„Der hat sich ja richtig rausgemacht!“ An dem Abend trug Thomas einen Frack...
Die allerneueste Entwicklung zwingt
mich nun, meinen Standpunkt neu zu überdenken: Gestern, als ich nach
Hause kam, war sie dabei, meinen letzten Flanellanzug, den sie vom Boden
geholt hatte, auszubürsten. „Probier doch mal“, sagte sie.
Und ehe ich mich versah, fühlte ich
mich in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt. In
die Zeit davor, als es noch eine Andere gab...
Wenn sich jemand ungalanterweise nach
meiner längst Verflossenen erkundigte, so pflegte ich - nicht minder
ungalant zu antworten: „Sie hat sogar das Klavier mitgenommen.“
Das entsprach zwar der Wahrheit, war aber
nicht weiter tragisch, da seit den unseligen Zeiten meiner Klavierstunde
Klaviere für mich bestenfalls einen materiellen Wert besitzen.
So wollte ich mit jener stehenden Redensart
auch bloß zum Ausdruck bringen, daß besagte Verflossene keine
Mühe und Arbeit gescheut hatte, mir die Bude auszuräumen. Sogar
das Klavier hatte sie mitgenommen. Und das wog vier Zentner...
Das war die Vorgeschichte, die mir bei
Gelegenheiten immer wieder in den Sinn kommt und die ich nicht müde
wurde, bei - wie mir schien
- passenden Gelegenheiten zu erzählen.
Man müßte Klavierspielen
können
„Warum hat sie dir das bloß angetan?“
sagte meine Freundin eines Tages als Auftakt zu einem jener Gespräche,
die bei uns immer bei Vollmond stattfinden und unvermeidlich zu Rotweinflecken
auf dem Fußboden, zu Tränen und anschließender inniger
Versöhnung führen.
Was ich bei Vollmond sage, entzieht sich
in der Regel meiner Kontrolle. Und so ritt mich der Teufel und ich entwarf
das Bild des begabten Jungen, der eigentlich Pianist werden wollte und
dem wunderschönen Instrument aus uraltem Familienbesitz, das jener
begabte Junge bereits perfekt beherrschte, noch ehe er richtig laufen konnte.
Es versteht sich von selbst, daß
jener Junge ich war, und daß ihm eine entmenschte Megäre das
Liebste genommen hatte, was er auf der Welt besaß, nämlich das
Klavier... Bei Vollmond möchte ich möglichst bemitleidet werden.
Das ist nun mal so. Doch was da in den Augen meiner Freundin aufblitzte,
war kein Mitleid. Und als sie sagte: „Wenn du so etwas zuläßt,
dann bist du entweder ein ausgemachter Trottel, denn mir nimmt man so etwas
nicht weg - oder aber...“
Den Trottel stecke ich leicht weg. „Oder
aber...“ ist dagegen schwierig. Sie meint damit nämlich, daß
mich noch immer ein Band inniger Sympathie mit der Verflossenen verbindet.
Ein überlassenes Lieblings-Klavier ist für sie das beste Indiz.
Außerdem ist sie dann längst so wütend, wenn sie „oder
aber...” sagt, daß kein Argument etwas fruchtet.
Das läuft dann ab wie bei einem Computer-Programm:
Erst fliegt der Rotwein in meine Richtung, dann folgt das Glas - falls
es nicht gerade eines unserer wertvollen Kristallgläser ist - und
dann müssen wir uns wieder versöhnen. Wir können uns noch
so oft vornehmen, bei Vollmond Weißwein aus Plastikbechern zu trinken
- wir schaffen es nicht.
Nach jener denkwürdigen Vollmondnacht
beschenkte mich meine Freundin laufend mit Schallplatten aller Art, die
eines gemeinsam hatten: Immer waren es Aufnahmen von berühmten Interpreten,
die noch berühmtere Klassiker auf dem Klavier vorführten.
Sie wollte mir damit eine Freude machen,
und da ich es nicht übers Herz brachte, ihr die Freude zu verderben,
die sie mir machen wollte, zeigte ich mich hingerissen, obwohl mich jede
Art von Klavierspiel unweigerlich an meinen Klavierlehrer erinnert. Und
der sprach nicht nur breitestes Sächsisch - er war auch noch Rohköstler.
Seine Lieblings-Rohkost war Knoblauch.
Sie hingegen lauschte innig den Bemühungen
großer Meister um Chopin, Beethoven und Tschaikowski, um nur die
Hauptschuldigen zu nennen. Gerade mit diesen dreien war ich in früher
Jugend traktiert worden.
„Schade, daß wir kein Klavier haben“,
sagte meine Freundin, dann könntest du mir all diese schönen
Sachen selber vorspielen.“ „Ach, erinnere mich bloß nicht -“ sagte
ich, und ich meinte es ehrlich. Doch sie muß in diesen meinen Satz
so viel Wehmut hineininterpretiert haben, daß es ihr die gute Seele
zerriß.
Jedenfalls stand an meinem nächsten
Geburtstag, als ich nach Hause kam, im Schein von festlichen Kerzen an
der Stelle, an der sich sonst meine Hausbar befand...Sie haben es erraten!
Sie weinte vor Glück, als sie mein
fassungsloses Gesicht sah. „Das muß doch ein Vermögen gekostet
haben“, brachte ich schließlich hervor. „Es geht“, meinte sie leichthin.
„Ich habe es günstig bekommen. Außerdem kann ich es in Raten
abzahlen.“ Immerhin, auf solche Geschäfte versteht sie sich.
Hätte jemals die Chance bestanden,
ihr die Wahrheit über mein Verhältnis zu Klavieren und Klaviermusik
zu gestehen, jetzt war es dafür entschieden zu spät. Soviel war
mir klar. Und das mir, wo ich nicht verstehen konnte, warum sich die Leute
bei entsprechenden Szenen in amerikanischen Komödien schlapp lachen.
Ich finde so was überhaupt nicht komisch.
Normalerweise würde ich sagen: Nun
gut, die Situation ist da, laß uns in den sauren Apfel beißen...
Aber ich wußte ja nicht einmal, wie ich das anstellen sollte. Mehr
als den Kaiserwalzer oder bestenfalls „Für Elise“ mit schwerer Hand
vorgetragen, hatte ich nie geschafft. Und dabei wurde von mir meisterliches
erwartet. Ich konnte sie weder verletzen noch enttäuschen, soviel
war mir klar.
An jenem Geburtstag konnte ich noch Verwirrung
vorschützen und mogelte mich so um die fällige Einweihung des
guten Stücks herum. Außerdem fiel mir gerade noch rechtzeitig
ein, daß man zum Vortrag Noten benötigt. Und die gab es zum
Glück nicht.
Die Lage wurde auch nicht besser, als
sie am nächsten Tag einen Wäschekorb voller Noten aus dem Auto
hievte. „Habe ich günstig bei einer Nachlaßversteigerung erstanden“,
sagte sie triumphierend. So etwas tut sie für ihr Leben gern. Ich
gönne es ihr.
In diesem Fall war ich jedoch einem hysterischen
Ausbruch nahe. „Wie gut, daß du daran gedacht hast“, brachte ich
mühsam hervor, als mein Blick auf einen Titel mit der Aufschrift „Klavierschule
für Anfänger“ stieß, den sie in der Versteigerungsmasse
miterworben hatte.
Da kam mir die rettende Idee. „Weißt
du was, ich werde es dir beibringen“, sagte ich. „Was beibringen?“ „Na,
das Klavierspielen.“ Und maliziös setzte ich hinzu - „wer weiß,
vielleicht können wir dann eines Tages vierhändig spielen.“ Das
gab den Ausschlag - und obwohl ich damals vermutete, daß sie vom
aktiven Klavierspiel ebensoviel hält wie ich, stimmte sie freudig
zu. „Und solange werde ich natürlich selbst nicht spielen, um dich
nicht zu entmutigen...“ Innerlich klopfte ich mir selbst auf die Schulter
für diesen Einfall.
Immerhin kann ich aus meiner unseligen
Klavierschul-Zeit her noch Noten lesen. Und so schaffte ich es, nach schweißtreibendem
und notgedrungen heimlichem Selbststudium immer einen Schritt weiter zu
sein als sie. Und mehr braucht ja ein Lehrer nicht zu können.
Es sei denn, der Schüler sei begabt.
Leider ist sie begabt. Und fleißig. Sie übt mit der Hingabe
eines angehenden Virtuosen. Und wenn ich jetzt häufiger spät
nach Hause komme, so liegt das daran, daß ich im Hinterzimmer einer
aufgelassenen Kegelbahn auf der Ruine eines alten Klaviers heimlich Fingerübungen
mache. Meine Lage ist verzweifelt. Eines Tages wird sie mich auffordern,
mit ihr das versprochene Vierhändige einzuüben. Ich hole inzwischen
alles nach, was ich als Knabe versäumte. Üben, üben, üben,
üben! „Das ist der einzige Weg zum Erfolg,“ pflegte mein längst
verewigter Klavierlehrer zu sagen. Wie recht er doch hatte. Manchmal denke
ich, daß er sich aus dem Jenseits für meine Faulheit rächt.
Immerhin: „Für Elise“ kann ich inzwischen
schon recht flüssig. Viel besser als damals. Und wenn dann der Tag
kommt, an dem es ans Eingemachte geht - nun vielleicht habe ich dann bei
meiner Freundin den Meisterbonus. Es bleibt mir auch nicht viel mehr übrig,
als das zu hoffen...
Zum Glück ist inzwischen der Lenz
eingetroffen, die langen Abende werden kürzer und es gibt erfreuliche
Ablenkungen durch die erwachende Natur, denn in unserem Viertel
gibt es bis auf den heutigen Tag den ungeheuren Luxus des Hausgartens.
Und im Gegensatz zu heute, wo jeder zeigen muss, was er hat, liegen die
Gärten von einst, versteckt vor den Blicken der Passanten, hinter
dem Haus.
“Machen Sie sich keine Mühe mit dem
Garten“, sagte der Hausbesitzer, nachdem wir den Mietvertrag für
das Haus in dem einstmals feinen Viertel unterschrieben hatten. „Da wächst
doch nichts. Die Vormieter haben alles verunkrauten lassen.“
Meine Freundin und ich schauten uns an
und zuckten mit den Schultern. Gartenarbeit liegt uns sowieso nicht. Schließlich
sind wir Kinder der Großstadt. Aber wir hatten nicht mit dem Frühjahr
gerechnet und nicht mit den ungeahnten Kräften, die der Frühling
in uns weckte und nicht mit der Eigendynamik des Gartens.
Rosen, Tulpen und Narzissen
Sobald die ersten Strahlen der Frühlingssonne
lockten, meinte meine Freundin: „Wenn wir schon den Garten haben, könnten
wir uns wenigstens ein paar Liegestühle anschaffen. Dann sparen wir
das Geld für das Sonnenstudio.
Und weil wir uns sowieso ein paar Sachen
anschaffen mußten, brachten wir von unserer nächsten Fahrt in
die Stadt das Notwendigste für den Garten mit. Das heißt, eigentlich
waren es ja drei Fahrten, denn wir mussten einsehen, daß unser Wagen
die beiden Liegestühle, den Gartentisch, und die sechs Stühle
nicht auf einmal faßte.
Nicht zusammen mit den übrigen Dingen
wie den Schilfmatten als Sichtblende.
Mit dem Fortschritt des Frühjahrs
stellte sich heraus, daß unter dem prächtig gedeihenden Unkraut
einige Rosensträucher vor sich hinkümmerten. Meine Freundin kann
keine Kreatur leiden sehen, nicht einmal einen mickrigen Rosenstrauch.
Und so beschloß sie: „Weißt du, so ein wenig Bewegung an der
frischen Luft könnte uns gar nichts schaden.“ Dabei kopfte sie mir
mit jovial-mitfühlender Geste auf meinen Embonpoint, den sie bei dieser
Gelegenheit respektlos als „Wampe“ bezeichnete.
„Kommt überhaupt nicht in Frage,“
sagte ich, als sich herausstellte, daß sie unter „Bewegung an der
frischen Luft“ Unkrautjäten verstand. Deshalb brachten wir von unserer
nächsten Fahrt in die Stadt auch nur einen kleinen Handspaten, eine
Harke, eine Grabgabel, eine Hacke und einen Gegenstand mit, der uns als
„Vertikulierer“ verkauft wurde. „Unbedingt notwendig zur Bodenbelüftung
im Rasen“, sagte der Verkäufer und stellte es neben den Eimer mit
Unkrautvernichtungsmittel und das Spritzaggregat mit Schultergurt.
Zum Glück hatte gerade ein verlängertes
Wochenende begonnen, und so konnte ich statt der längst fälligen
Steuererklärung, die ich mir vorgenommen hatte, einige dringende Handgriffe
im Garten erledigen.
Meine Freundin hatte sich inzwischen -
oben ohne, denn es waren warme Tage, und die Sichtblenden waren ja auch
in weiser Voraussicht angeschafft worden - auf einen der beiden Liegestühle
zurückgezogen und studierte Berge von Gartenliteratur, die sie in
einem unbewachten Augenblick in der Bücherecke des Gartenbedarfsgeschäftes
erstanden haben mußte. Wir sind, wie gesagt, Kinder der Großstadt
und Gartenarbeit nicht gewohnt. Während mir meine Freundin abends
liebevoll die schmerzenden Rückenmuskeln mit Rheumasalbe einrieb,
lief im dritten Fernsehprogramm ein Film an mit dem Titel „Das feuchte
Biotop.“ Dieser Film erwies sich als die Komplett-Anleitung zur Anlage
eines Gartenteichs mit Fröschen, Seerosen, Goldfischen und einer Sumpfzone.
Meine Freundin hörte auf mit Einreiben und schaute mit leuchtenden
Augen zu. Ich sagte fest: „Nein!“ und schaltete ab. Sie ging weinend ins
Bett.
Ich hatte nie zuvor von der Existenz von
Teichfolie gehört, und daß man sie zur Anlage eines Feuchtbiotops
dringend benötigt. Jetzt wußte ich es. Aber ich konnte keine
erwerben.
Sämtliche einschlägigen Läden,
die ich gleich am frühen Montag abklapperte, waren ausverkauft. „Da
muß irgend ein Film im Fernsehen gelaufen sein“, war die übereinstimmende
Auskunft der Folien-Verkäufer.“
„Das macht nichts,“ sagte meine Feundin,
die angesichts meiner reuevollen Aktivitäten wieder mit mir sprach.
„Erst muß man nämlich die Grube ausheben“, fügte sie sachverständig
hinzu, denn sie besaß längst das einschlägige Buch.
Diesmal wurde es preiswert, denn zur Anlage
einer Teichmulde benötigt man lediglich eine Spitzhacke, eine Schaufel
und eine Schubkarre, heutzutage bereits auf vollpneumatischen Reifen. Kein
Vergleich zu der Schinderei früherer Jahre. Jedenfalls gaben wir weniger
als zweihundert Mark aus.
Das heißt, für die Teichfolie,
die wir dann doch noch mitbrachten, weil uns ein netter Verkäufer
heimlich die Adresse des Zentrallagers in der Nachbarstadt verriet,
wurden dann doch noch einmal zweihundert Mark fällig. Aber wozu haben
wir schließlich eine Urlaubskasse, die man ja wieder auffüllen
kann...
„Du siehst schlecht aus“, sagte mein Agent.
„Ich glaube, das faule Landleben bekommt dir nicht. Ich habe dir gleich
gesagt, daß es ein Fehler ist, die Großstadt zu verlassen.
Schließlich brauchst du Umtrieb, Action und ständig etwas zu
tun, sonst schlaffst du ab...“
Der hatte gut reden. „Hast du jemals einen
Teich angelegt?“ fragte ich ihn deshalb. „Ob ich w a s habe?“
gab er entgeistert zurück. Ich winkte ab. Er hatte ja recht. Kopfschüttelnd
blickte er mir nach, als ich ging, und ich vermute, daß er immer
noch mit dem Kopf schüttelte, als er mich von seinem Fenster aus abfahren
sah.
Ich mußte nämlich mit offenem
Verdeck fahren, trotz des Regens. Das war wegen der fünf Rosen-Hochstämmchen
und der Stützpfähle auf den Nebensitz.
Der Fortschritt meiner Erdarbeiten erfüllte
mich mit tiefer Befriedigung. Täglich kam ich um einige Zentimeter
tiefer. Es war eine harte, aber notwendige Arbeit. Schließlich galt
es, die schweren Schottersteine zu lockern, auszugraben und abzutransportieren.
Niemand hatte ja ahnen können, daß unser Haus in einem trockenen
Flußbett stand. Aber die runden, kopfgroßen Steine machten
sich schön als Einfassung für die Dahlienbeete.
Den restlichen Aushub konnte man gut gebrauchen
als Untergrund für die Pergola.
Die Rankengewächse, die sie künftig
beklettern würden, hatte meine Freundin vorsorglich bereits erworben.
Sie besiedelten mehrere Plastik-Container und mußten täglich
begossen werden, damit sie die Zeit bis zur Pflanzung überlebten.
Meine Freundin hatte überhaupt einen
neuen Zug entwickelt, den ich an ihr bislang noch nicht kannte: sie war
dazu übergegangen, Vorräte anzulegen. Kaum hatte sie eine Pflanze
in einem ihrer Bücher entdeckt, die farblich zu den übrigen paßte,
gab sie nicht eher Ruhe, bis das neue Pflanzenkind eingekauft und in der
Pflanzenkinderstube in unserer Garage eingemummelt war.
Unser Wagen parkte längst auf der
Straße.
Weiß und blau würde dieser
Sommer werden. Weiß die Rosen, der Jasmin, die Gladiolen und die
Dahlien. Blau der Rittersporn, der Eisenhut, die Hortensien und die Wasseriris.
Der einzige Stilbruch waren die Goldfische,
auf denen ich bestand. Ihre rote Farbe würde das Bild stören.
Am liebsten hätte sie die schönen
blauen Diskus-Fische aus der Zoohandlung mitgenommen. Aber der Händler
beschwor sie, daß diese besonders schönen und wertvollen Fische
ins warme Wasser und keinesfalls in den Gartenteich gehören. „Nein,
sie gewöhnen sich auch nicht - sie sterben!“, sagte er abschließend
auf ihre entsprechende Frage.
Auf der ganzen Heimfahrt war sie einsilbig.
Ihr taten die Fische leid, die sie beinahe umgebracht hätte. „Gut,
daß der Mann uns aufgeklärt hat“, meinte sie und schneuzte sich.
Aber sie freundete sich dann doch mit den beiden dicken Goldfischen an,
nannte sie „Bello“ und „Bella“ und hoffte, daß sie viele Kinder bekommen
würden.
Daß man das Geschlecht von Goldfischen
nicht bestimmen kann, nahm sie nicht zur Kenntnis. Die Farbe der Fische
brachte sie im übrigen auf die Idee, der Teichufer-Bepflanzung noch
ein paar rubinrote Azaleen hinzuzufügen.
Es macht fast gar nichts aus, daß
unsere Urlaubskasse inzwischen ganz erschöpft ist. So ein Garten ist
nun mal ein teures Hobby. Aber wenn erst einmal die vielen Pflanzen
angewachsen sind, wird unser grünes Zimmer ein wahres Paradies sein.
Bis dahin können wir ohnehin nicht
in Urlaub fahren. Jemand muß den Rasen sprengen, das Unkraut jäten,
die jungen Pflanzen beobachten, die zwölf Goldfische, die sieben Molche,
die zwanzig Stichlinge und die Igelfamilie füttern.
Wir bleiben zu Hause. Nur eines bekümmert
uns. Wir haben festgestellt, daß wir doch ein wenig mehr eingekauft
haben, als unser Garten faßt. Die Angebote waren halt zu verführerisch.
Von den vielen Sonderangeboten ganz zu schweigen. Wenn Sie also noch Bedarf
haben, an sorgfältig vorgetriebenen Gartenpflanzen in größerer
Menge - bitte wenden Sie sich an uns.
Sie müssen nur versprechen, sie gut
zu behandeln. Darauf besteht meine Freundin. Sie will ihre Kinder nur in
gute Hände abgeben!
*
Von der großen Erneuerungskraft
des Frühlings profitierte indes nicht nur der biologische Teil unseres
Gartens - Haus und Terrasse bekamen auch ihr Teil ab. Die Erneuerung erfasste
sozusagen alle jene Bereiche, die sich durch Veränderung verschönen
lassen. Und welche Bereiche das sind, das kündet eben der Frühling
meiner Freundin. Und zwar regelmäßig in jedem Jahr:
Immer wenn es Lenz wird, fällt meiner
Freundin auf, daß es an der Zeit ist, neue Einrichtungsgegenstände
anzuschaffen. Und immer hat sie dafür, wie es ihre Art ist, praktische
und handfeste Gründe anzuführen.
Um ihr Ziel, nämlich eine Fahrt zu
einem Selbstbedienungs-Möbelhaus weit draußen auf der grünen
Wiese vor der Stadt zu erreichen, schreckt sie aber auch vor Intrigen und
geistigen Rösselsprüngen nicht zurück. Das geht zum Beispiel
so: „ Ich glaube, es ist an der Zeit, daß unsre armen Topfpflanzen
ins Freie kommen, damit sie auch etwas von der Sonne haben.”
Schwedisch für Anfänger
Kaum habe ich die zahllosen Töpfe
mit den armen Pflanzen von ihrem Platz geräumt, mühsam ins Freie
getragen und auf der Terrasse arrangiert, meint sie : „Schau mal,
wie hässlich und leer die Stelle an der Wand aussieht, wo vorher die
Pflanzen standen... Da müßte eigentlich ein Regal hin!“
Die Bemerkung „Warum sagst du nicht gleich,
daß du ein neues Regal willst, statt mich Töpfe schleppen zu
lassen?“ wäre vollkommen überflüssig. Sie wollte ja
a u c h, daß die Pflanzen etwas von der Frühlingssonne haben.
Also werden die Dachträger des Autos entrostet, geölt, aufmontiert
und dann doch in den Grobmüll geworfen.
„Siehst du, wie gut, daß mir das
mit dem Regal eingefallen ist, sonst hättest du nie bemerkt, daß
du neue Dachträger brauchst. Die können wir ja bei dieser Gelegenheit
gleich mitbesorgen“, sagt sie dann etwa und meint es versöhnlich.
Daß ich gar keine Dachträger
brauche, sondern sie - und zwar ausschließlich zum Transport neuer
Einrichtungsgegenstände, entgeht dabei entweder ihrer Logik, oder
sie glaubt, daß ich es nicht bemerke.
Auf diese Weise können wir
dann auch gleich die neue Schubkarre (die alte hatte unter der Last der
Wackersteine aus dem Teich den Geist aufgegeben), und einen weiteren Satz
Liegestühle (“falls mal Gäste kommen”) und den beim letzten Mal
vergessenen Gartengrill mit motorgetriebenem Bratspiess unterbringen.
Am meisten freue ich mich auf den Zusammenbau
der neuen Dinge. Am einfachsten geht noch die Selbstbau-Schubkarre. Die
besteht aus einem Bausatz von Rohren, Schrauben, Zwischenscheiben, einem
- nicht aufgepumpten - Laufrad und einer Aluminiumschale. Die Probleme
des Gebrauchs-anweisungs-Lesens entfallen, da die Gebrauchs-anweisung in
chinesisch, finnisch und arabisch gehalten ist und daher von mir ohne weiteres
weggeworfen wird.
„Alle technischen Dinge haben etwas mit
Logik zu tun“, zitiert michmeine Freundin, die mir freudig erregt zuschaut,
wenn ich die verlorenen Unterlagscheiben unter Grasbüscheln suche.
„Ja, aber in diesem Fall mit ostasiatischer Logik, denn der Bausatz stammt
aus Malaysia, fällt mir dazu ein, wenn ich feststelle, daß die
Radgabel mittels einer Zwinge aufgespreizt werden muß, und
daß man den Reifen erst aufpumpen darf, nachdem das Rad montiert
ist.
Die werden bei der Tankstelle staunen,
wenn ich nachher noch einmal zum Aufpumpen komme. Diesmal mit einer Schubkarre
mit plattem Reifen! Richtig spannend wird es dagegen erst bei der Montage
beispielsweise des Regals, das in Polen hergestellt wurde und
deshalb eine schwedische Gebrauchsanweisung hat.
Schwedisch ist eine germanische Sprache,
und ich weiß zum Beispiel, daß ‘Tak somygge’ ‘dankeschön’
heißt. Ich gebe nicht zu, daß damit meine Schwedischkenntnisse
im wesentlichen erschöpft sind und schaue verbissen auf die Zeichnungen
neben dem Text. Es ist sehr gut, daß die Schweden Zahlen ebenfalls
von eins bis hundert durchnumerieren, so kommt eine gewisse Reihenfolge
in die Sache.
Man muß nämlich erst die Brettchen
von eins bis siebenundzwanzig sortieren, sodann die beigepackten Schrauben
numerieren und dazulegen. Dann müssen die Holzdübel in die zugehörigen
Löcher geklebt werden mit Hilfe des ebenfalls beigepackten Holzleims.
Leider muß es sich jedoch bei den
Löchern von achtundzwanzig bis zur laufenden Nummer vierundvierzig
um etwas anderes gehandelt haben, denn die Sache sieht eher aus wie ein
Wanderwegweiser im Hochgebirge, wenn man die festverleimten Dübel
in die angeblich zugehörigen Löcher des anderen Werkstücks
steckt, als das Grundgerüst eines Regals.
Und Holzleim können sie machen in
Polen. Der hält bombenfest! Die Löcher sind jedoch bald
mit Hilfe meiner Bohrmaschine wieder ausgebohrt.
Und wer braucht schon Holzdübel -
es gibt ja noch genug Schrauben. Meine Freundin hat inzwischen festgestellt,
daß ich mich umsonst aufgeregt habe, „Ich habe vorhin beim Auspacken
die Gebrauchsanleitungen verwechselt“, gesteht sie. „Die hier gehört
zum Grill.“ Kein Wunder. Wo aber ist die Anleitung für das Regal?
„Damit hast du doch vorhin den Rasenmäher montiert.“
Jetzt wird die Sache langsam klarer. Brauche
ich nur noch die Anleitung für den Rasenmäher zu finden, wenn
ich das Regal zu Ende bauen will. Sie hat eben recht: Technische Dinge
haben immer etwas mit Logik zu tun.
Jetzt erst merke ich, daß es verkehrt
war, die Brettchen zurechtzusägen, um sie so der Abbildung in der
Anleitung ähnlicher zu machen. Aber schließlich habe ich ja
noch etwas von dem Polen-Kleister.
Klebt man die abgesägten Stücke
eben wieder an. Später kann man ja die Klebefugen überlackieren.
Verkehrt war es auch, die Hartfaserplatte,
die nirgends dazuzugehören schien, zusammen mit dem Verpackungsmaterial
wegzuwerfen. Es war, wie sich zeigte, nämlich die Rückseite des
Regals und nicht die Transportsicherung. Zu retten ist da nichts mehr,
denn ich hatte ja die Platte zerkleinert, um sie in den Mülleimer
stecken zu können. Und ohne Rückseite würde das Regal, wie
sich zeigt, nicht halten.
Endlich zusammengebaut, neigt es sich
bedenklich zur Seite, weil von hinten die Stabilität fehlt.
„ Du solltest es vielleicht an der Wand
befestigen.“ Wenn meine Freundin die Logik packt, ist sie nicht zu bremsen.
Sie hat recht. Und dazu braucht man gar nicht so zu tun, als ob man schwedisch
lesen kann.
Bald ist das Regal mittels eingedübelter
Wandhaken und einer Rolle Draht bombenfest an der Wand verankert. Man müßte
schon das Haus abreißen, um da das Regal wieder wegzukriegen.
Und da fällt es mir ein: „Und was
machen wir, wenn wir die Pflanzen im Winter wieder reinholen
müssen? Wohin damit?“
Und man soll es nicht für möglich
halten: Sie hat auch jetzt eine Lösung parat: „Ich habe heute im Möbelhaus
eine entzückende freistehende Pflanzenwand als Raumteiler gesehen.”
Gleich morgen werde ich mir den Bausatz
besorgen. Besser übermorgen, denn für morgen droht Wolfgangs
Besuch.
Mindestens einmal im Jahr sucht er uns
mit schöner Regelmäßigkeit heim, und er bringt regelmäßig
eine Kiste voll wirklich gutgemeinter Ratschläge mit...
Das Parfum
Mein Freund Wolfgang, ein alter Haudegen
und Schwadronneur, ist nämlich der Auffassung, daß essen
und trinken zu den drei schönsten Dingen der Welt gehören. Sein
Eifer, mich davon zu überzeugen, mich noch intensiver
mit dem Ding Nummer drei zu beschäftigen, ist missionarisch zu nennen.
Vergebens sind meine zaghaften Hinweise,
daß noch niemand in meiner unmittelbaren Umgebung sich beschwert
hat. Kalt läßt es ihn auch, wenn ich behaupte, daß ich
für meinen Geschmack und meine Bedürfnisse voll ausgelastet bin.
So läßt er sich´s nicht
nehmen, mir von jeder seiner zahlreichen Reisen etwas Sinniges mitzubringen.
Mal ist es ein ausgefallenes Aphrodisiakum, mal ein Stärkungsmittel
mit Garantie-Erfolg, und einmal war es gar eine technische Vorrichtung
- unauffällig anzubringen und zu tragen - zur Verlängerung des
Durchhaltevermögens, made in Japan.
„Er meint es eben gut mit dir“, sagt meine
Freundin dazu, die jedesmal vor zurückgehaltenem Lachen beinahe platzt,
wenn er mir mit Verschwörermiene und betont beiläufig einen Umschlag
überreicht. Neulich bestand er darauf, mich unter vier Augen zu treffen,
als er aus Amerika zurückkam. Kein Wunder, denn was er mir diesmal
zugedacht hatte, war zu groß für einen seiner unauffälligen
Umschläge.
Er lächelte wie ein Kater, der die
Sahne geklaut hat, als er mir das blaue Päckchen über den Tisch
unserer Stammkneipe schob. „Andron by Jovan“ stand darauf. Unterzeile:
„The Pheromone-Based Cologne for Man.“
„Na?...“ sagte er erwartungsvoll.
„Nu...“ sagte ich verständnislos. „Pheromone, Junge, Pheromone! Die
größte Entdeckung seit Galilei. „Also, Pheromone, das ist, wenn
Frauen unwiderstehlich von einem Duft angelockt werden, den sie bewußt
gar nicht wahrnehmen,“ versuchte er, mir zu erklären. „Aha“, so ist
das! sagte ich verständnislos. „Rein sexuell - sozusagen unterbewußt“,
setzte er erläuternd hinzu. Noch einmal „Aha“.
„Bei Tieren weiß man schon lange,
daß es sowas gibt“, dozierte er. „Gewisse hormon-ähnliche Duftstoffe,
eben die Pheromone, werden unterhalb der Wahrnehmungsschwelle empfangen
und wirken direkt aufs Sexual-Zentrum. „ Das macht die dann unheimlich
geil.“ „Wen - die Frauen?“ „Nein, Schweine zum Beispiel!“
Er ließ sich nicht erschüttern.
„Man nennt das in der Schweinezucht „Ebersprung“ und setzt es ein,
um müde Eber wieder munter zu machen. Und lahme Sauen empfängnisbereit!“
„Ich bin aber weder ein müder Eber
- noch treib ich´s mit lahmen Sauen“, versuchte ich zaghaft einzuwenden.
Es half nichts: Ich mußte die „größte Entdeckung seit
Galilei“ ausprobieren. „mir zuliebe“, bettelte er. “Betrachte es als wissenschaftlichen
Versuch”. Heute weiß ich übrigens, warum er all diese fabelhaften
Dinge nicht selbst verwendete. Aber das wäre ein Kapitel für
sich.
Ich schnupperte an der futuristisch aufgemachten
Flasche. „Von wegen, unterhalb der Wahr-nehmungsschwelle“, fiel mir auf.
„Das Zeug duftet wie ein babylonischer Männer-Puff. Nie und nimmer
kommt das an meinen Luxus-Körper.“ Mein letzter Versuch. „Das sind
doch die Begleit-Fragrancen. Die arbeiten noch dran.“ Nun war ich restlos
überzeugt.
Er besprühte mich persönlich,
ehe ich fliehen konnte. Irgendwie war meine Neugier geweckt. Ich vertraute
meinen so präparierten Körper den öffentlichen Verkehrsmitteln
an:
Feldstudie 1 - In der U-Bahn bot mir dann
gleich eine ältere Dame ihren Platz an, als ich neben ihr stand. „Ich
muß sowieso gleich aussteigen!“ behauptete sie. Nie zuvor war mir
aufgefallen, wie intensiv Frauen miteinander tuscheln. Kaum wurden sie
meiner ansichtig, - schon steckten sie die Köpfe zusammen. Sollte
das Zeug sogar auf größere Entfernung wirken - unterhalb der
Wahr-nehmungsschwelle? Ich rückte auf.
„Was starren Sie mich denn so an? Wollen
Sie vielleicht ein Paßfoto?“ riß mich eine weibliche Stimme
aus meinen Betrachtungen. Eine der Damen hatte reagiert! „Ist das bei Frauen
die pheromon-bedingte Art, Interesse zu signalisieren?“ fragte ich mich
und rückte noch mehr auf.
„Unverschämter Kerl! Man sollte die
Polizei rufen“, sagte eine zweite Stimme.
Allmählich wurden die übrigen
Fahrgäste aufmerksam. Zu meinem Entsetzen bemerkte ich: es waren alles
Frauen! Und alle starrten mich an!
Es gelang mir mit knapper Not, mich dem
beginnenden Tumult durch Flucht zu entziehen. „Donnerwetter, ein Teufelszeug“,
murmelte ich im Laufen vor mich hin.
Feldstudie 2 - eine Gemäldegalerie.
Ich stellte mich dicht hinter eine junge Dame, die in die Betrachtung einer
Turner-Landschaft versunken war, ließ sie teilhaben an meiner Pheromon-Ausstrahlung,
ohne daß sie es bewußt wahrnahm.
Allmählich wurde sie unruhig, drehte
sich schließlich um und musterte mich von oben bis unten. Vielleicht
war ich doch ein wenig zu nahe herangetreten? Der unterschwellige Duft
mußte sie verwirrt haben. „Merken Sie etwas?“ stammelte ich daher
- quasi entschuldigend. „S o l l t e ich etwas merken?“ fragte sie
und mir schien, als ob etwas seltsam Verhaltenes in ihrer Stimme mitschwinge.
Ich mußte ihr´s erklären. „Na -, der Duft, der von mir
ausgeht...“ „Ferkel“, sagte sie sehr laut und ging weg.
Wieder wandten sich mir Köpfe zu.
Alles Frauen. Außer dem Museumswächter, und der schlenderte
jetzt mit wiegenden Schritten auf mich zu. Da ging auch ich.
In der Fußgängerzone schließlich
ließ ich selbst die Dinge auf mich zukommen. Aus einer Gruppe von
jungen Leuten löste sich ein junges Mädchen, trat mit herausforderndem
Lächeln auf mich zu und sprach mich an: „Na, Opa - schenkste
mir ´ne Mark für die U-Bahn?“ Das war wohl nichts.
Aber dann, -wenige Minuten später
- ich saß am Rand eines Brunnens - vernahm ich neben mir ein süßes
Stimmchen: „Ich liebe dich.“ Tatsächlich, ich hatte mich nicht verhört
- und ich war gemeint. Zugegeben, die Besitzerin der Stimme entsprach nicht
ganz meinem Ideal von Schönheit und Pflegezustand, aber als wertfreies
Ergebnis des Pheromone-Tests geradezu überwältigend. Etwa: Unscheinbares
Mädchen läßt unter der unwiderstehlichen Wirkung von Pheromonen
alle Hemmungen fallen, wächst über sich hinaus und macht einem
wildfremden Mann eine Liebeserklärung! Toll.
Und so faßte ich nach: „ Und warum
liebst du ausgerechnet mich?“ - „Weil Gott dich liebt“, kam die Antwort.
Und schon hatte ich ein Pamphlet der Kinder Gottes gekauft. Nur zehn Mark.
Nachdenklich machte ich mich auf den Heimweg.
Etwas ungewohnt fiel dann zu Hause die
Begrüßung aus. Meine Freundin hatte - am hellichten Tag- ein
Negligée angelegt. Schwarze Spitze. Auf dem Tisch brannten schwarze
Kerzen, Räucher-Stäbchen verbreiteten einen betäubenden
Duft, eine Flasche Champagner kühlte im Kübel.
Ohne viel Federlesens zog sie mich auf
die Couch. Mitten am Tag. Sollten Pheromone Fernwirkung haben??
Später meinte sie dann: „Ist dir
an mir nichts aufgefallen, als du heimkamst?“ - „Doch, ich fand dich
- äh-umwerfend. Richtig unwiderstehlich!“ „Es hat also geklappt!“
Sie freute sich wie ein Kind. Und dann zeigte sie mir ein rotes
Päckchen. Darauf stand: „Andron by Jovan“ - The Pheromone-Based Cologne
for Women“. „Hat mir Wolfgang zu Testzwecken aus Amerika mitgebracht“ hauchte
sie.
***
“Wie macht ihr das bloß?“ fragen
unsere Freunde, „wie macht ihr das bloß, eine so harmonische Beziehung
zu haben?“ Wenn unsere Freunde so etwas fragen, dann freuen wir uns, daß
unsere Freunde eine so gute Meinung von uns haben. Meine Freundin und ich
leben an 24 Stunden des Tages zusammen, denn wir haben ein gemeinsames
Haus und seit einiger Zeit sogar einen gemeinsamen Arbeitsplatz in diesem
Haus. Unsere Freunde leben natürlich nicht 24 Stunden des Tages mit
uns zusammen und wissen daher nicht, daß wir uns nicht immer nur
streicheln und liebkosen.
wenn der Herzkönig mit der Herzdame
oder:
Glück über den kurzen Umweg
Vor kurzem ergab es sich, daß wir
nicht ganze vierundzwanzig Stunden zusammen waren. Ich hatte einen Auswärtstermin.
Als ich zurückkam, war die Harmonie unseres Zusammenlebens gestört.
„Du betrügst mich“, sagte meine
Freundin, ohne von ihrer Beschäftigung aufzublicken, als sie meine
Schritte hinter sich hörte. „Du betrügst mich, und ich werde
mich scheiden lassen.“ „Aber wir sind doch gar nicht verheiratet“, wandte
ich zaghaft ein.
„Du gibst es also zu“, sagte sie in jenem
geschäftsmäßigen Ton, der das Schlimmste befürchen
läßt, immer noch ohne aufzublicken. „Ich gebe gar nichts zu,
was soll der Unsinn“, erwiderte ich, nun schon etwas verunsichert.
In Gedanken ging ich mein Sündenregister
durch. Es war leer. Wenigstens fast. Keine heimlichen Küsse in schwülen
Sommernächten auf ausgelassenen Parties, kein auch noch so kleiner
Flirt, kaum ein Verstoß gegen das neunte Gebot, oder ist es das zehnte?
„Du sollst dich nicht lassen begehren...“ Nach dieser heimlichen Bilanz
war ich ernstlich beunruhigt, denn nichts ist schlimmer, als fiktive Rivalinnen
meiner Freundin. Solche, die nur in ihrer Vorstellung existieren. Sie sind
nur schwer abzuleugnen, gerade weil es sie gar nicht gibt.
„Hast du deine PMS-Tabletten genommen?“
fragte ich daher. PMS ist die neueste Entdeckung meiner Freundin. PMS steht
für „Prämenstruelles Syndrom“. Populär ausgedrückt,
für die „Tage vor den Tagen“. Meine Freundin hat nämlich herausgefunden,
daß sie an gewissen Tagen des Monats unter PMS leidet. Dann ist sie
- laut Beipackzettel ihrer PMS-Pillen - „ungerecht, streitsüchtig,
aggressiv, irrational und neigt zu unbegründeter Eifersucht“.
Um dieses zu vermeiden, nimmt sie eben
jene Pillen zu sich, die aus dem Öl der Nachtkerzen-Pflanze gewonnen
werden. Das soll helfen. „Hast du deine PMS-Pillen genommen?“ war also
eine berechtigte Frage in diesem Zusammenhang. „Ich brauche keine PMS-Pillen
- lenk nicht ab - ich will die Wahrheit“, entgegnete sie finster.
Erst jetzt wurde ich gewahr, womit sie
sich während meiner Abwesenheit beschäftigt hatte: Mit einem
Büchlein, auf dessen Einband „Merlins Atlas der Kartenlegekunst“ gedruckt
war und wo auf schwarzem Grund Karo König, Herzdame und Kreuzbuben
abgebildet waren.
Außerdem hatte sie eine Art Patience
gelegt. Jedenfalls hatte sie Herzdame, Herzkönig, Pique Sieben und
Herz Neun vor sich gelegt. „Hier bitte“, sagte sie triumphierend. „Hier
ist der Beweis.“ „Aha“, sagte ich. „Ich sehe.“
„Sei nicht schon wieder so abgrundtief
ironisch und selbstgerecht“, fauchte sie mich an. „Ich bin ja weiß
Gott nicht abergläubisch, aber es ist schon komisch, daß ich
ausgerechnet diese Kartenkombination ziehe. Die Autorin stammt schließlich
- genau wie ich - von irischen Vorfahren ab. Und die haben sich schon immer
auf ihr Ahnungsvermögen verlassen können...“
Immer wenn meine Freundin aufgeregt ist,
achtet sie weder auf die Logik ihrer Argumente noch auf die Grammatik.
Ich schaute näher hin und sah nichts als die bereits erwähnten
Karten.
„Hier“, sagte meine Freundin, „hier: Herzdame
und Herzkönig schauen in verschiedene Richtungen. Und in der Deutung
steht ganz klar: ‘Die Köpfe schauen sich nicht an - beide Partner
sind anderen Dingen oder anderen Personen zugeneigt. Untreue!“ „Aha“, sagte
ich triumphierend. „Du betrügst mich also auch. Es heißt doch
ganz eindeutig: Beide Partner. Betonung auf beide.“
„Du hast es schon wieder zugegeben“, flüsterte
sie tonlos. Diesmal mit Tränen in den Augen. Und anklagend zeigte
sie auf die Herz Neun und die Pique Sieben. „Und wenn es noch eines Beweises
bedurft hätte: ‘Herz Neun in Zusammenhang mit Pique Sieben: Gestörte
Ehe oder Partnerschaft, Scheidungspläne!’ Was sagst du nun?“
„Das kann sich nur auf deine Scheidungspläne
beziehen. Du hast sie eingangs bereits erwähnt“, erwiderte ich.
„Erst habe ich der Sache keine Bedeutung
beigemessen“, sagte sie, nun deutlich um Sachlichkeit bemüht. „Aber
als ich, nur so aus Interesse, in dem Buch geblättert und ganz zufällige
Karten aufgedeckt habe, ist mir immer wieder diese Kombination in die Hand
gefallen. Ich war nur erschrocken. Aber deine Reaktion...“ sie kam nicht
weiter, weil sie schlucken mußte.
Jetzt blätterte ich selbst in dem
Werklein. Früher war ich einmal ein gefürchteter Geber beim Pokern.
Aber das war, bevor ich meine Freundin kennenlernte. Sie weiß nichts
von meiner diesbezüglichen Fingerfertigkeit.
„Darf ich auch mal?“ sagte ich, „schließlich
ist es ungerecht, wenn nur du ziehst und ich als der Angeklagte keine Chance
bekomme.“ Sie nickte gnädig. Ich mischte absichtlich ungeschickt.
Und dann sagte ich: „Weißt du was, zieh du aus meiner Hand. Und was
du ziehst, soll gelten.“
Es ist ein alter Falschspielertrick, dem
Ziehenden die Karten zuzuspielen, die er nehmen soll. Infolge-dessen lagen
diesmal die richtigen Karten vor ihr: Herz König und Herz Dame mit
einander zugewandten Gesichtern, Herz Neun und statt der verdammten Pique
Sieben die Herz Acht. Und das bedeutet: Liebe, Treue, Harmonie, und im
Zusammenhang mit der Herz Acht ein froher Urlaub. So kam es, daß
wir an diesem Abend nach dreimaligem Ziehen und Legen fröhliche Reisepläne
schmiedeten. Und wenn einer unserer Freunde meinen sollte, daß soviel
Harmonie gar nicht möglich ist, wenn man 24 Stunden am Tag zusammen
lebt, dann lächle ich in mich hinein. Denn ich weiß ja, daß
man dem Glück manchmal ein wenig nachhelfen muß. Und wenn es
mit einem Taschenspielertrick ist...
Wir nahmen uns an jenem Abend vor, für
ein verlängertes Wochenende mit verkaufsoffenem Samstag nach Hamburg
zu fahren, in jene Stadt, zu der ich ein langjähriges gemischtes Verhältnis
und daher viele Heimvorteile hatte.
Die weiße Tasche
Unsere Reise nach Hamburg haben wir sorgfältig
vorbereitet: Die Zimmerpflanzen waren für eine Woche im voraus gegossen,
denn die Reise sollte immerhin drei Tage dauern, der Igel, der auf Katzenfutter
abonniert ist und sich jeden Abend seine Ration abholt, würde
sich aus den aufgestellten Näpfen selbst versorgen.
Zu diesem Zweck hatten wir sie mit „Freitag“,
„Samstag“ und „Sonntag“ beschriftet und zur Sicherheit noch einen „Montag“
zugegeben.
Alle sieben Koffer waren gepackt, und
die drei Hunde saßen aufgeregt auf dem Rücksitz des Autos, weil
sie für ihr Leben gern verreisen. Es konnte losgehen. Meine Freundin
fragte „haben wir auch nichts vergessen?“, aber das war kurz vor Nürnberg.
Infolgedessen zermarterte ich mir bis Hamburg das Gehirn, was wir denn
nun wirklich vergessen hatten, schließlich stellt sie eine solche
Frage nie rein rhetorisch.
Diesmal war es nur das Rezept für
die Pille. Aber das merkten wir erst nach unserer Rückkehr. Es lag
noch auf der Flurgarderobe.
Auf Hamburg hatten wir uns beide sehr
gefreut. Wie sich herausstellte, aus verschiedenen Gründen. „Ich werde
dir den Hafen zeigen“, sagte ich als Ex-Hamburger. „Gibt es da nicht diese
sagenhaften zollfreien Läden?“ fragte sie darauf. „Nein, das verwechselst
du mit Helgoland.“ „Warum fahren wir eigentlich nicht nach Helgoland?“
Sie war sehr enttäuscht, als ich
ihr erklären mußte, daß wir für einen Ausflug nach
Helgoland keine Zeit hätten.
Um sie für das entgangene zollfreie
Vergnügen zu entschädigen, verzichtete ich auf Hafenrundfahrt
und die Einkehr in den Övelgönner Fischereikneipen. Statt dessen
besichtigten wir ausführlich die Fußgängerzone Hamburgs,
die sich von anderen Fußgängerzonen der Bundesrepublik nur durch
das schlechtere Wetter unterscheidet.
„Morgen vormittag sollten wir das Haus
der Kunst besuchen“, schlug ich vor, als wir die Hunde noch einmal um den
Häuserblock führten, in dem unser Hotel war. „Ja“, stimmte sie
begeistert zu. „Ich habe gehört, von da könne man zu Fuß
in dieses tolle Ladenzentrum beim Gänsemarkt gehen. Schließlich
sind morgen die Läden offen.“
Natürlich fingen wir im Ladenzentrum
an. „Und anschließend gehen wir dann zu deiner Kunst“, sagte sie
gönnerhaft. Es war klar, daß sie die beiden Begriffe Hamburg
und Kunst nicht zusammenbrachte. Ja, wenn wir nach Florenz gefahren wären...
Da ich bereits nach ganz kurzer Zeit stark
nach verschiedenen schweren Parfums duftete, die mir beflissene Drogistinnen
auf den Wunsch meiner Freundin auf Handrücken, Handgelenke und Unterarme
gesprüht hatten - „nur so kann man es ausprobieren“... verzichtete
ich auch auf „meine“ Kunst. Ich hätte dort ja einen alten Bekannten
treffen können.
Dafür fiel mir ein Kompromiss ein:
„In der Gegend rund um die Michaeliskirche gibt es viele Antiquitätenläden.“
Das überzeugte sie. Nachdem sie im ganzen Ladenzentrum kein einziges
Paar weiße Ballerinaschuhe gefunden hatte („Hamburg enttäuscht
mich“), war sie bereit, auf meinen listigen Plan hereinzufallen - die Michaeliskirche
ist nur einen Katzensprung von Hafen und Fischmarkt entfernt.... Aber es
kam ganz anders. Zwischen dem Dammtor und dem „Michel“ liegt ein
wahres Einkaufsparadies. Unter Glaskuppeln, in Galerien und in mehreren
Stockwerken. „Das versöhnt mich nun wieder mit Hamburg“, sagte sie.
Mich erfüllte diese Bemerkung mit
patriotischem Stolz. Kein Wunder, daß wir etwas länger verweilten
als vorgesehen. Zum Glück kann man dort recht gut essen, so daß
wir uns stärken konnten, als der Tag fortschritt und sich erste Anzeichen
von Erschöpfung bei mir und den Hunden einstellten.
„Nein, Jil Sander ist nicht hier in der
Innenstadt“, sagte die freundliche Kellnerin auf eine diesbezügliche
Frage meiner Freundin. „Da müssen Sie schon rausfahren nach Pöseldorf.“
Also fuhren wir nach Pöseldorf.
Ich begann, Hamburg mit neuen Augen zu
sehen, zumal mir meine Freundin unterwegs etwas anvertraute: „Jil Sander
hat übrigens auch eine tolle Herrengarderobe.“ „Was du
nicht sagst - und was macht sie damit?“ fragte ich daher. Der Blick, den
sie mir daraufhin zuwarf, war vernichtend.
Jil Sander entpuppte sich als eine sehr
schicke und sehr teure Mode-Angelegenheit. Die Bemerkung „nicht gerade
preiswert“, hätte ich mir lieber verkneifen sollen. „Wenn Sie sich
das hier nicht leisten können - warum gehen Sie dann nicht zu C &
A?“ sagte eine Kundin spitz, die sich gerade als Dame verkleidete. Und
meine Freundin sekundierte: „Immerhin verdiene ich zum Glück mein
eigenes Geld!“ Das trug ihr anerkennende Blicke ein. Ich bekam einen roten
Kopf. Wie dumm von mir, nicht daran zu denken.
Aber meine Freundin ist zum Glück
nicht nachtragend. Und als ihr Auge auf eine weiße, rechteckige Plastik-Handtasche
fiel, die auf einem Tischchen lag, war sie vollends versöhnt. „Die
ist ja irre! Genau das suche ich!“ jubelte sie. Leider war die Tasche unverkäuflich.
Sie gehörte einer Dame, die ausführlich
schilderte, wo und unter welchen Umständen sie das weiße Plastikdings
erworben hatte. „Sie ist übrigens von Valentino“, fügte die Dame
hinzu. „Siehst du!“ rief meine Freundin triumphierend. Was wohl bedeuten
sollte: „Habe ich nicht einen guten Geschmack!“
Das Bier in der Pöseldorfer Milchstraße
fiel aus, denn wir mußten nun dringend nach Eppendorf. Von dort stammte
nämlich die Handtasche. „Leider“, bedauerte die Verkäuferin,
als wir das Geschäft endlich gefunden hatten, “leider haben wir eben
das letzte Stück verkauft. Aber wenn Sie nächste Woche noch einmal
vorbeischauen wollen. Wir haben nachbestellt, denn diese Taschen sind im
Augenblick sehr gefragt.“
Sie hatte auch eine und mochte sich auch
dann nicht von ihr trennen, als wir ihr erklärten, daß wir schon
morgen nach München zurück müßten.
Die Suche nach der weißen Tasche
gestaltete sich etwas schwierig, denn erstens galt es, die infrage kommenden
Läden noch vor Geschäftsschluß zu erreichen und zweitens
setzt in Hamburg kurz vor fünf die rushhour ein.
Zurück in der Innenstadt fanden wir
kurz nach sechs einen Parkplatz und schafften gerade noch fünf Läden.
Ohne Erfolg. Inzwischen war der Wagen abgeschleppt. Es war doch kein Parkplatz
gewesen. Zum Glück hatten wir die Hunde an der Leine mitgenommen.
Abends im Thalia-Theater tragen alle Damen
weiße Plastiktaschen von Valentino. Es war zum Heulen, denn keine
einzige von ihnen stammte aus Hamburg und somit konnte uns niemand eine
noch unentdeckte Einkaufsquelle verraten. „Das ist typisch“, meinte meine
Freundin. „Die Hamburger gehen eben nicht ins Theater!“
Immerhin erfuhren wir beim Rumfragen,
daß es in München auf der Theatinerstraße solche Taschen
gab. Auch im Leopoldmarkt seien sie gesehen worden.
„Warum fahren wir eigentlich nicht nach
München?“ fragte meine Freundin. „Aber wir fahren doch nach München.
Morgen schon. Wir wohnen doch da!“ „Sag mal, hältst du mich für
blöd? Das war ein Scherz!“ „Gottseidank, ich dachte schon, du hättest
das galoppierende Taschensyndrom.“
Es war wieder alles gut. Wir haben dann
am nächsten Morgen doch noch die Hafenrundfahrt gemacht. Die Sonne
schien ausnahmsweise, und meine Freundin hatte alle Lust zum Einkaufsbummel
verloren, da es ohnehin Sonntag war und die Läden geschlosssen blieben.
Gekauft hat sie übrigens bei all
der Hektik überhaupt nichts. Und die Tasche haben wir dann in München
erstanden. Freilich erst, nachdem wir unterwegs von meinem geliebten alten
Mercedes in einen Leihwagen umgestiegen waren. Doch davon soll im nächsten
Kapitel die Rede sein...
Jaguar - Zebra - Mercedes
oder
Alte Liebe rostet
Welcher Mann kann schon von sich sagen:
„Ich habe mir alle meine Träume erfüllt!“ Wäre ja auch gar
nicht gut, wenn es nichts mehr zu träumen und zu wünschen gäbe.
Einer meiner unerfüllten und unerfüllbaren
Träume war die Anschaffung eines britischen Sportwagens der Marke
Jaguar. In diesem Traum sah ich mich dahingleiten durch eine parkähnliche
Landschaft. Gekleidet in Harris Tweed, die Pfeife im Mund und hinter mir
im Fahrtwind flattert ein Kaschmir-Schal. Wie gesagt, ein Traum.
Und ein pubertärer obendrein.
Deshalb habe ich mir auch vor vielen Jahren
einen Mercedes gekauft. Mit Schiebedach immerhin. Die Jahre gingen ins
Land. Mein Traum blieb - der Mercedes auch. Wir wurden zusammen älter.
Letzterer sichtbar älter. Bis meine Freundin eines Tages sagte: „Meinst
du nicht, daß die alte Karre langsam ausgedient hat?“ Sie sagte tatsächlich
„alte Karre“. Wo mir das Fahrzeug so treu gedient hatte in all den Jahren.
Wie ein echter Freund.
Und außerdem, wo doch der Mechaniker
um die Ecke immer so günstig reparierte. Ein wahrer Experte im Zuschweißen
von Rostlöchern. „Daß die jährlichen Reparaturkosten den
Wert dieses - edlen Gefährts - bei weitem seinen Wert übersteigen,
ist dir wohl auch noch nicht aufgefallen“... Frauen sind in solchen Dingen
geradezu widerlich sachlich.
Aber ich weiß ja, wo ich sie packen
kann - an ihrer sozialen Einstellung. Deshalb sagte ich: „Herr Schröder
(so heißt der Mechaniker) hat die bescheidenen Reparaturkosten als
festen Faktor in seinen Lebensunterhalt einkalkuliert. Schließlich
hat er drei Kinder. Und außerdem? Nur auf diese Weise halten wir
die Volkswirtschaft in Gang.“ (Das Letztere hatte ich mal irgendwo gehört,
und es imponierte mir mächtig, obwohl ich eigentlich nicht genau sagen
kann, was damit gemeint ist). Jedenfalls verfehlte meine Einlassung nicht
ihre Wirkung. Denn sie sagte - deutlich geschlagen: „Wie du meinst.“
Trotzdem konsultierte ich Herrn Schröder.
Er gehört zu der aussterbenden Spezies des aufrechten, ehrlichen Handwerksmeisters,
der von seinen Kunden keine Mark zuviel abverlangt. Aber auch keine zuwenig.
Und so sagte er mir unverblümt: „Was können Sie für den
Wagen noch kriegen? Fünf-, sechshundert Mark vielleicht. Und dann,
was dann? Sie brauchen einen neuen Wagen. Das wird Sie etliche Tausender
kosten. Sie wissen ja selbst, was so ein Wagen kostet. Und dann der Wertverlust!
Wenn der vom Hof rollt, dann ist er schon ein paar Hunderter weniger wert.
Nehmen Sie dagegen Ihren alten Wagen: Mit zwei, - höchstens dreitausend
Mark Einsatz kriegen wir ihn noch einmal durch den nächsten TÜV.
Und dann können Sie noch einmal zwei Jahre damit fahren!“
Der Mann hatte recht. Er hatte absolut
recht. Der Mercedes blieb. Die dreieinhalb tausend Mark für den fälligen
TÜV zahlte ich seufzend. Auch die Mehrwertsteuer. Auch die neuen Stoßdämpfer,
die dann doch noch fällig wurden. Aber dann hatte ich für meine
fünftausend Mark - nun ja, eben eine in Ehren ergraute Familienkutsche
mit neuer TÜV-Plakette.
Natürlich fuhr ich nicht schneller
als 120. Schließlich mutet man ja einem alten Pferd auch keine stundenlangen
Gallopaden mehr zu, und schließlich war es noch der erste Motor und
das erste Getriebe. Leider ließen meine diesbezüglichen Bemerkungen
meine Freundin völlig unbeeindruckt.
Ich unterstellte ihr in Gedanken, daß
sie das Auto nicht mochte, weil sie sich vorstellte, daß schon ihre
Vorgängerin darin gesessen hatte. Und vielleicht sogar deren Vorgängerin.
Frauen sind so.
Ich jedenfalls liebte das Fahrzeug um
seiner selbst willen. Wie sich das für eine echte Liebe gehört.
So wurde ich auch nicht müde, Dinge zu sagen wie: „Stell dir vor,
er läuft schon zweihunderttausend Kilometer mit derselben Maschine.“
Und sie meinte höchstens kühl: „So, und ich laufe schon zwei
Winter mit demselben Mantel. Aber das läßt dich kalt.“ Natürlich
war ich von meinen Knabenträumen weiter entfernt als je zuvor, und
um die Wahrheit zu sagen: Ich hatte mich an den Gedanken gewöhnt,
mich für den Rest meiner Tage behäbig, rheumatisch und leise
keuchend durch die Gegend zu bewegen, und der Gedanke, daß meine
Freundin mich insgeheim mit dem alten Auto verglich, war mir noch nicht
einmal unangenehm.
Bis dann eines Tages - ich weiß
nicht, was mich ritt - Tollkühnheit über mich kam. Es war auf
der Rückfahrt von Hamburg zwischen Kassel und Würzburg.
Sie muß wohl irgend etwas Abfälliges über unser treues
Gefährt gesagt haben... nein, im Gegenteil, ich erinnere mich jetzt
genau. Sie hatte gesagt: „Eigentlich ist er doch recht brav. Er hat wirklich
noch nie ernstlich gestreikt.“ Da passierte es. „Und er macht noch glatt
seine hundertachtzig Sachen!“ setzte ich triumphierend obendrauf und beschleunigte
rasant.
Bei hundertvierzig erzitterte der alte
Knabe in allen Schweißnähten. Bei hundertfünfzig setzte
ein hohes Pfeifen ein und bei hundertsechzig gab er ratternd seinen Geist
auf.
„Es sind die Lager“, sagte der Mann, der
uns abschleppte. „Ich gebe Ihnen noch hundertfünfzig Mark für
die Reifen.“ „Sag jetzt bitte nichts“, sagte ich zu meiner Freundin und
unterdrückte ein Schluchzen. Da sah ich, daß sie gar nichts
sagen konnte, denn sie weinte bitterlich.
Von nun an sah ich täglich bis zu
zehn Jaguars. Es war ganz so, als sei plötzlich ein Riesenschwarm
dieser englischen Nobelkutschen über München hergefallen. Ich
machte auch Kreuzchen an enstprechenden Zeitungsanzeigen. Nur so zum Spaß.
Denn im Ernst war nicht daran zu denken. Viel zu teuer, viel zu extravagant,
viel zu unseriös! Aber da war dieser Händler in Schwabing. Und
da war dieser dunkelblaue Jaguar bei diesem Händler.
Ich machte kilometerlange Umwege mit dem
kleinen Sportwagen meiner Freundin, nur um an diesem Jaguar vorbeizufahren.
Und eines Tages sagte sie: „Warum fragst du nicht nach dem Preis?“
„Der Wagen ist geschenkt“, sagte der Händler.
„Der Vorbesitzer konnte eine Reparatur nicht bezahlen. Sie bekommen ihn
praktisch gegen Erstattung der Reparaturkosten und eine kleine Provision
für mich.“
„Lassen Sie die Finger davon“, sagte Herr
Schröder. „Sie zahlen ein Vermögen für Reparaturen. Denn
ich bin auf Jaguar nicht eingestellt. Dafür braucht man Spezialwerkzeuge.“
Klar, das alte Schlitzohr sah mich am
liebsten in einem altersschwachen Mercedes. Ich schlug seinen Rat in den
Wind. Dabei hätte es mir auffallen müssen, daß die "Reparaturkosten"
seltsam hoch waren. Wir feierten den neuen Besitz mit Champagner. Und wir
waren beide sehr glücklich. Ich, weil ich mir meinen Knabentraum erfüllt
hatte, und sie, weil ich nicht mehr so bedrückt war. Es war herrlich,
langsam die Leopoldstraße auf- und abzufahren. Ich fühlte mich
um Jahre verjüngt. Und ich zog Blicke auf mich, an die ich längst
nicht mehr geglaubt hätte.
Als ich das erste Mal abgeschleppt werden
mußte, ließ ich den Wagen zu Schröder bringen. Der lehnte
kühl ab. „Da laß ich die Finger davon. Viel zu kompliziert.“
Bilde ich es mir ein, oder lag Hohn in seiner Stimme? Vielleicht war es
auch Genugtuung.
In der Fachwerkstatt zahlte ich ein Vermögen.
Mit der Zeit überstieg mein Traum meine Verhältnisse. Ich hatte
mich total verausgabt, als ich den Wagen für einen Spottpreis dem
Händler zurückbrachte. „Komm, ich muß dir was zeigen“,
sagte meine Freundin, als ich traurig nach Hause kam. Sie fuhr mit mir
- zu Schröder.
„Da“, sagte sie und zeigte auf einen
Mercedes. Dem alten wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur ein paar Jahre
jünger. Es hätte sein Sohn sein können. „Das ist jetzt unserer.
Herr Schröder hat ihn für uns ausgesucht.“ Als sie mir die Schlüssel
in die Hand drückte, verzog sich Schröder feixend in seiner Werkstatt.
Und sie haben ja alle recht. Der Neue
wird wieder viele Jahre halten. Und schließlich- man ist ja auch
nicht mehr in dem Alter, wo man seiner Umwelt mit der Automarke imponieren
muss. Oder ist das altersunabhänig?
Alles eine Frage der Optik
Mein Übertritt in die ältere
Generation vollzieht sich etappenweise. Ich selbst merke es kaum. Ich merke
es aber zum Beispiel daran, daß es mir immer schwerer fällt,
meine wirkliche ungeheuchelte Meinung zu sagen, ohne dabei jemandem, der
noch nicht die Schwelle des Greisenalters erreicht hat, auf die Füße
zu treten.
Dabei kommt es mir gar nicht darauf an,
a n d e r e r Meinung zu sein. Ich habe eben nur meine Schwierigkeiten
damit, g l e i c h er Meinung zu sein. Das ist ein kleiner, aber
entscheidender Unterschied.
Ich merke das auch an entsprechenden Rückversicherungsfragen
meiner Freundin.
Wenn sie nämlich in einem bestimmten
Ton sagt: „Was meinst du eigentlich damit?“, dann weiß ich, daß
ich wieder einmal etwas von mir gegeben habe, was zum Beispiel ein junger,
emanzipierter Mann mit Baby im Brustbeutel gar nicht verstehen könnte.
Etwa die Bemerkung: „Wieso schleppt der eigentlich das arme Wurm
zur Haupteinkaufszeit durchs dickste Menschengewühl?“ Oder gar meine
Schlußfolgerung daraus: „Möglicherweise ist der gar nicht so
emanzipiert, wie er tut. Er möchte es nur gern sich und anderen demonstrieren...“
Solche Bemerkungen, so habe ich der Fachliteratur
entnommen, sind Alterserscheinungen. Und vor allem ist es die Grundeinstellung,
die dahintersteckt. Das wiederum weiß ich von meiner Freundin.
„Siehst du nicht, daß hier ein junges
Paar ideale Arbeitsteilung vornimmt“, sagt sie etwa, und wenn ich daraufhin
„nein“ sage, dann sagt sie „eben!“ Und ich weiß genau, was
sie mit diesem „eben!“ meint.
Die Zeit beginnt mich zu überholen.
Früher habe ich immer gedacht, daß besagte Schwelle zum Greisenalter
dann erreicht ist, wenn man beginnt, über den oberen Rand der Brille
hinwegzuschielen und sich dabei nach vorn zu beugen. Aber diese Schwelle
hat sich offenbar deutlich nach unten verlagert.
Männer, die in der Blüte ihrer
Jahre stehen, können mit der jüngeren Generation nicht mehr Schritt
halten. Meine Freundin gehört zur jüngeren Generation, die ich
offenbar im Begriff bin zu verlassen.
Es ist noch gar nicht lange her, da fand
sie Jünglinge in weiten Schlappergewändern mit Strickzeug entzückend.
Vor allem, wenn sie über den Strickstrumpf hinweg mit der jeweiligen
Partnerin die jeweilige Beziehung durchdiskutierten.
Nächtelange Debatten bei schwarzen
Zigaretten mit Rotwein habe auch ich schon auf zahlreichen Fußböden
in ebenso zahlreichen Studentenbuden erlebt. Aber wenn ich es erwähne,
bekomme ich schon wieder einen Punktabzug:
„Damit machst du doch überdeutlich,
daß du zur 68-iger Generation gehörst.“ Unausgesprochen
aber deutlich im Raum steht die Fortsetzung des Satzes: „Zu diesen angepaßten
Schlappschwänzen...“
Bin ich ein angepaßter Schlappschwanz
mit nostalgischen Erinnerungen? Natürlich versuche ich nach Kräften,
gegenzusteuern. Jogging-Anzüge mit Emblemen amerikanischer Universitäten
und Trunschuhe ohne Schnürsenkel sind nur ein äußeres Anzeichen
meiner Anstrengungen.
Auch habe ich die Anschaffung eines Strickzeuges
erwogen und mich in Fachgeschäften fachkundig gemacht, wie man einen
Baby-Brustbeutel handhabt. Denn auch mit dem Gedanken an verjüngenden
Nachwuchs habe ich mich bereits getragen.
Die Anwandlung mit dem Strickzeug habe
ich bloß deswegen unterdrückt, weil mir noch rechtzeitig das
Gesicht meiner Mutter eingefallen ist, das sie machte, als ich sie seinerzeit
mit einem selbstgehäkelten Topflappen zu ihrem Geburtstag überraschte.
Ich war zehn, sie war vierzig. Und ich begriff damals, daß ich unbegabt
zur Handarbeit war. Aber andere Äußerlichkeiten, die mich von
meiner jugendlichen Umwelt unterschieden, habe ich rasch überspielt.
Da die jungen Väter mit den Babybeuteln
immer schüttere Bärte zum blassen Gesicht tragen, habe auch ich
mein Barthaar sprießen lassen. Auch mein Haupthaar weht länger
als sonst. Ich habe das Rauchen aufgegeben sowie den Verzehr von fettem
Fleisch.
Dafür esse ich jetzt morgens Müsli.
Ich habe mir auch schon ein paar CDs mit Meditationsmusik angeschafft.
Aber das Alter ist schneller als mein Wille zur Anpassung. Ich habe nicht
gemerkt, daß mich die Entwicklung bereits wieder überrollt hat.
Es ist mir entgangen, daß man als
wirklich junger Mensch jetzt das Haar militärisch kurz trägt
und auszusehen hat wie aus einer Illustrierten der Dreißiger Jahre
nebst dazugehörigem glattrasierten Gesicht und forschem Machoblick.
Meine Freundin hat es mir nicht direkt
gesagt, weil sie weiß, wie sehr es mich trifft, wenn man mir meine
Vergreisung vorwirft.
Aber einer ihrer Lieblingssprüche
der letzten Tage ist: „Der sieht ja aus wie aus den Siebziger Jahren übriggeblieben...“
Dabei deutet sie ausnahmslos auf Herren, die sich so tragen wie ich neuerdings.
Nicht einmal die Arbeitsteiler mit Brustbeutel
nimmt sie seit Jüngstem davon aus. Und ich habe sie auch das
Wort „Beziehungskiste“ mit deutlich ironischem Unterton aussprechen hören.
Es handelt sich dabei nicht etwa um einen
Wandel, der in ihr vorgeht. Sie bleibt dabei so jung und jugendlich wie
eh und jeh. Es ist die Zeit, die sich verändert.
Sie nimmt die Zeitströmungen auf
der Stelle wahr und lebt mit ihnen. Und ich... Während die Jugend
um mich herum beginnt, konservativ zu tragen, versuche ich noch immer unter
Aufarbeitung meiner Vorurteile, modern zu werden. Und genau das ist ein
bedenkliches Zeichen. Sagt meine Feundin.
Sie findet altmodisch voll abgefahren
und ausgeflippt und besitzt bereits eine reichhaltige Garderobe Marke 1953
nebst Petticoat und hochhackigen vor zugespitzten Schuhen. Wie sie damals
Sophia Loren trug.
Und während ich mich noch mit Alice
Schwarzer quäle, vergießt sie Rührungstränen über
den „Förster vom Silberwald“ und „Conny und Peter“.
Den „Förster vom Silberwald“ habe
ich seinerzeit spöttisch belächelt. Sehr zu Unrecht, wie ich
jetzt weiß, seit man für die Alterszielgruppe, zu der ich nunmal
gehöre, die „Schwarzwaldklinik“ gedreht hat. Aber Nierentische finde
ich nicht etwa „herrlich altmodisch“, sondern nach wie vor scheußlich,
und ich bin froh, daß meine Freundin so modern nun doch nicht ist,
all das alte Zeug herrlich zu finden.
Um selber nicht ganz den Überblick
zu verlieren, habe ich dieser Tage einen Optiker aufgesucht.
„Wenn Sie sich keine neue Brille zulegen“,
sagte der Optiker, „dann werden Sie in kurzer Zeit beginnen, über
die Gläser zu schielen und sich dabei nach vorn zu beugen...“
Jetzt trage ich eine Brille mit „gleitendem
Fokus“, der man äußerlich nicht anmerkt, daß es
eine Altersbrille ist. Nur ich weiß es. Und natürlich weiß
es auch meine Freundin. Und die ist, seit sie es weiß, viel rücksichtsvoller
zu mir als früher.
Und gemeinsam mit mir beginnt sie sich
zurückzubesinnen an eine Zeit, die wir beide nicht erlebt haben, die
Zeit, in der Pfarrer Kneip die Leute mit kalten Wassergüssen erschreckte
und durch Wald und Flur strich, um heilsame Kräutlein zu sammeln und
anschließend in all ihrer Zauberkraft zu beschreiben. Wer heutzutage
bereit ist, sich in die Apotheke Gottes zu begeben, dem tut sich
eine ganz neue Welt auf...
„Der Geist der Kräuter“
Es begann an dem Tag, als unsere Schildkröte,
die damals noch “Jerry” hieß, das linke Auge nicht öffnen
konnte.
„Ich glaube, Jerry hat sich erkältet“,
sagte meine Freundin besorgt und mit jenem ganz bestimmten Unterton, der
bedeutet: ‘Sicher hast du wieder einmal die Tür aufgelassen, obwohl
ich dir schon hundertmal gesagt habe, daß Jerry sich dann erkältet’.
In diesem Augenblick gefiel es Jerry,
vernehmlich zu niesen. „Wenn Schildkröten niesen, besteht höchste
Lebensgefahr“, sagte meine Freundin nunmehr aufs höchste alarmiert,
indem sie das Tier in ein Handtuch wickelte, auf dem „Plaza Hotel“ stand.
„Was hast du vor, wo willst du hin?“ fragte ich vorsichtig, obwohl ich
die Antwort kannte. „Zu Dr. Friedl natürlich.“
Dr. Friedl hat früher Elefanten und
Giraffen im Zoo verarztet. Aber nachdem eine der Giraffen an chronischer
Halsentzündung erkrankte und er beim Auspinseln des Giraffenhalses
von der Leiter stürzte, gab er den Job auf und spezialisierte sich
auf Kleintiere. Zum Beispiel auf unsere. Da hat er genug zu tun.
Dr. Friedl hat an sich für alles
eine Spritze. Nur bei Schildkröten tut er sich naturgemäß
etwas schwerer. So beschränkt er sich hier im allgemeinen auf gute
Ratschläge, wie zum Beispiel diesen: „Kein Grund zur Aufregung. Tränken
Sie einfach einen Wattebausch mit Kamillentee, und tupfen Sie der Schildkröte
das Auge aus. Das hilft. Und achten Sie darauf, daß sie keinen Zug
bekommt. Manchmal läßt man aus Versehen eine Tür auf, und
schon ist es passiert. Schildkröten sind empfindlicher, als man denkt...“
Ja, wenn wir den guten Dr. Friedl nicht
hätten.
Zum Erwerb des Kamillentees begaben wir
uns in ein alternatives Fachgeschäft für Kräuter, wo uns
eine junge Dame in roten Gewändern, die ein Bildnis ihres Großvaters
an einer schwarzen Perlenkette um den Hals trug, mit allem Nötigen
versorgte.
So erstanden wir zum Beispiel eine Flasche
mit Sanddornsirup „reich an Vitamin C“, ein Badeöl aus Rosmarinextrakt
gegen plötzliche Frühjahrs-müdigkeit, ein Päckchen
Kamillentee aus unge-düngter Erde von freilaufenden Bauern, einen
Vitamin-B-Komplex und das Buch „Wunder aus der Apotheke Gottes“, schluckweise
auf nüchternen Magen zu trinken.
Der Kamillentee wirkte Wunder. Er befreite
Jerry von ihrem dicken Auge und unseren vergesslichen Basset Wum von seinem
Rheuma, das er sich auf der Suche nach seinen selbst vergrabenen Knochen
im windigen Garten zugezogen hatte. Jedenfalls raste er wie ein junger
Hund treppauf und treppab, nachdem er den Rest des Tees aus einer Untertasse
geleckt hatte.
„Es muß was dran sein an den Heilkräutern
der Natur“, sagte meine Freundin daraufhin und vertiefte sich in das mitgebrachte
Buch. „Es ist unglaublich“, sagte sie daraufhin. „Da hat eine alte Frau
ihr Leben lang Schwedenkräuter getrunken. Und jetzt ist sie schon
achtzig und hat immer noch keinen Gebärmuttervorfall - ist das nicht
verblüffend? Und ein Fünfzigjähriger hat sich den Kopf mit
Brennesselsaft eingerieben gegen Haarausfall und braucht jetzt noch immer
keine Altersbrille.“
„Keine Wirkung ohne Nebenwirkung“, zitierte
ich einen alten Medizinerspruch und vertiefte mich nun - neugierig geworden
- meinerseits in das Buch.
Es war ganz erstaunlich, was da alles
zu finden war: Wenn ich zum Beispiel täglich einen Umschlag mit Ringelblumensalbe
machen würde, bekäme ich nie eine Brustentzündung.
Kindbettfieber und Schlangenbiß
wären kein Problem, wenn man unverzüglich frisch gepflücktes
Schöllkraut in einem Eimer mit französischem Cognac ansetzt und
24 Stunden stehenläßt. „Man findet das heilkräftige Schöllkraut
selbst im tiefen Winter unter dem Schnee“, bemerkte die Verfasserin.
Es war klar - wir müßten uns
viel intensiver als bisher mit Naturheilkunde befassen. Unglaublich, welche
Krankheiten man dann nicht bekommen würde. Man denke nur an die Pest
oder den Veitstanz...
Das Wunderbarste waren die schon erwähnten
Schwedenkräuter. Wir erfuhren, daß sie bereits 1871 von einem
schwedischen Arzt entdeckt wurden, als er im Alter von 106 Jahren vom Pferd
stürzte und sich den Hals brach. Oder so ähnlich.
„Auf diese Weise starb er nicht an seinem
Prostataleiden“, stand da. Und das gab den Ausschlag. Schwedenkräuter
mußten her, denn sie bewahren nicht nur vor Bettnässen, Schweißfüßen,
Blähungen und Nachgeburtswehen, sondern auch vor Sprachstörungen
und Gliederzittern nach dem Stuhlgang.
„Wenn man bedenkt, was wir auf diese Weise
der Volkswirtschaft an Arztkosten ersparen...“, bemerkte meine Freundin,
„ganz zu schweigen von der Vernichtung der Pharmaindustrie mit ihren Tierversuchen“,
ergänzte ich.
Wir waren uns einig und kauften eine Familienpackung
Schwedenkräuter „zum Selbstan-satz“.
So eine richtige Schwedenkräutermischung
besteht aus Dingen wie Sennesblätter, Aloe, Zitwerwurzel, Manna, Theriak
und Kampfer sowie einem Dutzend weiterer Wunderkräuter aus der Apotheke
Gottes. Das Ganze ist „in einem guten 40prozentigen Obstwasser in einer
breithalsigen 2-Liter-Flasche anzusetzen und 14 Tage in die Sonne zu stellen“.
Heißt es in der Gebrauchsanweisung.
Danach soll man es in regelmäßigen
kleinen Schlucken genießen. In großer Spannung warteten wir
darauf, daß unser Allheilmittel fertig würde.
Mit uns warteten all unsere Freunde, denn
mit der ihr eigenen Überredungsgabe hatte meine Freundin die meisten
davon überzeugt, daß es nichts Besseres gäbe als selbstangesetzte
Schwedenkräuter. Und so standen auf vielen Fenstersimsen breithalsige
Flaschen in der Sonne.
Manche unserer Freunde versprachen sich
wirklich etwas davon. Die meisten jedoch wollten einfach meiner Freundin
nicht weh tun.
Der erste Schluck der mit großer
Aufregung erwarteten Arznei schmeckte niederschmetternd, und so probierten
wir weiter. Der fünfte und sechste Schluck waren schon erträglicher.
Und nach dem zehnten Schluck sanken wir uns selig lallend in die Arme.
Ein wahres Wundermittel: Noch nie zuvor
war ich so schnell betrunken gewesen. Die mußten schon ganz schön
was vertragen haben, die alten Schweden, auch wenn sie anschließend
vom Pferd fielen. Allerdings stellten wir am nächsten Morgen dasjenige
Leiden fest, das von dem Wundermittel nicht kuriert wird: Alkohol-Kater.
Immerhin: Wir hatten zu zweit vor lauter Probieren einen ganzen Liter des
Getränks geschafft.
Unser Freund Manfred, der ebenfalls seine
Schwedenkräuter angesetzt hatte - mit ähnlich umwerfender Erfahrung
-, brachte das Ganze auf eine versöhnliche Formel, an die wir uns
seither halten: „Wenn man beim Ansatz all die vielen Kräuter wegläßt,
erhält man einen vorzüglichen Obstgeist...“
*
Ich erwähnte es bereits eingangs,
was mir heute geläufig ist, aber damals noch neu war: Immer wenn die
Frau an meiner Seite..., also immer wenn sie sinnenden Blickes mitten im
Raum bewegungslos stehenbleibt, dann kommt etwas auf mich zu. Sie sagt
dann Dinge wie: „Könnte man nicht eben mal die Wand zwischen Arbeitszimmer
und Wohnzimmer wegnehmen? Dann bekämen wir einen schönen großen
Raum!“ Gegenfragen wie: „Was verstehst du eigentlich unter ,eben mal’?“
habe ich längst aufgegeben, denn ich bekomme lauter logische Antworten.
Zum Beispiel die: „Du nimmst einen Meißel
und einen Hammer und schlägst die Steine heraus.“ Ihr geht es eben
ums Prinzip. Und so finden Dinge wie tragende Wände, Licht- und Wasserleitungen
und die Frage „Wohin mit dem Schutt?“ in ihren Erwägungen keinen Platz.
Ganz abgesehen von meiner Zeit oder meiner körperlichen Leistungsfähigkeit.
Das letzte Mal, als sie sagte: „Man müßte
eigentlich ein paar Bilder aufhängen“, erlebte ich mein persönliches
Waterloo... Ich hatte in meinem Eifer, ihr zu Willen zu sein, übersehen,
daß sie sinnend vor einer Betonwand stand.
Es dauerte zwei Dutzend krummgeschlagene
Nägel, einen abgebrochenen Handschlagbohrer und eine zu diesem Zweck
schließlich gekaufte und dann heißgelaufene Bohrmaschine lang,
ehe ich aufgab. Aber eigentlich nur, weil sonst das Blut, das von meinen
zerschundenen Händen rann, den Teppich ruiniert hätte.
An diesem Tag beschloß ich: Für
künftige Ansinnen dieser Art ist das Handwerk zuständig! Auch
meine Freundin hatte inzwischen erkannt, daß eine Taktikänderung
angebracht wäre. Sie sagt jetzt: „Findest du nicht auch, daß
die Vinyltapete im Badezimmer scheußlich aussieht? Vielleicht sollten
wir einen Mann holen, der uns das Badezimmer richtet...“
Seit der Sache mit der Betonwand sind
wir nämlich gleichberechtigt: Ich bin kein Mann mehr. Aber sie hat
ja recht- was kann man schließlich mit zehn verbundenen Fingern noch
leisten?
Und seit sie ihre Vorliebe für die
Farbe weiß in sämtlichen denkbaren Varianten, an allen denkbaren
Gegenständen und jeder möglichen Umgebung entdeckt hat, ist mit
mir eh nicht allzuviel anzufangen, weil nichts weiß bleibt, das ich
einmal angefasst habe. Dabei weiß auch ich:
Weiß ist in
Der Mann, der uns das Badezimmer richten
sollte, war ein Fliesenleger. Wir hatten uns vorgestellt, das Bad vom Fußboden
bis zur Decke vollkommen mit weißen Fliesen zu belegen.
„14 Kacheln hoch - und keine einzige mehr.
Darüber kommt die Ölfarbe“, sagte der Handwerker kategorisch.
Die Frage: „Und warum nicht bis zur Decke?“, konnte der Experte erst nach
einigem Nachdenken beantworten. „Weil man das in Wohnräumen so macht.
So hat das schon mein Vater gehalten und vor dem mein Großvater.
Und überhaupt - weiße Kacheln! Sieht aus wie eine Metzgerei.
Wo es doch so schöne farbige Kacheln gibt. Und sogar mit Mustern drauf!“
Ich neigte sofort dazu, dem Mann recht
zu geben. Sein Großvater mußte es schließlich wissen,
wo doch die Fliesenlegerei seit Generationen in Familienbesitz war.
Aber meine Freundin blieb hart. „Bis zur
Decke! Und um die Farbe der Kacheln machen Sie sich keine Gedanken. Wir
wollen das so!“ Der Handwerker kam an nächsten Morgen (ehrlich: Handwerker
kommen neuerdings am nächsten Morgen!). Aber er ging gleich wieder
mit der Bemerkung: „Sie glauben doch nicht, daß ich meine Fliesen
auf Ihre Tapeten klebe! Und die Armaturen müssen bis morgen früh
auch weg!“ Das war die Rache des Fliesenlegers.
Vinyltapeten sind schwer zu entfernen.
Alte Armaturen auch. Vor allem, wenn man kein Klempner ist. Aber der wäre
erst für den nächsten Morgen zu haben gewesen.
Bis zum Morgengrauen hatte ich es unter
sachkundiger Anleitung meiner Freundin geschafft. „Pfusch!“ sagte der Fliesenleger
sofort. „Diese tiefen Löcher kann man nicht überfliesen. die
muß man zugipsen!“ Den Ton kannte ich. Ich erschauerte.
Da stellte sich meine Freundin kämpferisch
neben mich: „Gips ist in der Garage. Ein ganzer Sack voll. Bedienen Sie
sich!“ Es funktionierte tatsächlich! Der gute Mann ging fluchend in
die Garage, schleppte fluchend den Gipssack herein, rührte fluchend
seinen Brei an, schmierte ihn fluchend in die Löcher und begann fluchend
mit der Arbeit.
Mit der Zeit wurden die Flüche spärlicher
und verstummten schließlich ganz. Am Abend stand er bewundernd vor
seinem Werk. Das Badezimmer war schneeweiß gekachelt. Vom Fußboden
bis zur Decke. „Sieht gar nicht so übel aus“, meinte er.
Drei Tage späger war er wieder da.
Er brachte einen halbwüchsigen Burschen mit. „Mein Sohn“, stellte
er ihn vor. „Mach deinen Diener!“ Der Junge sollte sich doch auch mal das
Badezimmer anschauen, meinte der Vater. Für mindestens drei weitere
Generationen würden die Badezimmer nun weiß gekachelt werden.
Und zwar bis zur Decke.
Den Artikel in der Fliesenlegerzeitschrift
„Die Kachel“ unter der Überschrift: „Praktische Hinweise zur Ganzbekachelung
von Räumen im Naßzellen-bereich“, verfaßt von unserem
Handwerksmeister, fand ich ein paar Monate später zufällig im
Wartezimmer von Dr. Friedl, unserm Tierarzt, der gerade umbaute. Weiß
wäre die Farbe der Wahl, dozierte der Autor und verstieg sich sogar
zu dem Wort „in“. „Weiß ist in“, schrieb er. „Hast du schon gewußt,
daß weiß in ist?“ fragte ich meine Freundin. Sie hatte es gewußt.
Deshalb beschlossen wir, zusätzlich
zum übrigen Weiß in unserem Haus uns von einem Töpfer weißes
Trinkgeschirr fertigen zu lassen, aus dem wir in unserem weißen Badezimmer
mal einen Schluck Weißwein trinken würden.
„Unmöglich“, sagte der Töpfer.
„Erstens können Sie einen Tonscherben nicht wie ein Trinkglas formen.
Das ist nicht materialgerecht. Und zweitens - wie sieht denn eine weiße
Glasur auf Ton aus?!“ „Auf unsere Verantwortung“, sagte meine Freundin.
Und ich fügte diplomatisch, wie es meine Art ist, hinzu: „Und niemand
wird jemals erfahren, daß die Gefäße aus Ihrer Werkstatt
stammen.“- „Das heißt Atelier“, sagte der Meister und blickte mich
strafend an.
Als wir die fertigen Sachen abholten,
hatte er selbst für die neuen Gläser den Ausdruck „Pokale“ gefunden
und war voller Eifer, uns die Kollektion vorzuführen.
Ganz aus eigener Initiative hatte er zu
den sechs Pokalen noch einen passenden weißen Krug gefertigt, den
er uns anbot. Und im Boden der Pokale hatte er sein Signum eingraviert.
Auch sein Fenster hatte er umgestaltet: weiß glasierte Tongefäße
für den täglichen Gebrauch. Pokale. Krüge. Kerzenhalter.
„Das spricht doch für die Lernfähigkeit
des Handwerks“, meinte ich. „Nein, das spricht für unsere Blödheit“,
konterte meine Freundin. „Wir geben anderen Leuten unsere Ideen, und die
machen ein Geschäft daraus! So etwas passiert uns nicht noch
einmal. Auch wir sind lernfähig!“
Was das für mich bedeutet, ist klar:
Immer dann, wenn meine Freundin sinnenden Blickes mitten im Raum bewegungslos
stehenbleibt, hole ich schon mal meinen Werkzeugkasten und das Verbandszeug...
Aber sie hat recht: Lernfähig sind
wir schon. Das haben wir bereits ganz zu Beginn unseres gemeinsasmen Lebens
unter Beweis gestellt. Aber mit der Lernfähigkeit ist das auch
wiederum so eine Sache: Meine Freundin ist Stier. Das heißt, sie
ist unter dem Sternzeichen des Stiers geboren. Und das wiederum heißt:
Jede Erfahrung, die sie einmal gemacht hat - und aus der es etwas zu lernen
gab, wird bei ihr - und damit bei uns- fortan zur Tradition. Und
das bedeutet dann:
Same procedure as every year
“Dieses Jahr”, sagt meine Freundin, „dieses
Jahr wird heuer einmal ganz anders.“ Das sagt sie jedes Jahr. Sie
sagt es indes nicht zu mir, sondern zu unseren Freunden. Und zwar immer
dann, wenn diese damit beginnen, die bekannte Frage zu stellen: „Was macht
ihr eigentlich zu Silvester?“
Das ist meist so gegen Anfang November.
Meine Freundin möchte damit sagen (ohne ausfallend zu werden!): „Laßt
uns bloß in Ruhe - wir sind silvestergeschädigt.“ Und laut sagt
sie: “Wir verreisen. An einen geheimen Ort.”
Das begann bereits an unserem ersten
gemeinsam erlebten Jahreswechsel. Wir hatten uns gerade, ich erwähnte
es bereits, anläßlich einer Vor-Weihnachtsfeier kennen- und
etwas später liebengelernt.
Genau genommen, wir waren gerade mitten
dabei, als es sich herausstellte, daß wir zu Silvester verschiedenartige
recht komplizierte Verabredungen hatten, die wir nicht koordinieren, aber
auch nicht mehr rückgängig machen konnten - sie mit ihrem Noch-Ehemann,
von dem sie seit Jahren glücklich getrennt lebte, und dessen
Freunden - ich mit meiner Exfreundin und einem Freund, die ich bei dieser
Gelegenheit miteinander verkuppeln wollte.
Am Nachmittag des 31. Dezember nahmen
wir herzzerreißenden Abschied voneinander, um uns unseren jeweiligen
Verpflichtungen hinzugeben.
Gegen 19 Uhr rief ich sie allerdings bereits
wieder an: „Mein Smoking ist zu eng - kannst du mir helfen?“ „Tut mir leid,“
sagte sie, „aber mein Mann, er steht gerade neben mir, hat in Berlin einmal
ein Herrenausstattungs-Geschäft geleitet. Der kann mit sowas umgehen.“
Und so kam es, daß ich wenig später
in Unterhosen dem Noch-Ehemann meiner neuen Freundin gegenüberstand,
während er mit Nadeln im Mund an ihrer Nähmaschine saß
und meinen Smoking erweiterte.
„Ganz schön rundlich um die Hüfte
rum“, murmelte er und brachte das Kunststück fertig, dabei keine einzige
Nadel fallen zu lassen. Es war klar, was er meinte - und er war eindeutig
in der besseren Position.
Wenig später traf ich mich dann mit
Freund und Exfreundin im Foyer des neueröffneten Deutschen Theaters
(so lange ist das nun schon her!).
Ich hatte Karten zur Silvester-Gala ergattert.
„Abendgarderobe ist Vorschrift“, stand auf den Karten. Deswegen hatte sich
die Exfreundin in Schottenkaro gehüllt, was viele Blicke auf uns zog.
„Das ist doch nicht dein Ernst“,
flüsterte mir mein Freund ins Ohr, indem er versuchte, sich hinter
der großzügig bemessenen Speisekarte der starken allgemeinen
Beachtung zu entziehen. Ich zuckte mit den Schultern.
Das hätte ich nicht tun sollen, denn
ich spürte, wie die Rückennaht meines eben erweiterten Smokings
nachzugeben begann. Da mußte wohl einer mit der heißen Nadel
genäht haben. Das Nahen des Kellners unterbrach meine Rachegedanken.
Wir bestellten wenigstens ausgiebig und
wurden während der Wartezeit durch eine Tanzgruppe ergötzt: Ein
Dutzend ältere Damen, an deren Rückseiten Straußenfedern
befestigt waren, und die dummerweise ihre Oberteile in der Garderobe gelassen
hatten, hüpften zu - laut Prospekt - „heißen südamerikanischen
Rhythmen“ auf und ab.
Aus den Reihen der vollzählig versammelten
Münchner Schickeria wurden die ersten Unmutsäußerungen
laut.
Als die Damen gegangen waren, kam noch
ein Jongleur, der nicht jonglieren konnte, ein Zauberer, der nicht zaubern
konnte, und ich glaube, noch eine Tanzgruppe. Was aber nicht kam, war das
Essen. Das Murren im Publikum wurde immer lauter, denn alle hatten in Erwartung
des angesagten Gala-Diners zu Hause nichts gegessen und bekamen nun erst
recht nichts.
Binnen kurzem hatte sich die ganze Kir-Royal-Society
im Bierkeller des Etablissements versammelt und verspeiste Würstchen
mit Kraut, was nebst Bier reichlich vorhanden war. Die Zeitungen berichteten
später, die Silverster-Gala im neueröffneten Haus sei nicht besonders
gut gelungen gewesen, die Damen der Tanzgruppe hätten sich erkältet,
und die Kellner und die Köche hätten sich um die zwar bestellten,
aber nie fertig gewordenen Gala-Diners eine Schlacht geliefert. Nur der
Besitzer des Bierkellers sei zufrieden gewesen.
Meine Exfreundin, mein Freund und ich
beschlossen, um den Abend zu retten, noch eine stadtbekannte Bar der Schickeria
aufzusuchen, wo wir uns den Weg zur Theke nach Münchner Art freiküssen
mußten.
In einer Ecke machte ich im Halbdunkel
einige Gestalten aus, die ich ganz woanders wähnte: meine Freundin,
deren Noch-Ehemann sowie eine weitere Figur aus ihrem Vorleben.
Der Abend meiner Freundin muß auf
ähnliche Weise mißlungen sein. Jedenfalls freuten wir uns sehr,
einander wiederzuhaben, und ich fand im Überschwang meiner Gefühle
sogar ihren Ehemann sympathisch und verzieh ihm großmütig die
Sache mit der heißen Nadel. In diesem Kreise konnte ich mein Jackett
ohnehin ablegen.
Meine Freundin und ich entfernten uns
in einem passenden Augenblick, um den Abend doch noch harmonisch ausklingen
zu lassen, fanden jedoch bei unserer Ankunft in meiner Wohnung in meinem
Bett meine Exfreundin und meinen Freund vor. Erstere nunmehr ohne Schottenkaro.
Ich hatte ganz vergessen, daß ich
ihm vor langer Zeit meinen zweiten Hausschlüssel überlassen hatte
und wohl auch nicht damit gerechnet, daß er davon noch Gebrauch machen
würde. Trotz der späten Stunde fanden meine Freundin und ich
noch ein nettes Hotelzimmer, denn in ihrer Wohnung gastierte ja ihr Noch-Ehemann.
So wurde dieses unser erstes gemeinsames
Silvester zu einem durch und durch Münchner Ereignis, wie es auch
Kir-Royal-Regisseur Helmut Dietl nicht hätte besser in Szene setzen
können.
Weitere Silvesterparties planten wir von
nun an gemeinsam. Freilich zunächst ohne bessere Ergebnisse. Denn
entweder brach die einladende Hausfrau Punkt zwölf in Tränen
aus oder die anwesenden Herren kriegten sich mit steigendem Alkoholkonsum
der anwesenden Damen wegen in die Wolle oder es stellte sich heraus, daß
die schließlich von uns Eingeladenen die Temperamente von Schlaftabletten
hatten oder es entstanden aus nichtigem Anlaß lebenslange Feindschaften
oder alles zusammen.
Von zu warmem Champagner und Zigarettenlöchern
in den Teppichen soll hier gar nicht die Rede sein.
Jedenfalls beschlossen wir anläßlich
eines solchen Jahreswechsels, uns im kommenden Jahr dem ganzen Rummel zu
entziehen.
Folglich buchten wir kurz vor Weihnachten
eine Reise nach Ägypten. Sonne, Orient, Exotik und am Silversterabend,
ein Glas Champagner unter sternklarem Himmel in einer lauen Nacht hoch
über dem Nil... dachten wir.
Das war indes nicht so einfach. Es stellte
sich nämlich heraus, daß alle, aber auch alle infrage kommenden
Lokalitäten mit Blick auf den Nil bereits Monate im voraus für
die Silvesternacht für Silvesterflüchtlinge aus Europa ausgebucht
waren.
„Macht nichts, wir hätten doch
wieder ganz München getroffen“, meinte meine Freundin. Und so bestellten
wir uns beim Zimmerkellner eine Flasche Champagner, öffneten Punkt
zwölf das Fenster und prosteten den fünf Ziegen und den drei
Katzen auf dem nachbarlichen Flachdach zu - im Hintergrund ahnten wir im
Dunst den Nil.
Dieses Erlebnis brachte uns auf eine Idee
fürs kommende und alle künftigen Jahre: Wir betrachten uns am
Abend des 31. Dezember im Fernsehen das alljährliche „Dinner
for one“ und lachen wie stets an der Stelle, an der James nicht über
den Kopf der Jagdtrophäe stolpert.
Und dann steigen wir - same procedure
as every year - hinauf auf unsere Dachterrasse - dick in unsere Wintermäntel
gehüllt - und prosten uns mit eigenem Champagner aus eigenen Gläsern
auf das neue Jahr zu. Das Feuerwerk über München genießen
wir kostenlos, wir wissen, daß unser Bett nur für uns reserviert
ist und daß uns auch das Telefon nicht mit Neujahrswünschen
stört. Denn alle denken ja, wir seien verreist...
Wir haben bei einer dieser Gelegenheiten
- der Weg zur Dachterrasse fürht über den Boden des Hauses- festgestellt,
daß man da oben ein sehr gemütliches Studierzimmer einrichten
könnte. Bloß wohin mit dem Krempel verflossener Jahre. Ich trenne
mich schwer vom Ballast des Gewesenen , schließlich bin ich Krebs
- und meine Freundin noch schwerer - schließlich ist sie- ich erwähnte
es bereits - Stier. Und so kam es, daß sich unsere jeweiligen Vergangenheiten,
die wir nach Möglichkeit nicht bei Vollmond und nicht nach dem Genuss
von Rotwein erwähnen dürfen, sich auf unserem Boden ein nostalgisches
Stelldichein geben. Ganz abgesehen von überzähligen Gegenständen
der gemeinsamen Vergangenheit, wenn sie auch noch relativ jung war: Ein
defekter Rasenmäher war darunter, alte, von mir eigenhändig herausgerissene
Türstöcke, sorgsam, zur eventuellen Wiederverwendung, säuberlich
gestapelte Ziegelsteine aus dem erwähnten Mauerdurchbruch und zahllose
Kartons - stumme Zeugen der regen Einkaufs- und Bestelltätigkeit
meiner Freundin. Und all das zusammen war sehr platzraubend.
Das sollte jetzt - so beschlossen wir
in einem Anfall von Tollkühnheit- anders werden...
Die Containerbörse
In einem Punkt waren wir uns also einig:
„Das Zeug muß weg.“ Nur die Frage des „Wie“ war noch nicht ausdiskutiert.
„Wir sollten im Garten einen großen
Scheiterhaufen aufrichten und alles verbrennen.“ meinte meine Freundin
mit ihrem bekannten Sinn für Romantik.
„Wir sollten es vielleicht der Heilsarmee
oder dem Roten Kreuz geben. Oder der Caritas“, entgegnete ich sinnend mit
meinem nicht minder bekannten Sinn fürs Praktische.
„Was meinst du, was die Caritas mit morschen
Fenstern und überflüssigen Türen macht, die schließlich
auch noch auf dem Boden rumgammeln, und was die Heilsarmee mit einzelnen
Schuhen, zwanzig Jahre alten Schlipsen, einer zerbrochenen Guitarre, leergetrunkenen
Chiantiflaschen voller Kerzenwachs und dem übrigen Gerümpel vom
Boden anfängt?“
Wenn meine Freundin nämlich eine
romantische Idee durchsetzen will, dann wird sie noch praktischer als ich.
Und mindestens ebenso logisch.
„Und was denkst du, was die Feuerwehr
zu einem offenen Feuer in einem Wohngebiet sagen wird?“ stach ich sie aus.
Patt. In zwei Zügen.
Da sahen wir uns an und sagten wie aus
einem Munde: „Wir werden einen Müllcontainer mieten!“ Die wirklich
guten Ideen haben wir sehr häufig gemeinsam.
„Das geht nicht“, sagte der Mann, der
den Müllcontainer anlieferte, als er unsere Einfahrt sah. „Zu eng.“
Auf der Basis von einem Kasten Bier ließ er sich dann überreden,
die Einfahrt doch nicht zu eng zu finden.
„Aber das Tor muß offen bleiben.
Anders geht es nicht“, entschied er und setzte das Ungetüm von sieben
Kubikmetern Rauminhalt in unsere Hofeinfahrt.
Am nächsten Morgen wollten wir anfangen,
den Container zu beladen. Aber am nächsten Morgen sahen wir uns konfrontiert
mit einer Stehlampe aus den Fünfziger Jahren mit tütenförmigen
Lampenschirmen, einem Kohlenfüller und einem Cocktailsessel mit schrägen
Beinen. Eine Gabe von Unbekannten, die in unserem Container eine Goldene
Möglichkeit sahen, das eigene Gerümpel loszuwerden.
„Weißt du, was wir auf dem Flohmarkt
dafür bezahlen müßten?“ fragte meine Freundin und reichte
mir die Stehlampe. Ich wußte es nicht. „Mindestens dreihundert Mark.
Wenn das reicht!“ Mir reichte es. Eine Stehlampe mit tütenförmigen
Lampenschirmen hatte ich mir schon immer gewünscht... „Und dieser
Kohlenfüller - der ist einfach unbezahlbar!“ Unbezahlbar - einen unbezahlbaren
Kohlenfüller hatte ich mir schon immer gewünscht... „und dieser
Sessel -“ „Nein“, sagte ich. „Was heißt nein - Sachen aus den Fünfziger
Jahren sind heute hochmodern!“ „Ich dachte, wir wollten unseren neuen Raum
eigentlich modern einrichten,“ wandte ich zaghaft ein. „Eben“, sagte
sie. „Steh nicht so rum und faß mit an. Das Ding ist mir zu schwer!“
Einen Cocktailsessel aus den Fünfzigern
hatte ich mir schon immer - nein, das wäre die dritte Lüge.
Ich hasse die Dinger, habe sie immer gehaßt und werde sie nie schön
finden können.
„Das wäre doch was für die leere
Ecke in deinem Arbeitszimmer“, hörte ich unter meinem finsteren Brüten.
In dieser Ecke hätte ich mir eigentlich eine ganz bestimmte Plastik
vorgestellt. „Neulich wurden solche Sessel bei einer Ausstellung im Haus
der Kunst als ‘objet d`art’ vorgestellt.“
Sie schien meine Gedanken zu erraten.
Nun habe ich eben einen Kunstgegenstand aus den Fünfziger Jahrhen
statt meiner Plastik.
Ich hoffte inständig, daß die
unbekannten Müllcontainer-Piraten ein Einsehen haben würden,
und begann mit der eigentlichen Arbeit des Renovierens des Bodens. Bänglich
schaute ich am Morgen danach in den Container.
Es hatte sich das Wunder der Erneuerung
vollzogen: Verschwunden waren der herausgerissene Türstock und das
altersmorsche Fenster. Sogar die Ziegelsteine aus dem Wanddurchbruch
waren fort. Dafür stand da eine nur leicht verbogene Zinkbadewanne
mit Bodenventil.
Ich traute meinen Augen nicht. So eine
Wanne hatte ich im Ernst seit Wochen gesucht als Pflanzenbehälter
für den Garten! „Man könnte die Wanne ja rot anstreichen..“ sinnierte
meine Freundin, und es war ihr anzumerken, daß sie mit Zinkwannen
nicht viel im Sinn hatte. „Kommt nicht in Frage“, sagte ich fest und trug
das Gerät innerlich jubelnd in den Garten.
Unseren alten Rasenmäher, die rostige
Sichel, die Hacken, die zerschlissenen Liegestühle und die ausgediente
Schubkarre tauschte ich gegen weitere Zinkwannen, eine Zink-Gießkanne
und zwei Zinkschüsseln. Bedenken über die Verwertbarkeit kamen
mir erst, als sich auch noch eine gußeiserne Badewanne von Familiengröße
anfand, die mindestens drei Zentner wog, und die nun den Platz unserer
Gartenbank einnimmt.
Während meine Freundin meine Gartentransaktio-nen
über die Containerbörse zurückhaltend bis skeptisch beobachtet
hatte, wurde sie wieder lebhaft, als jemand ein komplettes Set schwarzer
Musterkoffer gegen unsere ausgediente Badezimmereinrichtung nebst Waschbecken
mit Halterung eintauschte. „Fabelhaft für meine Reitutensilien!“ freute
sie sich.
Ein kurzes Gastspiel im Container-Ringelreihen
gab unser ehemaliger Rasenmäher. Dem Ersterwerber scheint er doch
nicht gut genug gewesen zu sein. Er tauschte ihn gegen den ausgedienten
Staubsauger eines Unbekannten wieder zurück.
Der Rasenmäher muß dann endgültig
von unserem Nachbarn zur Linken in nächtlicher Aktion abgeholt worden
sein, denn von dort ertönt seither das wohlbekannte nervtötende
Klappern, das mich daran erinnert, daß ich einst nach einer schwedischen
Gebrauchsanweisung selbst zusammengebaut habe.
Außerdem erhielten wir das auf diese
Weise frisch geschnittene Gras, das sich dann wieder ein Kaninchenfreund
gegen Stallmist eintauschte.
Selbst griffen wir in das Geschehen dann
noch einmal ein, als sich gläserne Gewürz-Schubfächer aus
einem Kolonialwarenladen einfanden nebst zugehörigem Regal, das kaum
beschädigt war. („Ein Vermögen auf dem Flohmarkt!“).
Manche unserer Lieferanten verhielten
sich dann allerdings recht sorglos. So wurde eine Doppelbettcouch nicht
auf den Container geladen, sondern auf den Bürgersteig davor. Doppelbettcouch
ist nun wirklich nicht unser Stil. So etwas muten wir nicht einmal denjenigen
unserer Gäste zu, von denen wir hoffen, daß sie nicht
lange bleiben.
An dieser Stelle griffen die Ordnungshüter
in den illegalen Tauschmarkt ein: Ein Streifenwagen hielt vor unserem Haus.
Zwei Beamte stiegen aus und gingen kopfschüttelnd und gestikulierend
um das Monstrum herum. Ich wollte schon erklären, daß diese
Couch mit unserem Container nichts zu tun hatte. Aber der größere
der beiden Beamten kam mir zuvor.
Mit einer herrischen Geste winkte er mich
heran: „Sie, brauchen´s die Couch noch?“ fragte er, wie mir vorkam
in lauerndem Ton. Und ich beeilte mich, seine Frage zu verneinen. „Ja,
dann helfen Sie uns vielleicht, das Trum in unseren Kofferraum zu schieben“,
sagte er allen Ernstes. Das Ding ragte bestimmt noch um zwei Meter hinten
aus dem Streifenwagen heraus, aber die beiden zogen glücklich und
im Schrittempo ab. Keine Ahnung, was sie mit der Doppelbett-Couch vorhatten.
Zur Sicherheit rief ich ihnen noch nach:
„Aber lassen Sie sich nicht von der Polizei erwischen mit der Ladung!“
Doch das wäre wohl nicht nötig gewesen.
Das Auftreten der Polizei scheint jedoch
unsere unsichtbaren Tauschpartner verschreckt zu haben. Fortan fiel nichts
mehr an. Und als der Mann, der uns den Container geliefert hatte, vereinbarungsgemäß
nach einer Woche wiederkam, um ihn abzuholen, blickte er lange sinnend
ins leere Innere des stählernen Kolosses.
Und während er die Winde an seinem
LKW betätigte und den hohl tönenden Behälter hochhob, murmelte
er vor sich hin: „Also, Leute gibt`s...“
Muss ich noch erwähnen, daß
wir die endgültige Umgestaltung unseres Bodenraumes vorerst verschieben
müssen. Schließlich brauchen wir den Platz für all die
schönen Dinge aus der Vergangenheit anderer Leute, nachdem sich herausgestellt
hat, daß doch nicht alles auf diese Weise Erworbene zu unserem Stil
passt...
Das Geld, das wir für die Renovierung
sparten, bechlossen wir, in einer lange geplanten Reise anzulegen. Beziehungsweise,
wie ich meine Freundin kannte, beim Erwerb von Reiseandenken der verschiedensten
Art auszugeben: Hauptsächlich für Handtaschen. Aber es sollte
- wie schon so oft - alles anders kommen...
Statt Frühstück harte Semmeln
Immer dann, wenn eine Reise bevorsteht,
wird meine Freundin besonders aktiv: Sie betraut unsere Perle Tamara
mit der Ablage der Post, der Anlage eines Textarchivs und der Neuordnung
meines Zettelkastens, während sie sich selbst über die
Bügelwäsche hermacht.
„Für eine Reise muß alles besonders
ordentlich sein, deswegen kann ich das Tamara, die ich im übrigen
sehr schätze, nicht überlassen. Du weißt doch, daß
sonst womöglich Knöpfe an deinen Hemden fehlen...“ „Gut, daß
es in meinem Zettelkasten keine Knöpfe gibt“, habe ich an einer solchen
Stelle einmal gesagt. Aber nur einmal. Denn ich wurde umgehend darüber
aufgeklärt, daß man schließlich nicht erwarten könne,
daß sich Menschen wie Tamara an echte Aufgaben heranwagen, wenn man
ihnen nicht zeigt, daß man ihnen vertraut. Das mußte ich einsehen
und überlasse Tamara seither auch die Korrektur meiner Texte.
Diesmal gab sich meine Freundin
mit solchem Eifer der ungewohnten Bügelarbeit hin, daß sie sich
beim Anheben eines Wäschekorbs vor Überanstrengung einen Hexenschuß
zuzog.
„Bettruhe“, sagte der Notarzt, „strenge
Bettruhe“, gab ihr eine Spritze und veranlaßte mich, ein Brett ins
gemeinsame Bett zu legen.
Weder die Absage der geplanten Reise,
noch die Bettruhe, noch die Spritze noch das Brett im Bett vermochten indes,
den ziehenden und reißenden Kreuzschmerz meiner Freundin zu lindern.
Ein hinzugezogener Spezialist riet zur
sofortigen operativen Entfernung der Bandscheibe, ein weiterer, der sich
aufs Einrenken verstand, bat mich aus dem Zimmer. Dann erhob sich hinter
der geschlossenen Tür großes Gepolter, gefolgt von durchdringenden
Schmerzlauten: Der Spezialist hatte sich beim Einrenken einen Hexenschuß
zugezogen.
„Wenigstens war er billig“, sagte meine
Freundin und blätterte auf der Suche nach einem weiteren Spezialisten
bereits wieder in den Gelben Seiten des Telefonbuches.
Der nächste hatte sich auf Sportverletzungen
festgelegt. Er fertigte eine Serie von besonders hübschen Röntgenbildern
vom verlängerten Rücken meiner Freundin an und riet zu Bädern,
Massagen und Bestrahlungen in seinem eigenen Institut.
Dieser Spezialist war zwar nicht billig.
Aber dafür half er ebensowenig wie seine Vorgänger. Zum Ziehen
und Reißen im Kreuz gesellten sich bei meiner Freundin nun auch noch
üble Ischias-Schmerzen im linken Bein: Die Sache war dank der intensiven
und verschiedenartigen Behandlungsmethoden chronisch geworden.
An Reisen war vorerst nicht zu denken
.
In dieser Situation beschloß ich,
die Konvention der klassischen Medizin über Bord zu werfen und einen
Mann hinzuzuziehen, dessen Name für Erfolg stand: Den dank seiner
immensen Medienpolitik weit über die Grenzen unserer Heimatstadt München
hinaus bekannten Heilpraktiker Dr. Arm-Leychter.
Der ließ sich den Fall von einer
Assistentin vortragen, die uns alsbald den folgenden Bescheid schickte:
Leider sei es Herrn Dr. Arm-Leychter aus Zeitgründen nicht möglich,
sich des Falles vor Ablauf von sieben Jahren persönlich anzunehmen.
Er empfehle jedoch einen Mann seines Vertrauens,
einen Naturarzt, der sich auf Hexenschüsse und Bandscheiben verstehe,
und der möglicherweise im Laufe der nächsten drei, vier Monate
einen Termin freimachen könnte.
Durch diesen erfreulichen Bescheid ermuntert,
verschoben wir die Anschaffung eines Rollstuhls und kauften uns statt dessen,
um die Wartezeit zu überbrücken, viel Literatur über alternative
Medizin. „Ich werde“, sagte meine Freundin eines Tages mit schmerzverzerrtem
Gesicht, „ein Buch über die Natur des Schmerzes und seine Überwindung
aus eigener Kraft schreiben. So viel habe ich bei der Lektüre dieser
Bücher immerhin gelernt, daß man eigentlich keine Schmerzen
zu haben braucht, wenn man sie nicht will.“
Ich konnte dem nur zustimmen: „Mit den
Tantiemen von diesem Buch kannst du dir dann endlich wirksame Schmerzmittel
kaufen.“ Unter derlei Galgenhumor vertrieben wir uns die Zeit, bis uns
der von Dr. Arm-Leychter empfohlene Naturarzt empfing.
Aus den zahlreichen Emailleschildern an
seinem Haus konnten wir entnehmen, daß sich dieser nicht nur auf
Naturheilkunde pur verstand, sondern auch auf Irisdiagnostik, Fußsohlendiagnostik,
Neuralthera-pie, Moorbäder, Lehmwickel und Kaltwassergüsse. Das
war sehr ermutigend. Irgendeine dieser Methoden würde doch sicher
zum Erfolg führen.
Unser Naturarzt sah ganz anders aus, als
wir insgeheim gedacht hatten. Weder trug er einen roten Rauschebart
noch einen angeschmuddelten Jeans-anzug, geschweige denn hatte er schmutzige
Fingernägel.
Es handelte sich vielmehr um ein winziges,
gepflegtes Männchen in reines Arztweiß gekleidet. Er war so
dünn, daß man sich wunderte, daß ihn nicht der Luftzug
vom geöffneten Fenster aus dem Raum wehte.
„Ich weiß bereits Bescheid“, sagte
das Männchen mit hoher Stimme. „Sie werden zunächst einmal damit
aufhören, sich innerlich zu vergiften“. Dabei schaute er uns beide
durchdringend über den Rand seiner Brille hinweg an.
„Ganz recht, ich meine Sie alle beide!“
sagte er, als ob er meine Gedanken lesen könnte. „Der Tod sitzt im
Darm“, fuhr er fort. „Sie zum Beispiel“, und dabei tippte er mir schmerzhaft
auf einen Punkt knapp über der Gürtellinie, „haben einen entzündlichen
Kotbauch, gepaart mit einem spitzen Blähbauch. Aber das kriegen wir
schon hin...“
Damit schnalzte er mit den Fingern und
es erschien ein weibliches Wesen von durchscheinender Blässe und so
dünn, daß sie sich gegen den Luftzug von dem offenbar ständig
geöffneten Fenster stemmen mußte.“ „Eigenblut!“ fistelte das
Männchen, und die Durchscheinende nickte ernsthaft.
Dann schleppte sie mich mit überraschend
kräftigem Griff in ein Nebengemach, bat mich auf eine weiß bezogene
Liege und fragte mich: „Was essen Sie denn so?“ Ich ahnte, worauf sie hinaus
wollte und antwortete wahrheitsgemäß: „Ich glaube, daß
ich mich sehr gesund ernähre. Kein Schweinefleisch, keine tierischen
Fette, viel Gemüse und Obst...“ „Obst und Gemüse - aha“, unterbrach
sie mich „sehr ungesund. Vor allem abends. Und morgens ein Ei zum Frühstück,
vermute ich.“ „ Ja gelegentlich“, gab ich zu. „Dann müssen Sie sich
natürlich nicht wundern, wenn Sie leberkrank sind. Machen Sie sich
mal frei!“
Als ich so frei war, wie sie es wünschte,
stach sie mich am ganzen Oberkörper, in den Ohren, an der Nasenwurzel
und am Handgelenk mit dünnen Nadeln, die sie allesamt stecken ließ.
Dann zapfte sie mir aus der Armvene einen
Liter Blut ab. Mit dem Blut im Glasgefäß ging sie in einen weiteren
Nebenraum, von wo ich anschließend schmatzende Geräusche vernahm.
Alle Geschichten über Vampire gingen mir durch den Kopf, ehe sie wieder
erschien. Aber sie hatte das Blut noch bei sich. Es war jetzt aufgeschäumt.
„Ich habe es mit Ozon vermischt“, sagte
sie und klopfte mit dem Ring ans Glas. Dann spritzte sie mir das Blut mit
einer dicken Kanüle wieder in die Armvene und zog mir anschließend
die Nadeln aus dem Körper. Alle bis auf eine. Die fand ich abends
in meiner Unterhose.
Sie entließ mich mit der Aufforderung,
übermorgen wiederzukommen und der dringenden Empfehlung, bis dahin
nichts zu essen außer altgebackenen Semmeln, wobei ich jeden Bissen
hundert Mal zu kauen hätte. „Und vor allem: Kein Obst, kein Gemüse,
keine Milch, keine Margarine, keinen Fruchtsaft, keinen Honig und kein
Müsli. Höchstens Rotwein und starken Kaffee.“
Verwirrt verließ ich die Praxis
und traf auf einer Bank vor der Tür meine Freundin, die ich ganz vergessen
hatte. „Rotwein und Kaffee?“ fragte ich. „Nein, Weißwein und schwarzen
Tee“, sagte sie.
„Wir kauften uns noch auf dem Nachhauseweg
ausreichende Mengen von Semmeln. Alles übrige hatten wir bereits
im Vorratsschrank. „Eines will mir nicht in den Kopf“, sagte meine Freundin
am Abend des Tages kauend. „Was denn?“ fragte ich, ebenfalls kauend. Trockene
Semmeln halten einen beschäftigt. „Es will mir nicht in den Kopf,
daß du für deinen geblähten Spitzbauch - der mich im übrigen
noch nie gestört hat, fast dieselbe Therapie bekommst wie ich für
mein Kreuz.“
Da hatte sie einen Punkt erwischt, an
dem ich auch schon einige Zeit herumgrübelte. Aber seit ich - durch
den Naturarzt und dessen Finger aufmerksam gemacht, in mich hineinhorchte,
spürte ich ein deutliches und ungesundes Rumoren in meinem Bauch und
nahm an, daß der Doktor zumindest in meinem Fall schon wisse, was
angemessen und notwendig war.
Im Laufe der nächsten 24 Stunden
verstärkte sich das Rumoren in mir, und ich kam zu der Überzeugung,
daß mein Fall doch ernster sei, als ich zunächst angenommen
hatte. Meine Freundin betrachtete mich besorgt von der Seite und bot mir
gelegentlich eine trockene Semmel an.
Nach einer Woche und drei intensiven Behandlungen
durch meine durchscheinende Therapeutin war ich schwerkrank. Ich verlor
rapide an Gewicht. Meine Haut nahm eine fahle Blässe an, und ich büßte
all meine Kräfte ein.
Meine Freundin pflegte mich aufopfernd
und schleppte immer neue Brötchen an, die ich kaute, sofern ich dazu
die Kraft aufbringen konnte. Ich wußte, daß ich mich mit Gemüse,
Obst, Milch, Müsli und Frühstückseiern innerlich vergiftet
hatte und bereitete mich auf mein Ende vor.
Nach einer weiteren Woche - ich war nur
noch ein Schatten meiner selbst - geschah es dann: ich wachte mitten in
der Nacht mit dem unstillbaren Drang auf, jetzt sofort und auf der Stelle
etwas zu essen.
Mit schwacher Stimme rief ich nach meiner
Freundin, die mir innerhalb weniger Minuten ein herrliches Steak zubereitete,
das ich gierig verschlang. „Wo um Himmels willen hast du denn das Steak
her?“ fragte ich. „Gekauft. Ich war die ewigen Semmeln leid“, sagte sie.
Und dann fiel mir noch etwas auf: Mit
wiedererwachenden Lebensgeistern gewahrte ich, was ich nur im Unterbewußtsein
registriert hatte: Meine Freundin bewegte sich behende und munter, so als
hätte sie nie im Leben Schmerzen gehabt.
„Und was ist mit deinen Kreuzschmerzen?“
fragte ich. „Die sind weg“, sagte sie. „Diese ewige Semmelschlepperei und
die Sorge um dich. Was weiß ich. Jedenfalls sind sie weg.“
Und so hat uns die Naturheilkunde beiden
geholfen. Ich bin zwanzig Pfund leichter, während meine Lebenskräfte
unter der selbstauferlegten Steak-Kur wiederkehren, und sie hat keine Schmerzen
mehr. Und das spricht doch schließlich bei aller angebrachten Skepsis
für die Methoden der alternativen Medizin....
Und die längst geplante Reise konnte
nun, wenn auch mit Verzögerung doch noch angetreten werden.
Die Schreibmaschine
Meine Freundin ist - ich glaube ich erwähnte
es bereits- ein Sprachgenie. Am liebsten unterhält sie sich mit den
Menschen in ihrem Heimatidiom. Vor allem dann, wenn dieses Heimatidiom
ein ausgefallener Gebirgsdialekt mit vielen Zisch- und Rachenlauten ist.
Bevor ich sie kennenlernte, hatten die
Leute mich für ein Sprachgenie gehalten, weil ich mich mit vielen
Leuten in ihrem Heimatidiom unterhalten konnte. So konnte ich zum Beispiel
auf japanisch sagen: „Sind Sie etwa Herr Michikosuko - sehr erfreut.“ Auf
finnisch gelang mir der Satz: „Wie weit ist es bis zur nächsten Sauna?“
Auf holländisch: „Guten Morgen, haben Sie heute frische Eier?“ Und
in Suaheli: „Entschuldigen Sie bitte, wo ist hier das nächste Bordell?“
Was mein ungarischer Satz eigentlich auf
deutsch heißt, weiß ich nicht. Jedenfalls pflegten ungarische
Damen sich an ihrem Tokaier zu verschlucken, wenn ich ihn sagte, während
der Zigeunerprimas neckisch mit dem Fidelbogen drohte.
Seit ich jedoch mit meiner Freundin zusammenlebe,
muß ich mich bemühen, mir von all diesen Sprachen die wichtigsten
Grundvokabeln einzuprägen, denn sie beherrscht sie alle in Wort und
Schrift. Von einigen wenigen Ausnahmen einmal abgesehen.
Eine der Ausnahmen war bis vor einiger
Zeit eine Sprache, in der ich schicksalsbedingt und also ohne mein Zutun
einigermaßend fließend bin: das Hebräische. Und da das
nun mal so ist, erlernt meine Freundin nun auch noch das Hebräische.
In Wort und Schrift, denn wie gesagt, sie versucht, sich mit jedem Menschen
in seinem Heimatidiom zu unterhalten. Und Hebräisch hat zudem viele
Zisch- und Rachenlaute, was sie besonders reizt.
Beim Sprachenlernen geht meine Freundin
ganz methodisch vor. Zunächst einmal besorgt sie sich eine Sprachlehre.
Dann erlernt sie das jeweilige Alphabet mit den dazugehörigen Ausnahme-
und Ausspracheregeln, dann macht sie sich über Vokabeln und Grammatik
her.
Ganz anders als ich, der ich mir mein
Vokabular ausschließlich im Umgang mit der betreffenden Bevölkerung
aneigne. Vorzugsweise in meinen jeweiligen Stammkneipen. Dabei bekommt
man natürlich auch die Mentalität der Einheimischen mit, was
ein nicht zu verachtender Vorteil ist. Vor allem beim Hebräischen
ist das wichtig.
Und da bei der Methode meiner Freundin
die Mentalität der jeweiligen Bevölkerung nicht an erster Stelle
kommt, ist gelegentlich die eine oder andere Überraschung nicht ausgeschlossen.
So war das auch bei unserer endlich angetretenen Reise an die Gestade des
Sees Genezareth.
Inzwischen hatte sie ihre Hebräisch-Kenntnisse
noch weiter ausgebaut. Und sie hatte sich vorgenommen, während unseres
Aufenthaltes noch weiter daran zu arbeiten.
“Weißt du, die Druckbuchstaben sind
doch einigermaßen mühsam“, sagte meine Freundin eines Tages,
als ich gerade an besagtem Gestade einen Fisch briet, den wir
dank meiner Sprachkenntnisse am Morgen auf dem Fischmarkt nahezu für
den korrekten Preis erstanden hatten. Jedenfalls kostete er nur unwesentlich
mehr als im Restaurant. „Und deswegen habe ich mir gedacht, solange wir
hier sind, könnte ich mir doch eine Schreibmaschine kaufen, um darauf
zu üben. Das würde mich wesentlich rascher voranbringen.“
„Du meinst, wir fahren jetzt in den nächsten
Ort und kaufen uns eine Schreibmaschine mit hebräischen Lettern?“
„Genau“, sagte sie. Also fuhren wir nach Tiberias, der Hauptstadt von Obergaliläa,
und begaben uns ins Kaufhaus „Kolbo Shalom“, und zwar in die Schreibwarenabteilung.
Es war heiß, und da zusammen mit
der Klimaanlage gerade der Lift ausgefallen war, stiegen wir zu Fuß
in den vierten Stock, wo sich laut Hinweistafel die Schreibwarenabteilung
befand. Es war gerade eine Lieferung von englischen Hüten mit kleinen
Fehlern hereingekommen.
Und daher standen auf allen Fluren Kartons
mit englischen Hüten mit kleinen Fehlern, über die sich Hunderte
von Einheimischen beugten, die diese Hüte anschließend vor
den beiden einzigen Spiegeln des Etablissements aufprobierten, was verständlicher-weise
zu kleinen Unstimmigkeiten führte. Das erklärte auch die beiden
Notarztwagen, die vor dem Haus standen.
Die Schreibwarenabteilung, so wurde uns
gesagt, nachdem wir trotzdem im vierten Stock angekommen waren, sei schon
vor drei Monaten in das Basement verlegt worden, und man zeigte sich erstaunt,
daß wir das nicht wußten. „Schließlich steht da ein riesiges
Hinweisschild - oder könnt ihr nicht lesen?“
Tatsächlich - nachdem wir uns über
alle Stockwerke bis ins Kellergeschoß durchgekämpft hatten,
vorbei an der Informationstafel „Schreibwaren vierter Stock“, fanden wir
in der hintersten Ecke des Basements die Schreibwarenabteilung nebst Hinweisschild.
„Schreibwaren“ stand über den Schreibwaren.
So ist es in Israel: Wenn man den richtigen
Weg eingeschlagen hat, wird man hinterher durch eine Bestätigung dafür
belohnt.
Und wie man den richtigen Weg findet?
Das ist schließlich eine Frage der Intelligenz. Außerdem: Jedermann
weiß doch ohnehin, wo was ist, da sich alles herumspricht. Wozu also
extra darauf aufmerksam machen? Sind wir etwa ein Volk von Klatschtanten?
Diese Logik hat etwas.
„Oh, Schätzchen“, sagte die Schreibwaren-verkäuferin
in der landesüblichen Ansprache zu mir, was meine Freundin, die bereits
viele Vokabeln versteht, sichtlich irritierte, „eine Schreibmaschine willst
du also. Wozu willst du eine Schreibmaschine? „Nicht ich will eine Schreibmaschine,
sondern meine Freundin hier.“
„Das ist also deine Freundin. Ein nettes
Püppchen. Aber warum trägt sie keinen englischen Hut? Alle Leute
tragen in diesem Sommer englische Hüte. Sie sollte sich einen kaufen:
Gerade heute ist eine Sendung angekommen. Alles Importe.“
„Meine Freundin möchte aber eine
Schreibmaschine.“ „Was du sagst, eine Schreibmaschine! Aber wozu möchte
sie denn eine Schreibmaschine?“ „Sie möchte darauf schreiben.“ „Ach
so. Aber Schreibmaschinen mit europäischer Tastatur haben wir nicht.“
„Sie möchte ja auch eine Schreibmaschine
mit israelischer Tastatur, mit dem hebräischen Alphabet.“ „Aber wozu
denn? Kann sie Hebräisch?“ „Sie lernt es gerade.“ „Oh, dann ist es
doch viel besser, wenn sie es erst ganz lernt, bevor sie auf einer Schreibmaschine
mit hebräischer Tastatur schreibt. Das ist ziemlich schwierig.“
An dieser Stelle mischte sich meine Freundin,
die bisher stumm zugehört hatte, ins Gespräch: „Möchtest
du uns jetzt eine Schreibmaschine mit hebräischer Tastatur verkaufen
oder nicht - Schätzchen?“ fragte sie fast ohne Akzent. „Nein“, sagte
die Verkäuferin. „Und wieso nicht?“ fragte meine Freundin. „Weil wir
gar keine Schreibmaschinen haben.“
Am Gesichtsausdruck meiner Freundin merkte
ich, daß sie gerade ein Kapitel Mentalität gelernt hatte. Aber
die Verkäuferin war nett. Sie rief für uns ihren Freund an, mit
dem sie sich lange über die Gestaltung des herannahenden Abends unterhielt.
Und dann erfuhren wir, daß es oben am Berg ein Schreibwarengeschäft
gebe. „Ganz leicht zu finden. Jeder kennt es.“
Wir schafften es gerade noch vor Ladenschluß,
nachdem ich meiner Freundin erklärt hatte, warum ich immer in die
entgegengesetzte Richtung fuhr, wenn mir jemand den Weg beschrieb. „Die
Leute rechnen damit“, sagte ich, „und deswegen sagen sie dir immer die
falsche Richtung.“ Aber diesmal mußte wohl ein paarmal die richtige
Richtung dabeigewesen sein, denn ich verfranste mich heillos. „Vielleicht
mögen die Leute in Tiberias keine Ausländer“, mutmaßte
meine Freundin, „und sie schicken dich aus lauter Bosheit in die richtige
Richtung...“
Sie lernt schnell, meine Freundin. Auch
in Sachen Mentalität. Jedenfalls - wir kamen gerade an, als der Ladeninhaber
seinen Rolladen herabließ.
Es würde zu weit führen, wollte
ich das sich anschließende Gespräch wiedergeben. Es steht ohnehin
in groben Zügen weiter oben. Er hatte nämlich keine Schreibmaschinen.
Aber er war nett. „Fahrt runter ins ,Kolbo Shalom’. Die haben eine Schreibwarenabteilung.
Und da müßt ihr fragen.“
Wir bedankten uns artig und fuhren zurück
an unser Seeufer. Am nächsten Morgen erzählten wir die Geschichte
dem jungen Mann vom Kibbuz, der uns immer die Milch und die Eier brachte.
„Warum habt ihr das nicht gleich gesagt!“
rief er. „In ganz Tiberias gibt es keine Schreibmaschine zu kaufen. Seit
es Computer gibt, haben alle ihre Schreibmaschinen abgeschafft. Schreibmaschinen
sind viel zu altmodisch. Wenn ihr so was sucht, müßt ihr nach
Nazareth fahren, zu den Arabern. Die haben so was noch. Ich selbst fahre
einmal die Woche nach Nazareth, wenn ich was für meinen alten Traktor
brauche, für den es sonst keine Ersatzteile mehr gibt. Die haben dort
alles.“
Da ich weiß, daß meine Freundin
erst dann beruhigt ist, wenn die Sache, die sie gerade beschäftigt,
erledigt ist, fuhren wir am nächsten Morgen in wortlosem Einverständnis
in aller Frühe nach Nazareth.
Nazareth ist eine fast ausschließlich
arabische Stadt. Es sind nur knappe siebzig Kilometer über Land bis
dahin, also in einem knappen Vormittag zu schaffen.
Es war heiß in Nazareth. Heiß
und staubig. Und da gerade der Strom ausgefallen war, war es auch heiß
in dem Café, in dem wir kalte Getränke bestellten. Deswegen
setzten wir uns auf die Terrasse.
Der Kaffeehausbesitzer war entzückt.
Entzückt brachte er uns die bestellten Getränke und tat von sich
aus noch saure Gurken, saure Kichererbsen und saures Sesammus dazu. „Bei
dieser Hitze muß man Saures essen“, sagte er. „Das geht auf Kosten
des Hauses.“
Weil wir uns erfreut zeigten, brachte
er auch noch arabischen Kaffee, Wasser und arabische Süßigkeiten,
die wir höflich aßen, obwohl sie uns alles zuklebten.
„Süßes ist gut, wenn es heiß
ist“, sagte er in tadellosem Englisch und lächelte. „Das geht auf
Kosten des Hauses. Haben Sie sonst noch irgendwelche Wünsche?“
„Ja, wir möchten eine Schreibmaschine
kaufen. Eine mit hebräischer Tastatur.“ „Kein Problem. Zufällig
ist der Schreibmaschinenfabrikant ein Vetter von mir. Ich rufe ihn an.
Und der kommt gleich vorbei und bringt Ihnen eine Auswahl.“
„Der ist aber reizend“, sagte meine Freundin.
Statt des versprochenen Schreibmaschinenvetters kam zunächst der Verkäufer
arabischer Gewänder. Dann kam der Verkäufer arabischer Lederwaren,
gefolgt vom Verkäufer christlicher Embleme aus nazarenischem Olivenholz.
Die Verkäufer von handgeschmiedetem
Silber und von Ikonenmalerei kamen gemeinsam. Den Gesichtszügen nach
zu schließen, waren sie alle nahe Verwandte unseres Kaffeehausbesitzers.
Wir waren bereits reichlich mit Orientalika
eingedeckt, als wir uns nach dem Verbleib des Vetters mit den Schreibmaschinen
erkundigten. Der sei auf dem Wege hierher, wurden wir beschieden. Wir sollten
doch noch einen weiteren Kaffee auf Kosten des Hauses trinken.
„Du weißt, warum wir hier umsonst
essen und trinken?“ sagte ich zu meiner Freundin. „Warum?“ „Das hat zwei
Gründe. Erstens sitzen wir hier auf der Terrasse Reklame für
das Café. Wir locken Touristen an. Und zweitens kriegt der Besitzer
von allen seinen Vettern, die er inzwischen herbeigerufen hat, Prozente
für alles, was wir hier zu unverschämt überzogenen Preisen
kaufen. Er lebt von unserer Höflichkeit.“
„Was du nur immer hast!“ sagte meine Freundin.
„ Du und deine Vorurteile!“ Der Vetter kam nach einer guten Stunde.
Er war europäisch gewandet, trug
trotz der Hitze einen Nadelstreifenanzug in Bleu und eine breite,
aber bunte Krawatte. Er brachte einen Katalog mit sowie einen Auftragsblock
und zeigte sich enttäuscht, daß wir gar keinen Großcomputer
erwerben wollten.
Nur mit Mühe war ihm beizubringen,
daß wir auch keinen Kleincomputer wollten und daß wir selbst
bereits zwei Computer besaßen. Er glaubte uns einfach nicht und war
ziemlich beleidigt.
Wir beschlossen zu gehen und fragten nach
der Rechnung für unsere eingangs bestellten kalten Getränke.
Noch nie in meinem Leben habe ich so teure kalte Getränke getrunken.
Der Preis beinhaltete gut und gerne das Doppelte dessen, was wir „auf Kosten
des Hauses“ gegessen und getrunken hatten.
Aber die eigentliche Überraschung
stand uns noch bevor: Unser Wohnmobil stand aufgebockt auf vier Häufchen
von Ziegelsteinen. Die Räder waren abmontiert.
„Zufällig habe ich einen Vetter,
der Reifen und Felgen für diesen Typ von Wohnmobilen verkauft“, sagte
der Kaffeehhausbesitzer, der uns nachgekommen war.
An dieser Stelle sagte meine Freundin
einen längeren arabischen Satz, worauf sich das Olivbraun im Gesicht
des Kaffeehausbesitzers in ein schmutziges Olivweiß verfärbte.
Innerhalb von zehn Minuten hatten flinke Hände unsere Räder wieder
montiert, und wir rollten gemächlich vom Hof.
„Was hast du denn zu ihm gesagt?“ fragte
ich. „Ich habe gesagt: ,Du stinkende Ratte, du Sohn einer räudigen
Hündin und einer Hyäne. Wenn wir unsere Räder nicht unverzüglich
zurückerhalten, rückt hier die Polizei an und nimmt deine Räuberhöhle
auseinander!“
Ich hatte das Gefühl, meine Freundin
habe ein weiteres Kapitel Mentalität gelernt. Wir erreichten Tiberias
knapp vor Sonnenuntergang und beschlossen, an der Strandpromenade noch
ein Eis zu essen.
Rasch kamen wir ins Gespräch mit
einem Tischnachbarn, der meine Freundin fragte, warum sie keinen englischen
Hut trage, die seien im „Kolbo Shalom“ jetzt besonders preisgünstig.
Und ehe ich´s verhindern konnte,
hörte ich sie sagen: „Einen Hut brauche ich nicht. Aber eine Schreibmaschine
mit hebräischer Tastatur.“
„Oh, wenn es weiter nichts ist“, sagte
der Tischnachbar, da fahrt ihr die Hauptstraße runter bis zu dem
weißen Haus mit dem Erker. Dort stellt ihr euer Auto ab. Da darf
man zwar nicht parken. Es ist aber die einzige Stelle, wo man ein Auto
abstellen kann. Dann geht ihr rauf in den zweiten Stock und klopft an die
dritte Tür rechts. Da steht Shlomo Cohen, Notar, dran. Geht zu ihm
und sagt ihm, Eitan schickt euch. Eitan Herschkowitz, und sagt ihm, was
ihr wollt. Der kann euch helfen.“
Es war immer noch sehr heiß in Tiberias,
und so ließ ich meine Freundin im Wohnmobil und stieg alleine
in den zweiten Stock. Shlomo Cohen war ein netter alter Herr mit weißem
Haar.
Er erzählte mir, daß er aus
Berlin stamme und früher in der Mommsenstraße gewohnt habe.
Gleich neben dem Gymnasium, und daß er sich nie an die Hitze in Israel
gewöhnen könne. „Ja, Schreibmaschinen“, sagte er sinnend.
„Da mußte ich neulich einen Konkurs
abwickeln. Eine Schreibmaschinenfirma. Die waren pleite gegangen, weil
alle Leute nur noch Computer kaufen wollen. Einen Teil des Warenlagers
hat ein Klient von mir übernommen. Der versucht, das Zeug nun nach
Europa zu verkaufen. Da sind sie noch ein wenig rückständig.
Die arbeiten viel mit Schreibmaschinen. Die mit der hebräischen Tastatur
gehen aber nicht so gut.“
Der freundliche Notar schickte mich in
eine Werkstatt im selben Block. Ausnahmsweise im Erdgeschoß. Und
ausnahmsweise funktionierte ein großer Ventilator an der Decke. Ich
fühlte mich gleich wohl in dem Laden. Der Chef, ein Riese, der sich
als „Oren“ vorstellte und mir die Hand zerquetschte, wußte schon,
was ich wollte.
„Shlomo hat mir Bescheid gesagt.“ Und
er hatte vorsorglich schon mal eine Schreibmaschine herausgestellt. Genau
das, was wir die ganze Zeit gesucht haben. Hebräische Tastatur und
alles. Gebraucht zwar und ein wenig angeschlagen. Aber wir waren am Ziel.
„Dreihundert Dollar“, sagte Oren. Ich
war so erfreut, daß ich beinahe vergessen hätte zu rechnen.
Aber da ich etwas von Mentalität verstehe, tat ich das, was man an
dieser Stelle tut: Ich feilschte. Bei zweihundertachtzig Dollar stieg er
aus.
Da versuchte ich es andersherum: „Leih
mir die Maschine für zwei Wochen für einen Tagespreis“, sagte
ich. „Zwanzig Dollar pro Tag“, sagte er. Da fiel mir etwas ein: „In Gottes
Namen, verkauf mir die Maschine für zweihundertachtzig Dollar und
kauf sie mir am Ende unseres Urlaubs wieder ab.“
„Gemacht“, sagte er. „Aber für dieses
alte vergammelte Ding kannst du mir nicht mehr als hundert Dollar abverlangen.
Das sage ich dir jetzt schon.“
Was sollte ich tun? Ich schlug ein. Aber
da meine Freundin das Geld bei sich hatte, mußte ich noch einmal
gehen und es holen. Ich fand meine Freundin im vertraulichen Gespräch
mit einer Gruppe von Soldaten, die sie und das Wohnmobil umringten, offensichtlich
hatten wir in der engen Straße ihrem Wagen den Weg versperrt.
„Ich hab´s!“ rief ich. „Wir haben
eine Schreibmaschine. Gib mir das Geld, ich geh’ sie bezahlen!“ „Kommt
gar nicht in Frage“, sagte meine Freundin und deutete auf einen der Soldaten.
„Das hier in Uri. Er ist Offizier der
Reserve. Er hat in Jerusalem einen Laden. Also Uris Reservedienst ist morgen
zu Ende. Dann können wir in seinen Laden kommen, und wir kriegen alles,
was wir wollen, zu Sonderpreisen.“ Uri nickte. „Und was wollen wir?“ fragte
ich ahnungsvoll. „Ein Bauteil für unseren Computer zu Hause, mit dem
wir hebräische Schrift auf dem Bildschirm erzeugen und ausdrucken
können. Uri hat ein Computergeschäft - wer hat heute noch Schreibmaschinen?“
Muß ich hinzufügen, daß
unser neues Bauteil sehr preiswert war? Knapp unter fünfhundert Dollar.
Und das ist wirklich fast geschenkt, wenn man bedenkt, was für Know-how
dahintersteckt. Und wenn Uri und seine Frau im nächsten Jahr Urlaub
in Europa machen, werden sie selbstverständlich bei uns wohnen.....
Falls wir nicht selbst gerade wieder im
Land der Väter sind, denn Gelegenheiten hierzu ergaben sich in der
letzten Zeit auf wundersame Weise wie von selbst. Sogar unsere Schildkröte
hat das Fernweh - oder besser das Heimweh - gepackt, wie wir gleich
sehen werden.
Geraldines Liebesreise
Frauen haben für die verschiedensten
Gelegenheiten die verschiedensten Tonfälle. Die meiner Freundin kenne
ich alle - wie ich meinte. Aber diesen einen speziellen Ton, mit dem sie
mich an jenem besonderen Tag empfing, den kannte ich noch nicht. Es war
eine Mischung aus Grausen und schrillem Entzücken. In diesem Ton sagte
sie anstelle einer Begrüßung den folgenden Satz: „Jerry hat
ein Ei bekommen!“
„Jerry hat bitte was?“ Statt einer Erklärung
fuhr sie - noch immer in demselben Ton - fort: „Und es ist zerbrochen!“
Damit war es mit ihrer Fassung zu Ende. An dieser Stelle ist es wohl an
mir, eine Erklärung abzugeben.
Also: Jerry hatte ein Ei bekommen, und
es war zerbrochen... Nein, ich muß da wohl weiter ausholen. Also:
Jerry ist eine Schildkröte, vermeintlich männlichen Geschlechts
- daher der Name, die wir bei unserer ersten Reise auf der Straße
zwischen Nethania und Nablus vor dem Schicksal des Überfahrenwerdens
gerettet hatten.
Seither teilt Jerry - salatfressend -
unser Leben. Und nun hatte Jerry ein Ei gelegt, mangels Sandbank auf der
Terrasse. Und da war es natürlich sofort zerbrochen.
Jerry war also eine Geraldine. Ein Seitensprung
war ausgeschlossen, denn weit und breit gab es keine männliche Schildkröte
- und die übrigen vierbeinigen Hausbewohner kamen für eine Vaterschaft
nicht in Frage. Das mit Grausen gemischte Entzücken und die gleichzeitige
Trauer meiner Freundin waren also durchaus nachvollziehbar.
Dr. Friedl mußte konsultiert werden.
Doch seine fachmännische Auskunft beruhigte uns ganz und gar nicht.
Im Gegenteil - jetzt fingen die Probleme erst an.
Er sagte nämlich, nachdem er Geraldine
gründlich untersucht hatte - gründlich deswegen, weil meine Freundin
darauf bestand-, das folgende: „Bei Ihrer Schildkröte handelt es sich
um ein ausgewachsenes weibliches Exemplar der Gattung Tortuga graeca -
zu deutsch: Maurische Landschildkröte (sie heißt wirklich so;
dafür heißt die griechische ganz anders). Wo haben Sie die bloß
her?“
Wir sagten es ihm. „Kein Wunder, die gibt
es nämlich hier gar nicht zu kaufen. Übrigens, auch keine anderen
Landschildkröten mehr, seit der Handel verboten wurde. Ja, und daß
sie ein Ei gelegt hat, ist nichts Außergewöhnliches. Das tun
Schildkröten bis zu zwei Jahren nach der Paarung. Schade, daß
es zerbrochen ist...“
Meine Freundin war blaß geworden.
„Wie furchtbar“, sagte sie später. „Stell dir vor, Jerry - ich meine,
Geraldine - hat einen Mann gehabt ,und wir haben sie ihm weggenommen!“
„Da gibt es nur zwei Möglichkeiten“,
erwiderte ich. „entweder, wir setzen das Tier wieder dort aus, wo wir es
aufgelesen haben...“ „Ausgeschlossen! Geraldine bleibt bei uns!“
„...oder aber wir suchen ihr einen Lebensgefährten zwecks weiterer
Paarung.“ Letzteres hielt sie für die bessere Idee.
Also gaben wir in einschlägigen Blättern
Heiratsannoncen auf: „Maurische Landschildkröte in den besten Jahren
sucht ebensolchen Partner zur Freizeitgestaltung. Spätere Heirat nicht
ausge-schlossen.“
Wir erhielten zahllose Zuschriften von
Tortugamanen - fanatischen Liebhabern von Landschildkröten-. Alle
wollten Geraldine kaufen. Oder doch wenigstens sehen.
Nach dem zehnten Besucher erwogen wir,
Eintrittsgebühr zu erheben. Die letzte Maurische Landschildkröte
auf deutschem Boden war nämlich 1978 in der Gegend von Celle gesehen
worden. Geraldine war in der Tat einzigartig; an Heirat war unter diesen
Umständen also nicht zu denken.
Was tun? wollte ich meine Freundin fragen.
Aber ich wußte die Antwort bereits, ehe ich die Frage stellte: Flüge
in Geraldines Heimatland sind ja, wie wir bereits wussten, heutzutage nicht
mehr unerschwinglich. Schwieriger war es schon, eine Einfuhrgenehmigung
für eine „Tortuga graeca - männlich“ zu erhalten, denn meine
Freundin wollte sich zwecks Familienzusammenführung auf die Suche
nach Geraldines Verlassenem machen.
Bereits im Flugzeug wurde ich mit einem
befremdlichen Umstand konfrontiert: Meine Freundin griff nämlich mit
einem „Komm, jetzt darfst du ins Freie“ in ihre Handtasche - und zum Vorschein
kam... Richtig geraten! „Wie um Himmels willen hast du die bloß durch
die Sicherheitskontrolle gebracht? Und vor allem, wie bringen wir sie wieder
zurück?!“ raunte ich. „Unsere Einfuhrgenehmigung reicht nur für
eine Schildkröte - männlich!“
„Laß mich nur machen“, sagte meine
Freundin beruhigend. „Außerdem ist Geraldine doch wohl die einzige
von uns, die ihren Ehemann kennt, nicht wahr?“ Diesem Argument mußte
ich mich beugen...
Auf der Straße zwischen Nablus und
Netanya befand sich jedoch keine Tortuga graeca - männlich. Abgesehen
von plattgefahrenen Apfelsinen und gelegentlichem Eselsdung befand sich
hier überhaupt nichts, was einer Schildkröte auch nur im entferntesten
ähnelte.
Die arabischen Bauern auf den angrenzenden
Feldern zeigten sich beim Anblick Geraldines entzückt und machten
die Bewegung des Aufgreifens und Zum-Mund-Führens. Dabei verdrehten
sie die Augen und klopften sich mit der flachen Hand auf den Bauch!
Meine Freundin begriff zuerst: “Sie wollen
Geraldine aufessen! Sie haben auch ihren Mann gefressen!“ Sie war voller
Abscheu. Schließlich erfuhren wir dann doch mit Hilfe eines mehrsprachigen
Arabers, daß die Schildkröten, die im übrigen als Delikatesse
sehr geschätzt waren, leider vor zwei Jahren aus der Gegend verschwunden
seien. Schuld daran sei wohl die immer häufigere Verwendung von Kunstdünger
und Insektiziden. Drüben an der Küste, da gäbe es noch Schildkröten
- auch im Gebirge...
Flugs hatte meine Freundin den Satz „Bitte,
wo finde ich hier Schildkröten?“ auf Hebräisch gelernt. Die Leute
waren nett. Die einen schickten uns in Zoohandlungen, wo man uns grüne
allerliebste Wasserschildkröten anbot, die anderen rieten uns, fleißig
unter Dornbüschen und in Kaktushecken nachzusehen, da hielten sie
sich am liebsten auf.
Zerschunden und zerkratzt, aber ohne Tortuga
graeca - männlich, gerieten wir am Nachmittag des dritten Tages an
einen, der ganz genau wußte, wo wir suchen mußten:“Fahren Sie
dort hinunter, vorbei an dem Schild ‘Einfahrt verboten’ und dann weiter
die Sandpiste entlang. Nach kurzer Zeit werden Sie sie finden.“
Nach besagter kurzer Zeit standen wir
vor einem maschinengewehrstrotzenden Panzerfahrzeug nebst dazugehörigen
stahlhelmbewehrten Soldaten im Kampfanzug, die uns den Weg versperrten.
„Was wollen Sie hier?“ fragte ein Offizier barsch. Meine Freundin sagte
ihren hebräischen Satz: „Bitte, wo finde ich hier Schildkröten?“
„Hier“, sagte der Offizier, „und warum, bitte schön?“ „Wir suchen
einen Mann für unsere Geraldine“, sagte sie.
Sofort erhellte sich die Miene des Offiziers.
„Ist sie hübsch?“ fragte er - und gleich reckten sich Hälse aus
allen möglichen Öffnungen des Panzerfahrzeugs. „Wie man`s nimmt“,
sagte meine Freundin und holte Geraldine hervor, die gerade geschlafen
hatte.
Der Unterkiefer des Offiziers klappte
nach unten, und er sah unbeschreiblich dämlich aus. Die niedrigen
Ränge dagegen wälzten sich brüllend im Sand, und einer schmiß
vom Lachen überwältigt einfach seine MP in hohem Bogen weg.
Wie hätte meine Freundin denn auch
wissen können, daß auf Hebräisch „Schildkröte“ und
„Armee“ dasselbe Wort ist. Schließlich ist die Armee das Schild der
Nation...
Als der Offizier begriff, daß wir
ihn nicht etwa auf den Arm nehmen wollten, ließ er ausschwärmen.
„Sucht unter Dornbüschen und in Kaktushecken“, sagte er zu seinen
Männern, „dort sitzen sie am liebsten.“ Zerkratzt, zerschunden und
geschlagen gab die sonst siegreiche Armee nach einem halben Stündchen
auf. „Gelände erfolglos nach Schildkröten durchsucht“, meldete
ein Sergeant mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Und so zogen wir denn weiter, nicht ohne
den Soldaten für ihre Mühe gedankt zu haben. Wir durchkämmten
das Land von Süden nach Norden, hielten bei jedem Stein am Straßenrand
und lernten jeden einheimischen Kaktus persönlich kennen. Nichts-
kein Mann für Geraldine. Die fraß indessen die einfache, aber
nahrhafte Landeskost in Form von Kakteenfleisch und Disteln und schien
das Ganze nicht zu begreifen.
Das seltsame war, daß jeder, den
wir nach Schildkröten fragten, gerade vor ein paar Minuten eine gesehen
haben wollte - doch uns entzogen sich die Tiere, die doch wohl nichts von
unserer Aus- und Einfuhrgenehmigung wissen konnten.
Erst an unserem allerletzten Urlaubstag
wurden wir überraschend fündig. Schon eine Weile war uns das
aufgeregte Gehabe von Geraldine aufgefallen - und so bogen wir denn in
einen kleinen Dünenweg an der Küste ein. Geraldine wurde immer
wepsiger. Schließlich hielten wir das Auto an und stiegen aus: Es
gab Schildkröten satt - jedweder Größe und jedweden Temperaments.
Sie saßen nicht nur unter den Dornbüschen,
sie krabbelten auch über den Sand - wir brauchten sie nur aufzulesen.
Für Geraldine war’s wie ein Traum - sie durfte selber wählen.
Hocherhobenen Hauptes und mit leicht schwingendem Gang lief sie unter ihren
Artgenossen umher, von denen wir ein gutes Dutzend eingesammelt hatten.
Meine Freundin wollte sie natürlich
alle behalten. „Kommt überhaupt nicht in Frage!“ beharrte ich. „Nur
ein einziges Männchen!“ Geraldine hatte gewählt. Man erkannte
es daran, daß sie eines der Tiere heftig in Kopf und Beine biß.
„Genau wie im Schildkrötenbuch!“
frohlockte meine Freundin. „Wenn sie sich lieben wollen, dann beißen
sie sich!“ „Und woher wissen wir, daß Geraldine nicht inzwischen
lesbisch geworden ist...“ zweifelte ich.
Sie war es nicht, denn: „Bei Männchen
ist der Bauchpanzer leicht nach innen gewölbt, während sich die
Geschlechtsöffnung in deutlicher Entfernung von der Schwanzwurzel
in unmittelbarer Nähe der Schwanzspitze befindet“, zitierte meine
Freundin das Schildkrötenbuch.
Wölbung und Öffnung befanden
sich bei Jerry an der richtigen Stelle, und meine Freundin bestand darauf,
daß es sich um Geraldines ursprünglichen Lebensgefährten
handelt, zumal unsere Schildkrötendüne gar nicht so weit von
Netanya entfernt war: In zwei Jahren hätte er die Strecke leicht bewältigen
können.
Nachzutragen wäre noch, daß
Jerry und Geraldine in einem Liebeslager aus Disteln und Kakteen die Rückreise
antraten - die beiden unten, Disteln und Kakteen oben. Auch Zollbeamte
zerstechen sich nur ungern die Hände. Und so gelangten die beiden
unbehelligt nach München.
Meiner Freundin zufolge ist Geraldine
wieder schwanger. Frauen haben ja für so etwas ein untrügliches
Gefühl.
Und da wir nun eine große Familie
sind - die beiden Schildkröten nebst zu erwartendem Nachwuchs und
die drei reiselustigen Hunde eingerechnet, haben wir - gestählt
durch unsere nahöstlichen Erfahrungen- beschlossen, ein bewährtes
Modell der Fortbewegung auf Europa zu übertragen:
Mit Moby durch dick und dünn
oder Auf nach Latex Beach
Leviatan, der sagenhafte Riesenfisch des
Propheten Jonas, bot seinem Herrchen drei Tage und drei Nächte lang
Logis in seinem Inneren. Ein anderer Riesenfisch namens Moby Dick beherbergte
gar eine ganze Poker-Runde, angeführt von einem gewissen Kapitän
Ahab...
Unser Moby hat innen Platz für einen
kompletten Hausstand, drei reiselustige Hunde, mindestens zwei Schildkröten,
einen Kühlschrank, einen Gasherd, eine Duschkabine, ein Klo sowie
für meine Freundin und mich. Außerdem hat unser Moby unten vier
Räder und vorn einen leistungsstarken Dieselmotor. Es handelt sich
- Kundige haben es bereits erraten - um ein Reisemobil, das seinen Namen
teils klassischen Vorbildern, teils der zärtlichen Abkürzung
seiner Zweckbestimmung verdankt.
Daß wir Moby überhaupt besitzen,
verdanken wir dem genialen aber komplizierten Sparprogramm, das meine Freundin
entwickelt hat. Sie hat es in langen und zähen Verhandlungen mit den
örtlichen Vertretern von diversen Versandhäusern erreicht, auf
ihre Bestellungen zwischen zehn und 15 Prozent Rabatt zu erhalten.
Seither schleppt unser Briefträger
große Mengen von Haupt- und Sonderkatalogen ins Haus. Meine Freundin
liebt schöne Dinge. Und da in den Katalogen viele schöne Dinge
angeboten werden, bestellt sie alles, was ihr gefällt, oder alles,
von dem sie annimmt, daß es mir gefällt. Meist sogar beides.
Auf diese Weise kam ich zu einer ansehnlichen
Kollektion von Krawatten, Jogginganzügen, Schlagbohrern,
Wasserschläuchen, Hometrainern und Korkenziehern.
Außerdem erstand sie auf diese Weise
unsere feuervergoldeten Wasserhähne fürs Bad, die Couchgruppe
für unsere Putzfrau Tamara, das Gartenhaus für ihren Großvater,
den dringend benötigten Mikrowellenherd mit integrierter Grilleinheit,
die Anti-Rheuma-Kräuterdecken für unsere Hunde, die Jugendstil-Gaslaternen
für unseren Garten, den CD-Player samt Boxen für unsere Keller-Sauna,
die Sonnenliege, (die ich immer noch nicht ausgepackt habe, weil es in
unserem Haus keinen Platz mehr zum Aufstellen gibt) und ein paar Garnituren
Sommer-Frühjahrs-Herbst-und Wintergarderobe für sich und alle
Mitglieder unserer vereinigten Familien.
Von dem auf diese Weise eingesparten Geld
konnten wir uns dann Moby leisten, - nachdem unsere Bank unsere Kreditlinie
netterweise noch einmal aufgestockt hatte.
Wie gesagt, ein geniales Sparprogramm.
Man muß nur daraufkommen....
Moby mußte schon deswegen sein,
weil nicht nur unsere Hunde, sondern auch wir gerne verreisen, während
die meisten Hotelbesitzer des europäischen Auslands Hundebesitzer
als Gäste nur dann richtig schätzen, wenn sie ihre Hunde zuhause
lassen. Zumal, wenn es gleich drei sind.
„Außerdem sparen wir auf diese Weise
eine Menge Geld“, sagte meine Freundin, die weiß, daß es ihr
mit diesem Argument immer wieder gelingt, meine Bedenken bereits im Keim
zu ersticken. „Und man lernt Land und Leute kennen“, fügte sie hinzu.
Dieses Argument hatte sie von mir übernommen.
Ich hatte es eingesetzt, um ihr unsere allererste Reise mit einem - damals
noch geliehenen Wohnmobil schmackhaft zu machen.
Schon bei der Inneneinrichtung von Moby
sparten wir viel Geld, da meine Freundin Bettwäsche und Gardinen,
die sie aus einem ihrer Kataloge bestellt hatte, selbst in Pink und Türkis
einfärbte.
Weitere Beträge sparten wir bei der
Anschaffung von unzerbrechlichem Geschirr, von pinkfarbenen Plastik-Kisten,
einem pinkfarbenen Plastik-Mülleimer und einer Chemikalientoilette,
die es leider nur in sanitärbeige gab. Dafür gab es Fleckerlteppiche
in Türkis und in Pink, was meine Freundin wieder versöhnte.
Ihre erste Alleinfahrt mit Moby unternahm
sie, um Schaumgummi-Matratzen einpassen und anfertigen zu lassen. Von dieser
Fahrt kam sie weinend zurück. Hausfrauen hatten ihr beim Ampelstopp
aus japanischen Familienautos heraus mit der Faust gedroht, und der Schaumgummityp
hatte ihr den Po getätschelt und 100 Mark geboten.
Sie hatte nicht bedacht, daß in
unserer Wahlheimat München alleinchauffierende Wohnmobil-Pilotinnen
einen gewissen Ruf haben. „Sehe ich wirklich so aus, als könnte ich
nur hundert Mark verlangen“, schluchzte sie. „Auf keinen Fall!“ versuchte
ich sie zu trösten. „Ich hätte dir mindestens zweihundert geboten.“
Aber das war ihr dann auch wieder nicht recht.
Von nun an wollte sie auch nicht mehr
ans Steuer, was uns zu einer klassischen Rollenverteilung verhalf: Ich
fuhr, und sie kümmerte sich um den Haushalt.
Unsere Jungfernfahrt sollte über
die Alpen nach Italien gehen. „Überall sieht man Wohnmobile mit italienischen
Nummernschildern“, sagte meine Freundin. „Italien muß ein wahres
Paradies für Wohnmobile sein.“
Das leuchtete auch mir ein. Und so fuhren
wir los. Vorher hatten wir noch alles Nötige für die Fahrt erstanden:
Wassermelonen, Spaghetti, Olivenöl, Tomaten und italienischen Wein.
„Ich habe gelesen, daß in Italien
alles teurer ist als hier. Außerdem ist dort immer Streik“, begründete
meine Freundin ihre Zusammenstellung der Vorräte. Und auf stilgerechte
italienische Küche wollten wir ja keineswegs verzichten.
Unsere erste Erfahrung mit Italien machten
wir bereits auf der deutschen Autobahn: Italienische LKW-Fahrer ließen
unser Moby beim Überholmanöver immer nur bis zur Fahrerkabine
aufrücken. Dann gaben sie plötzlich Gas und ballten gleichzeitig
die linke Faust bei ausgestrecktem Mittelfinger.
„Was haben die bloß?“ fragte meine
Freundin. Ich konnte nur mutmaßen: „Vielleicht halten sie sich für
die Schnellsten und finden es pervers, von einem Langsameren überholt
zu werden...“
Ein wenig frustrierend war das schon,
und so beschlossen wir, noch diesseits der Alpen die erste Rast einzulegen.
Selbstverständlich nicht auf irgend so einem Campingplatz, sondern
in Gottes freier Natur.
Da hatten wir allerdings nicht mit Anliegern
und Forstverwaltungen gerechnet. Denn Natur gibt es zwar diesseits der
Alpen noch ziemlich viel. Von frei kann aber keine Rede sein: Feld- und
Waldwege waren mit Schranken und Verbotsschildern ausgerüstet und
verwehrten uns solchermaßen den wahren Naturgenuß.
Erst ein alter Bauer mit Heugabel über
dem Rücken rettete die Jungfernnacht unserer Jungfernfahrt. Die Nacht
begann bereits zu sinken, als er uns gegen die Entrichtung von hundert
Schilling in eine romantische Almwiese einwinkte.
Daraufhin bereitete meine Freundin Spaghetti
mit Tomatensauce, während sich die Hunde draußen vergnügten
und ich die mitgebrachten Aperitifs durchprobierte. Es begann sehr romantisch
zu werden.
Es blieb romantisch, auch als erste Regentropfen
mit hohlem „Plopp“ aufs Dach fielen. Allerdings mußten wir jetzt
die Hunde hereinholen. Die hatten sich indessen stillvergnügt in Kuhfladen
gewälzt und verbreiteten den entsprechenden ländlichen Duft,
was für meinen Geschmack ein wenig zuviel Natur pur für den Anfang
war.
Die Hunde mußten also einer gründlichen
Reinigung unterzogen werden, während die Spaghetti kalt wurden. Aber
Spaghetti kann man ja wieder aufwärmen. Und so wurde es dann doch
noch ein wenig romantisch in unserem rollenden Heim. Mit viel Rotwein
bei prasselndem Regen und gelegentlichen Donnergrollen.
Übrigens: Man gewöhnt sich nur
schwer an den Duft von frischen Kuhfladen. Das hatte ich nicht gewußt
und auch nicht, daß Hunde schnarchen, denn bis jetzt hatten wir unsere
Nächte nicht auf so engem Raum miteinander verbracht. Wenigstens nicht
alle fünf.
Also: Hunde schnarchen! Wobei ich nicht
weiß, was mich länger wach hielt: Das Hundeschnarchen, das anschwellende
Getrommel des Regens, die Windböen, die unser Moby durchrüttelten,
die grellen Blitze mit gleichzeitigem brüllenden Donner oder die Fragen
meiner Freundin, ob wirklich kein Blitz einschlagen könne und ob wir
uns nicht lieber einen Blitzableiter zulegen sollten...
Irgendwann müssen wir dann doch eingeschlafen
sein, denn ich erwachte an einer Stille, die geradezu durchdringend war.
Sie klang einem förmlich in den Ohren. Es war wie ein Brausen und
Läuten. Eigentlich war es mehr ein Läuten. Und dieses Läuten
kam immer näher.
Ich beschloß, aus dem Fenster zu
blicken und schaute direkt in zwei braune, feuchte Augen. Sie gehörten
zu einer Kuh, die eine große Schelle umgehängt hatte: Ich befand
mich auf Blickhöhe mit der Erzeugerin der würzigen Fladen. Genaugenommen
und bei näherem Hinsehen waren es viele Fladenerzeugerinnen. Eine
ganze Herde.
Und diese Herde mußte unser Fahrzeug
für eine Art Futterwagen halten. Jedenfalls umringten sie Moby erwartungsfrohen
Blicks und dachten nicht daran zu weichen. Auch nicht, als ich - etwas
überstürzt und nur halb angezogen - den Motor anließ.
Unser Rückzug vollzog sich denn auch
millimeterweise, aber geordnet. Gefrühstückt haben wir dann am
Ufer eines Bergsees, in dessen kristallklaren Fluten auch die letzten Spuren
unseres nächtlichen Abenteuers verschwanden.
Die Sonne schien wieder vom blauen Himmel,
die Hunde wollten dringend weiterfahren und so gelangten wir dann frohen
Mutes über die Grenze nach Bella Italia, wo uns sogleich viele Verbotsschilder
in die Augen stachen. Diese Schilder trugen allesamt die Inschrift: „Verboten
für
Wohnmobile...“
„Jetzt weiß ich, warum es in Deutschland
so viele Wohnmobile mit italienischer Nummer gibt“, sagte ich. Meine Freundin
sagte gar nichts. Sie studierte die Karte, denn sie hatte den Ehrgeiz,
uns auf dem schnellsten Weg an die Gestade des Mittelmeeres und dort an
einen romantischen Küstenabschnitt zu dirigieren.
Ich erinnerte mich an einen kilomerterlangen,
weiten Strand mit wunderbar weißem Sand, der sich über viele
Kilometer zwischen Marina di Carrara und Livorno entlang der toskanischen
Küste erstreckte. Wie geschaffen für lange Spaziergänge
mit unseren pflegeleichten Reisehunden und gelegentlichen Ausflügen
unserer Schildkröten im warmen Sand.
„Woher kennst du denn diese Gegend?“,
fragte meine Freundin mit jenem Unterton, der besagte: „Sicher bist du
schon vor mir mit einer deiner zahlreichen Freundinnen hiergewesen...“
Da sie mit dieser unausgesprochenen Vermutung
recht gehabt hätte, sagte ich lieber gar nichts, was sie dann wieder
als Bestätigung auffaßte. Daraufhin verfiel sie für den
nächsten längeren Streckenabschnitt in unheilschwangeres Schweigen.
Was sich allerdings zwischen Marina di
Carrara und Livorno erstreckte, war inzwischen nicht mehr auszumachen,
denn zwischen Straße und Strand hatte seit meinem letzten Aufenthalt
der italienische Geschäftssinn Touristenfallen in Form von gastronomischen
Betrieben gesetzt.
Auch nicht das kleinste Fitzelchen freier
Strand war zu gewahren. Kaum hatten wir jedoch den Industriehafen von Livorno
hinter uns, fanden wir mit Hilfe sachkundiger Führung von Eingeborenen
ein herrliches Fleckchen Strand namens „Latex Beach“. Dort stellten wir
- inzwischen war schon wieder die Dämmerung hereingebrochen - Moby
in den Sand.
Es war herrlich. Der Mond schien, die
Wellen rauschten, der Wein schmeckte und die Hunde tobten am Strand entlang.
Es störte uns nicht, daß sich die Gegend allmählich mit
anderen Fahrzeugen füllte. Die waren nämlich sehr winzig und
außerdem löschten sie sofort nach ihrer Ankunft die Lichter.
„Wie romantisch die Italiener sind“, seufzte meine Freundin. „Fahren die
nach Feierabend an den Strand und betrachten den Mond und die Wellen. Fehlt
nur noch, daß einer singt...“
Ich indes fragte mich, warum die Italiener
beim Betrachten der Abendstimmung ihre nackten Beine aus dem Fenster ihrer
Kleinwagen streckten...
Die Antwort erhielt ich erst am nächsten
Morgen, als die Bassethündin Stoney ein Spitzenhöschen apportierte
und schwanzwedelnd vor uns niederlegte. Im Laufe von fünf Minuten
hatte sie weitere zehn Höschen verschiedener Bauart und Färbung
zusammengetragen.
Außerdem sahen wir jetzt im freundlichen
Licht der Morgensonne, woher unser romantischer Strand den Namen „Latex
Beach“ hatte: Er war übersät damit. Eine Variante des italienischen
Liebesspiels scheint es zu sein, das Höschen der jeweiligen Dame mit
Schwung in die Botanik zu feuern - gleichsam als Ausdruck der entsprechenden
Liebesglut.
Ratlos sagte meine Freundin. „Aber warum
so unbequem im Auto? Haben die Italiener denn keine Betten?“ „Haben sie
schon“, entgegnete ich. „Aber die sind vermutlich bereits belegt. „So -
und mit wem?“ „Mit dem zugehörigen Ehepartner.“ „Willst du damit sagen,
daß die alle ihre Frauen betrügen?“ fragte meine Freundin, und
ich merkte, wie endgültig Entrüstung in ihr hochstieg. „Ja, und
ihre Ehemänner“, fügte ich hinzu. „Aber warum heiraten die dann
nicht gleich jemand anders?“ wunderte sich meine Freundin.
Meine Antwort fiel kryptisch aus: „Das
tun sie doch!“
Übrigens entdeckten wir noch am selben
Tag, daß der Sport des Höschenwerfens nicht auf unseren einsamen
Strandabschnitt beschränkt ist. Es scheint sich um eine Art Nationalsport
zu handeln: In allen Supermärkten, die wir auf der Suche nach Hundefutter
betraten, stand gleich am Eingang ein großer Ständer mit Höschen
aller Bauarten, Größen
und Farbgebungen. Gegen elf Uhr vormittags
waren die gängigen Größen vergriffen.
Und dann machten wir im Lauf des Tages
noch eine Entdeckung: Wir fanden Norditaliens einzigen befahrbaren Zugang
zum Meer: Vorbei an einem Schild „Gesperrt für Wohnmobile“ hinter
einem offenbar pleitegegangenen Hotel.
Später kamen Männer mit einer
langen Stange, an deren Spitze ein lebender Vogel angekettet war. Diese
Stange steckten sie in den Sand und verschwanden in den Dünen. Der
Vogel flatterte auf und setzte sich wieder. Das veranlaßte wilde
Vögel, sich ihm zu nähern. Plötzlich brach der Krieg aus.
Artillerie, schwere Mörser, Maschinengewehre Boden-Luft-Raketen, Stalinorgeln.
Alles wurde in den Dünen abgefeuert.
Federn stoben, zerfetzt lagen die Vögel am Boden. Wir waren mitten
in eine italienische Jagd geraten. „Du wolltest Land und Leute kennenlernen“,
sagte ich zu meiner Freundin und bereute es sofort wieder, denn sie begann,
still vor sich hinzuweinen.
Wir brachten unsere Tiere in Sicherheit
und verließen den Ort des Gemetzels. „So habe ich mir Italien nicht
vorgestellt“, sagte sie, deren Italienbild unter anderem durch Michelangelo,
Rudi Schurike, Milva und dem Roman „Quo vadis“ geprägt ist, garniert
mit venezianischem Glas, Florentiner Spitzen, Mailänder Schuhen, Turiner
Karossen und römischer Couture.
Alles Dinge, die nördlich der Alpen
jedermann zugänglich sind. Als während eines Rasts an einem öffentlichen
Picknickplatz mit Blick auf die Rückseiten der Hotels, deren Vorderseiten
Blick aufs Meer hatten, eine gemischte Schulklasse unter sachkundiger Anleitung
zweier Lehrer ein Steine-Wettwerfen auf unsere drei erschrockenen Hunde
begann, beschlossen wir die Heimfahrt.
Wir hatten für diesmal unsere Lektion
in Sachen Land und Leute intus.
Nicht, daß wir im Zorn geschieden
wären, denn wir hatten dann doch noch ein sehr nettes Erlebnis: Die
Wirtin eines entzückenden romantischen Hotels am Gardasee, das ich
von früheren Besuchen her kenne - meine Freundin war viel zu erschöpft,
Einzelheiten zu hinterfragen - erlaubte uns, mit kleinem Aufschlag auf
den Zimmerpreis unser Moby in ihrem Park abzustellen.
Und sie kam uns sogar soweit entgegen,
daß sie nicht auf Vollpension bestand, denn sie sah ein, daß
wir zumindest das Frühstück selbst zubereiten wollten. Die übrigen
Mahlzeiten servierte uns ein edel gewandeter Kellner frei Autotür.
Auf diese Weise haben wir Spaghetti, Tomatensauce
und all die übrigen Zutaten wieder mit nach München gebracht.
Moby steht in unserm Garten und manchmal trinken wir abends ein Gläschen
Wein in ihm.
Aus den gesteigerten Bestell-Aktivitäten
meiner Freundin schließe ich übrigens, daß sie zur Zeit
auf ein eigenes Grundstück am Meer spart.
Oder können Sie mir sagen, was ich
sonst mit antiken Ritterrüstungen, balinesischen Tanzmasken und dem
Motorschlitten anfangen sollte?
Doch das ist eine andere Geschichte...
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